Abstillen: Mein schwerer Abschied von der Stillzeit

MITTWOCH, 13.11.2019 Lotte L.

Beim Abstillen empfinden manche Mütter ein Gefühl der Befreiung, andere sind traurig. Hier beschreibt unsere Autorin, wie sie schweren Herzens von der innigen Stillbeziehung zu ihrem Sohn Abschied genommen hat.

Abstillen, die erste

Unseren ersten Sohn habe ich ziemlich genau ein Jahr lang gestillt. Kurz vor seinem ersten Geburtstag wollte er plötzlich von sich aus nicht mehr an der Brust trinken. Er drehte entschlossen den Kopf weg, wenn ich ihn anlegen wollte. Das kam für mich völlig überraschend, war er doch über Monate sehr aufs Stillen fixiert. Erst später fand ich heraus, dass ich zu diesem Zeitpunkt wieder schwanger war. In der Schwangerschaft verändert sich offenbar die Beschaffenheit der Muttermilch, was bei Säuglingen zum Abstillen führen kann. Ich weiß noch, ich fühlte eine Mischung aus Wehmut und Erleichterung. Wehmut, weil mir die Nähe zwischen uns fehlte. Erleichterung, weil ich Stillen körperlich als sehr anstrengend empfand. Ich war oft kraftlos und müde, auch durch das häufige nächtliche Anlegen. Zugegeben, die Erleichterung überwog deutlich, denn ich genoss meine wiedergewonnene körperliche Unabhängigkeit und mein Fitsein.

Nicht so jedoch bei unserem zweiten Baby. 

Abstillen, die zweite

Zunächst mal vorneweg, ich war nie ein Verfechter von Langzeit-Stillen. Bevor ich selber Kinder hatte, fand ich die Vorstellung von monatelangem Stillen sogar ziemlich befremdlich. Überhaupt hätte ich nie gedacht, dass ich einmal in besonderer Weise am Stillen hängen würde.

Doch wie oft kommt es anders, als man denkt.

Bei unserem zweiten Sohn verlief schon das Stillen anders als beim ersten. Ich war weniger erschöpft, da er seltener trank und ich mehr zufütterte. Schon relativ bald stillte ich nur noch nachts. Irgendwie verflogen die Monate nur so, und ohne dass ich es mich versah, war ein Jahr vergangen. Halbherzig beschloss ich, einen Abstillversuch zu unternehmen. Gesellschaftlich ist es ja in gewisser Weise eine Norm, etwa um diese Zeit mit dem Stillen aufzuhören. Also bot ich ihm statt der Brust die Flasche an, trug ihn stundenlang herum, wiegte ihn, sang für ihn, aber er schrie, zeterte und weinte, und mein Herz weinte mit ihm. Ich fühlte mich unendlich traurig, ihn so verzweifelt zu sehen. Denn ich war auch einfach selber gar nicht bereit, das Stillen aufzugeben. Stillen fühlte sich einfach richtig an und ich genoss die Nähe zwischen uns. Natürlich fragte ich mich, ob etwas so falsch sein kann, was wir beide gerne wollen? Der richtige Zeitpunkt für uns was offensichtlich noch nicht gekommen.

Also gaben wir das Aufgeben wieder auf. Obwohl ich jetzt ausschließlich nachts stillte, wurde die Vorstellung vom Abstillen immer schwerer, je älter der Kleine wurde. Natürlich spielten Routine und Gewöhnung eine Rolle, wahrscheinlich auch Bequemlichkeit, denn ich musste tagsüber Arbeiten und hatte einfach keine Kraft für nächtliche Auseinandersetzungen. Vor allem aber war das nächtliche Stillen unsere Zeit der Nähe und des Zusammenseins, auch da ich am Tag oft viel beschäftigt war. Ohne dass ich es mich versah, war ein weiteres Jahr vergangen, und mein Kleiner wurde zwei.

Mittlerweile war mir das Thema Stillen fast peinlich und ich versuchte, es im sozialen Umfeld zu vermeiden. Ich vermutete, dass Bekannte und Verwandte mich nicht verstehen und vielleicht sogar verurteilen würden. Kamen wir auf das Thema, lenkte ich ab oder ergriff die Flucht. Langzeitstillen ist meines Wissens in Deutschland nicht besonders verbreitet, im Durchschnitt werden Kinder wohl im Alter von 7,5 Monaten abgestillt. Dabei empfiehlt die WHO, Stillen mindestens bis zum Alter von zwei Jahren fortzuführen. Später las ich in verschiedenen Internetquellen, dass das weltweite Durchschnittsalter beim Abstillen bei über 4 Jahren liegt. Also war das lange Stillen womöglich gar nicht so bedenklich, wie mir von vielen Seiten suggeriert wurde. Leider wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Noch nicht bereit für das Ende der Stillzeit

