An alle, die Stillen in der Öffentlichkeit doof finden

MITTWOCH, 24.10.2018

Unsere Autorin ist mächtig sauer auf alle, die stillende Mütter aus Restaurants und Co. verbannen. In diesem Brief macht sie ihrem Ärger Luft.

Es ist doch so: Brüste begegnen uns im Alltag ÜBERALL. Egal ob wunderschöne Unterwäschemodels uns von überlebensgroßen Plakatwänden entgegenlächeln oder die Protagonisten der Vorabendserie Sex haben. Auf den Titelseiten diverser Tageszeitungen prangen uns täglich unbekleidete Körper von Frauen entgegen, die sich einfach gerne auch mal nackig zeigen. So what? Man sollte also meinen, der Anblick eines Busens wäre mittlerweile normal in unserer Gesellschaft. Ist er aber nicht, zumindest nicht ganz. Denn während es offenbar völlig okay ist, den weiblichen Körper im Zusammenhang mit Sex oder Verführung zur Schau zu stellen, so ist das Stillen in der Öffentlichkeit bei vielen Mitbürgern derartig verpönt, dass sie sich darüber lautstark echauffieren müssen. 

Nackt sein ist okay, Stillen aber nicht

Nur damit wir uns richtig verstehen: Wir können splitterfasernackt in München im Englischen Garten an unserer Sommerbräune arbeiten, während um uns herum junge Familien, Hundebesitzer, berittene Polizisten, Studenten und Rentner spazieren gehen. Wir können aber NICHT auf einem öffentlichen Platz unser hungriges Kind an unsere Brust anlegen und den natürlichsten Vorgang seit Menschengedenken überhaupt praktizieren: ein Baby stillen. WIE BITTE? Wo leben wir denn? In einer Gesellschaft, die tagtäglich mit Pornografie, Nacktheit und Sex reizüberflutet wird, es aber nicht erträgt, wenn eine Mutter ihrem Kind etwas zu Essen gibt. Stillen ist ja toll, so gesund, so normal und so wunderbar – aber bitte nicht vor den Augen anderer Menschen. Mütter sollen sich bitte auf die Toilette zurückziehen und ihr Kind im Auto auf dem Parkplatz oder in nach Kackewindeln riechenden Wickelräumen an die Brust legen. Denn Stillen ist ja total eklig und unanständig und da sieht man ja den Busen und –Gott bewahre – vielleicht sogar ein wenig Nippel. Am besten bleibt eine stillende Mutter einfach mal für mindestens sechs Monate ganz zu Hause, damit sich niemand durch diesen schrecklichen Anblick belästigt fühlt. 

Lieber hinter verschlossenen Türen

Liebe Mitmenschen, die Stillen in der Öffentlichkeit ablehnen: Ich kann nicht mal ansatzweise zum Ausdruck bringen, wie verquer eure Denke ist. Minirock, Sideboobs und mega Dekollete sind schon okay für euch. Natürlich ist es auch überhaupt kein Problem, wenn eine Mutter ihr Kind mit dem Fläschchen füttert – denn, schreien soll das Kind bitte nicht. Das stört euch ja auch. "Diese Lautstärke …" Ich erinnere mich noch gut daran, als ich mich deshalb an einem kalten, regnerischen Novembertag in einem zugigen Eingang auf die Treppenstufen setzte, um zähneklappernd meinen vier Monate alten Sohn zu stillen. Zum Glück war er ein Druckbetanker und brauchte nicht länger als fünf Minuten. Dann war er satt. Natürlich musste ich ihn unter lautstarkem Protest vorher warm einpacken. Und natürlich war das den Stillgegnern auch nicht so recht. Wie ich schon sagte: diese Lautstärke … In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich? Da wird eine Mutter mit ihrem Kind zum Stillen auf die Straße geschickt, nur damit Menschen diesen innigen wunderbaren und  ich betone es gerne immer wieder – absolut natürlichen Anblick nicht "ertragen" müssen.

