Beikost ohne Brei: Ist Baby-led Weaning das Richtige?

FREITAG, 12.01.2018

Beim Baby-led Weaning bekommen Babys spielerisch „richtiges“ Essen beigebracht. Doch Ärzte warnen vor dem Ernährungstrend aus Großbritannien. 

Der klassische Ernährungsplan sieht vor, dass ein Baby ab dem sechsten Monat nicht mehr nur Muttermilch oder Flaschennahrung, sondern auch sogenannte Beikost bekommt und ab etwa einem Jahr schließlich festes Essen. Diese Meinung wird nun durch das sogenannte Baby-led Weaning (BLW) in Frage gestellt, was auf Deutsch so viel wie „babygesteuertes Abstillen“ bedeutet. Dabei wird bis zum sechsten Monat nach Bedarf gestillt, später jedoch auf pürierte Babybreie verzichtet. Stattdessen wird den Babys speziell vorbereitetes Fingerfood vorgesetzt, an dem sie spielerisch ihren Appetit und Geschmack entdecken sollen. Ist Baby-Brei also überholt?

Was steckt hinter der Baby-led-Weaning-Methode?

Erstmals wurde die Methode von der britischen Krankenschwester Gill Rapley öffentlich gemacht. Die Idee: Babys die bei der Familienmahlzeit dabei sind, zeigen häufig bereits schon ab dem sechsten Lebensmonat Interesse an fester Nahrung. Warum also nicht jetzt schon mal extra vorbereitetes Essen probieren lassen? Was gegessen wird und wie viel soll das Baby dann selbst entscheiden. Laut BWL stillt die Mutter weiterhin nach Bedarf, bietet dem Baby jedoch nicht aktiv anderes Essen an. Ob es feste Nahrung möchte, wie viel davon und wann, bestimmt das Kind ganz alleine. Die Mutter stillt in dieser Zeit so lange weiter, bis das Baby von alleine den Übergang zur festen Nahrung beschließt. So soll auch Überfüttern verhindert werden, da die Babys ein natürliches Empfinden für ihren Hunger und ihren Appetit entwickeln würden.

Kritische Stimmen: Führt BLW zu Mangelernährung?

Doch es gibt auch kritische Stimmen zu diesem Thema. So lehnt der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte das Baby-led Weaning ab. Bundessprecher Hermann Josef Kahl warnt, dass für eine gute Versorgung ein ausgewogenes Nahrungsmittelangebot wichtig sei. „Dieses kann bei Säuglingen, die von der ‚Hand im Mund‘ leben, auf der Strecke bleiben“, so der Sprecher. Auch warnt er vor einem möglichen Eisenmangel. Denn der Eisenspeicher des Kindes sei bereits kurze Zeit nach dem Abstillen vollkommen aufgebraucht und muss über die Nahrung wieder aufgefüllt werden.

Wenn das Kind nur an einem Stück Fleisch saugt, bekäme es dadurch kaum Eisen. Motorisch benachteiligte Kinder hätten zudem größere Probleme, weil sie nicht dazu in der Lage wären, selbstständig genug Essen in den Mund zu bekommen, um wirklich satt zu werden. Außerdem bestehe die Gefahr des Verschluckens. Das Problem möglicher Mangelerscheinungen wurde auch von der Universität von Glasgow in einer Studie bestätigt. Aber selbst die Wissenschaft hat keine einheitliche Meinung zu diesem kontroversen Thema. So belegt eine andere Studie von der Universität von Nottingham, dass BLW später zu gesünderem Essverhalten und einem geringeren Risiko für Übergewicht führt.

Und auch der Hebammenverband schlägt sich laut „welt.de“ auf die Seite der Befürworter. Das Kennenlernen und Ausprobieren verschiedener Nahrungsmittel sei der Grundstein für eine gesunde Ernährung. Die Ängste seien unbegründet. Beim „Baby-led Weaning“ würde mit genügend Hinweisen für die richtige Anwendung der Methode aufgewartet. Wenn diese ausreichend beachtet werden, sei die Erstickungsgefahr durch Verschlucken nicht höher als bei anderen Methoden auch. Heißt also vereinfacht: Wer BLW ausprobieren möchte, sollte sich vorher gut darüber informieren. Zum Beispiel mit dem Standardwerk von Gill Rapley „Baby-led Weaning - Das Grundlagenbuch“.

Vor- und Nachteile des Baby-led Weaning

Die Stimmen zur BLW-Methode sind vielseitig und ab und an auch kritisch. Die Kritik stützt sich meist auf den Umstand, dass manche Eltern nicht informiert genug sind, um Baby-led Weaning gesund durchzuführen. Wenn man sich jedoch an die Hinweise und Richtlinien hält, birgt Baby-led Weaning einige Vorteile.

Vorteile:

  • Weder Kind noch Eltern werden beim Abstillen unter Druck gesetzt und das Abstillen verläuft ganz natürlich und im Sinne des Kindes.
  • Da niemals einer allein dem Baby Essen gibt, kann die Familie gemeinsam essen.
  • Das Kleinkind lernt Nahrung komplett natürlich und ohne verfälschten Geschmack kennen.
  • Durch das Baby-led Weaning entwickelt der kleine Spatz eine nachweislich gesündere Einstellung zu Essen und seinem Sättigungsgefühl, wodurch Übergewicht im späteren Alter vorgebeugt wird.
  • Bereits mit wenigen Monaten bekommt das Baby so eine extra Portion Koordinations- und Motorik-Training.

Nachteile

  • Sehr zeitintensiv: Das Essen für das Baby muss extra vorbereitet werden.
  • Genügend Recherche und Kenntnisse über die benötigten Nährstoffe sind zwingend notwendig, damit der kleine Spatz keine Mängel erleidet.

Welche Babys sind nicht bereit für Baby-led Weaning?

Ob du deinen Spatz stillst oder mit der Flasche fütterst hat keinerlei Auswirkungen darauf, ob du Baby-led Weaning ausprobieren kannst. Der einzige Unterschied: Still-Kinder haben beim BLW einen Vorteil, weil sie beim Stillen hart mit Zunge und Kiefer arbeiten, um die Milch aus der Brust zu saugen. Sie sind also schon etwas besser im „Training“. Obwohl BLW viele Vorteile für deinen Nachwuchs bietet, solltest du dich dennoch nicht auf die 6-Monats-Marke versteifen. Es kommt auch viel auf die individuelle Entwicklung des Babys an. So solltest du BLW sein lassen, wenn …

  • … dein Baby seinen Kopf nicht halten kann.
  • … es sich nicht für das Familienessen interessiert und es auch nicht mit unbewussten Kaubewegungen beobachtet.
  • … dein Baby motorisch nicht dazu in der Lage ist, Essen in die Hand zu nehmen und gezielt zum Mund zu befördern.
  • … der Zungenstreckreflex, mit dem feste Nahrung wieder aus dem Mund befördert wird, noch vorhanden ist.

Ist Baby-led Weaning das Richtige für dich und dein Kind? Entscheide selbst. Spricht dich die neue Ernährungsmethode an? Hast du Lust, das zusammen mit deinem Kind auszuprobieren? Oder denkst du vielleicht, dass man nicht jeden Trend mitmachen muss und bleibst beim Altbewährten? Wie so häufig, ist auch hier ein Kompromiss eine gute Lösung. Keiner sagt, dass du das BLW von Anfang bis Ende durchziehen musst. Eine Mischung aus Fingerfood und Brei – und natürlich Milch – verbindet die Stärken von beiden Methoden.

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Baby-led Weaning: geniale Idee oder gefährlicher Trend ?

MeinSpatz Gezwitscher

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