Oft liest man auch, dass das Abstillen dann nicht funktioniert, wenn die Mutter unbewusst noch nicht völlig davon überzeugt ist, und auch das Baby das spürt. Mir war völlig bewusst, dass ich für das Abstillen noch nicht richtig bereit war. Ich war mir sicher, dass wir kein weiteres Kind haben würden. Daher war mir schmerzlich bewusst, dass dieses Stillen das Letzte sein würde. Und ich dann nie wieder im Leben einen kleinen Säugling haben würde. Ich glaube, ich wollte das Stillen noch genießen, weil mir nur zu gut bewusst war, wie schnell unsere Kleinen groß werden. Und dass sie für einen selber immer das Größte im Leben bleiben werden, man selber aber eine immer kleinere Rolle in ihrem Leben einnimmt. Niemand hat mich darauf vorbereitet, dass die große Liebe, die man für seine Kinder empfindet, daher auch immer ein bisschen weh tut. Meine Mutter hat immer gesagt, Kinder zu haben sei ein Prozess des Loslassens. Ich habe das nie so richtig verstanden, bis ich selber welche bekommen habe.

Loslassen lernen

Irgendwann kam ein Zeitpunkt, an dem das nächtliche Stillen sich nicht mehr ganz richtig anfühlte. Häufig war ich gereizt. Zum ersten Mal machte sich in mir der Gedanke breit, wirklich ganz mit dem Stillen aufzuhören. Mein Plan stand fest, auch wenn er mich sehr traurig machte: Ich musste auf eine viertägige Geschäftsreise und das war eine einmalige Gelegenheit zum Entwöhnen. In der Nacht vor meiner Abreise weinte ich ein bisschen mit meinem Baby im Arm, das doch keines mehr war. 

Während ich weg war, trank der Kleine ohne Beschwerden aus der Flasche und schlief durch die Nacht.

Am ersten Abend nach meiner Rückkehr hatte ich Angst. Vor den Tränen und der Trauer, meiner und seiner. Vorm Einschlafen wollte er trinken. Natürlich. Ich erklärte ihm, wie schon viele Male zuvor, dass er nun schon ein großer Junge ist (was er sehr gerne hört). Und erzählte ihm gleich darauf eine spannende, erfundene Geschichte. Er hörte still zu und schlief ein, ohne ein weiteres Mal zu fragen. Er weinte nicht und schrie nicht. Es war unglaublich. Es schien, als sei er auch bereit, diesen neuen Schritt zu wagen. Ich lag dicht ganz neben ihm und trotzdem fühlte er sich sehr weit weg an.

In den kommenden Nächten fragte er noch einige Male. Jedes Mal erzählte ich ihm, dem großen Jungen, schnell eine weitere Episode von unserer Geschichte. Einmal weinte er und mein Herz krampfte. Aber nur ganz kurz. Wir schafften tatsächlich ein ganz sanftes Abstillen, fast ohne Tränen.

Heute bin ich froh, dass ich ihn so lange gestillt habe. Dass wir so eine intensive und innige Zeit miteinander hatten und ich ihm dadurch hoffentlich Wärme und Nähe für ein Grundvertrauen in diese Welt mitgegeben habe.

Ich denke, dass es den einzigen und idealen Zeitpunkt für alle Mamas nicht gibt, sondern dass eine jede den richtigen für sich selber herausfinden muss. Irgendwann wird das Loslassen leichter, selbst wenn es ein bisschen weh tut. Man sagt ja, dass Eltern ihren Kindern Wurzeln und Flügel geben sollen. Das mit den Flügeln muss man als Mama eben auch erst einmal lernen.

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Den richtigen Zeitpunkt zum Abstillen sollte jede Mutter im Einklang mit ihren und den kindlichen Bedürfnissen selbst bestimmen. Für manche sind das nur wenige Wochen, für andere viele Monate oder gar Jahre.

MeinSpatz Gezwitscher

Stillen ist toll, aber in der Öffentlichkeit manchmal noch eine Herausforderung. In diesem Brief wendet sich unsere Autorin an alle, die mit öffentlichem Stillen ein Problem haben.

Lotte L.

Lebt mit ihrem einheimischen Mann und zwei kleinen Moglis im Norden Thailands. Die berufstätige Mama fühlt sich in ihrer Wahlheimat meistens rundum wohl. Ihre beiden Jungs sind für Lotte zwar auch Ursache chronischen Durcheinanders, von Dauererschöpfung, Schmierfingern am Kostüm und gelegentlichen Identitätskrisen, vor allem aber sind sie Sinn allen Daseins, Quelle unendlichen Glücks und bedingungsloser Liebe.