Was mich wirklich brennend interessiert: Warum stört ihr euch denn so daran? Weil Mutter und Baby sich einfach so unter Menschen trauen? Oder weil eine Mama ihr Baby gerade mit dem Besten versorgt, was die Natur zu bieten hat? Babys die gestillt werden haben übrigens nachweislich weniger Allergien. Sie sind also oftmals gesünder und verursachen so Vater Staat weniger Kosten. Dazu kommt, dass Frauen, die sich fürs Stillen entscheiden, erheblich weniger Müll produzieren. Und ich möchte damit keinesfalls all die Fläschchen-Mamis dissen. Denn jede Mutter entscheidet selbst, was das Beste für sie und ihr Kind ist. Und wir wissen, dass auch Fläschchenkinder wunderbar gedeihen. Davon abgesehen habe ich genug davon, dass Mütter übereinander herziehen, anstatt sich zu unterstützen. Aber das ist ein anderes Thema. Mir geht es lediglich darum, die immer motzenden Stillen-in-der Öffentlichkeit-Gegner zum Schweigen zu bringen. 

Die Brust ist kein Sextoy

Oder ist es vielleicht so, dass sich Männer durch den Anblick gestört fühlen, weil sie einfach nicht ertragen können, dass die weibliche Brust eben nicht in erster Linie Sextoy für die Herrenwelt ist. Sondern, dass sie Nahrung produziert und damit, wie der gesamte weibliche Körper, Leben schenkt und erhält? Denn offensichtlich habt ihr mit Playmates und ihren Brüsten ja kein Problem. Und nein! Stillen hat nicht im Geringsten oder auch nur im Entferntesten etwas mit Sex zu tun. Es ist kein sexueller Akt und somit auch in der Öffentlichkeit nicht verwerflich. Wer den Anblick einer realen Brust nicht ertragen kann, soll bitte wegsehen.

Ich kann nachvollziehen, dass ältere Menschen, die in anderen Zeiten aufgewachsen sind, das öffentliche Stillen als "unschicklich" empfinden. Meinetwegen. Aber auch dazu sei gesagt: Ist es nicht wunderbar, dass alle Generationen gemeinsam ihren Kaffee trinken und ihren Kuchen essen? Dass ein Café tatsächlich ein Treffpunkt für Jung und Alt ist, wo alle Altersgruppen voneinander profitieren? Wenn Kinder unsere Zukunft sind, dann sollten wir sie auch vom ersten Moment an in unsere Gesellschaft integrieren. Wenn Frauen mehr Kinder bekommen sollen, dann müssen wir sie auch in unserer Mitte aufnehmen. Wenn wir die Emanzipation vorantreiben wollen, dann sollten wir jeder Frau zugestehen, sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie sie das gerne möchte: halbnackt, hochgeschlossen, mit Fläschchen oder stillend.

Mamis müssen zusammenhalten

Zum Schluss noch ein paar Worte an alle Mamis da draußen: Egal ob ihr stillt, zufüttert oder euch für die Flasche entschieden habt. Egal ob ihr eine frischgebackene Mutti seid oder eure Teenager bereits die Schulbank drücken. Egal ob ihr 19 seid oder 49. WIR ALLE waren schon in Situationen die uns als Mutter überfordert haben, in denen uns etwas peinlich war und in denen wir komisch angesehen wurden. In denen wir uns mit unseren Kindern zurückgezogen haben, nur um unsere Mitmenschen zu schonen oder irgendeinem veralteten Rollenbild zu entsprechen. Schluss damit. Wenn ihr das nächste Mal eine Mutter seht, die ihr Kind in der Öffentlichkeit stillt, schenkt ihr euer wärmstes Lächeln. Unser Körper gehört uns! Und für ein paar wunderbare Monate auch unserem über alles geliebten Baby.

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Eine Mama kann es den wenigsten Menschen Recht machen. Gerade beim öffentlichen Stillen sollte ihr das aber herzlich egal sein.

MeinSpatz Gezwitscher

Das Gesetz ist auf unserer Seite: "Wir setzen uns ein für die Förderung des Stillens in Deutschland. Stillen ist das Natürlichste der Welt, egal wann und wo", betonte Dr. Maria Flachsbarth, damals noch Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft mittlerweile beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie begrüßt die von der Nationalen Stillkommision erarbeiteten positiven Botschaften zum Stillen in der Öffentlichkeit. Deren Ziel ist es "die Vorteile und die Normalität des Stillens in das Bewusstsein der Allgemeinbevölkerung zu rücken. Außerdem sollen Frauen dazu ermutigt werden, uneingeschränkt in der Öffentlichkeit zu stillen." Übrigens die Fotografin Suzie Blake hat zum Thema "Stillen in der Öffentlichkeit" dieses interessante Fotoprojekt gestartet.