Ist ein Baby ein Terrorangriff auf die Liebe?

DONNERSTAG, 28.02.2019 Andrea Huber

Wie bitte? Ein Kind ist doch die Krönung jeder Liebesbeziehung – oder etwa nicht? Statistiken, Psychologen und unsere Autorin sagen etwas ganz anderes.

Ich möchte es gleich vorneweg sagen: Ich liebe meine Kinder, ich liebe ihren Vater und ich liebe uns zusammen als Familie. Wir vier funktionieren richtig gut miteinander. Jeder hat seinen Platz gefunden und auch unser Leben als Paar kommt nicht mehr ganz so kurz wie früher. Das war aber längst nicht immer so. Als unser erster Sohn auf die Welt kam, hatten wir danach eine ganz schöne Krise. Nach Sohn Nummer zwei war es nicht anders. Was ist nur unser Problem? Wir lieben doch unsere Kinder? Wir lieben uns? Wir haben uns all das hier doch so gewünscht! Wieso streiten wir nur noch? Warum weine ich nur noch? Warum bin ich nicht überglücklich mit meinem Mann und wo verdammt sind die rosa Wolken über die ich mit ihm laufen wollte?

Wir sind nicht komisch

Als ich mich endlich traute mit meinen Freundinnen darüber zu sprechen, stellte ich fest: Ach, den anderen geht es ja ganz genauso! Auch in diesen Beziehungen kriselte es kurz nach der Geburt eines Kindes. Also begann ich mich ein bisschen mehr damit zu beschäftigen und stolperte über ein Interview im alverde Magazin mit Dr. Arnold Retzer. Er ist Coach, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Privatdozent und Buchautor und vertritt eine These, die auf der ersten Blick extrem erscheint: "Eine große Herausforderung für jedes Paar ist beispielsweise die Geburt des ersten Kindes. Ich bezeichne dies immer als einen terroristischen Angriff auf die Liebesbeziehung. Wenn man in dieser Situation an all seinen Erwartungen, die man an die exklusive, romantische Liebesbeziehung vor der Geburt des Kindes hatte, festhält, hat man ein Problem. Das ist auch durch Zahlen belegt. Etwa die Hälfte aller Trennungen findet im ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes statt. In dieser Zeit geht es nicht um Romantik, es geht darum, wie man diese Bombennächte übersteht, wie man seinen Alltag organisiert, wer wann zum Schlafen kommt und wer nicht, wie die Arbeit verteilt wird. Eine völlig unromantische Herausforderung. Sich damit zu beschäftigen scheint mir aber hochvernünftig zu sein."

Unser Baby löste eine Krise aus

Hätte ich dieses Zitat vor unserem ersten Kind gelesen, wäre ich sicher mehr als skeptisch, ja sogar aufgebracht gewesen: Wie kann er das sagen? Ein Kind macht ein Paar zu Eltern und zu einer Familie. Es ist die Krönung der Liebe und der Sinn der Schöpfung, bla bla bla … Da wir aber bereits zwei Schwangerschaften, Geburten und Neugeborene hinter uns haben, muss ich sagen: Ja, stimmt. Kann ich genau so unterschreiben. Jedes unserer zwei wunderbaren und gesunden Wunschkinder löste eine mittelschwere Krise zwischen meinem Mann und mir aus. Auch uns traf es insofern unvorbereitet, als dass wir uns nicht bewusst darüber waren, wie sehr ein Kind unsere Beziehung verändern würde. Uns war klar, dass der Alltag sich ändert, wir weniger schlafen und dafür mehr Windeln wechseln werden. Aber wie viel Einfluss das Gesamtpaket "Baby" auf uns als Paar haben würde, hatten wir gnadenlos unterschätzt.

Plötzlich ist alles anders

Ich kann noch nicht einmal sagen, was genau sich verändert hat. Natürlich das Offensichtliche: wenig Schlaf, der Rollenwechsel ins Elternsein, wenig Zeit als Paar. Und auch mein Körper, der gefühlt nicht mehr nur mir und schon gleich gar nicht meinem Mann gehörte, sondern gerade nur unserem Kind. Diese eindeutigen und großen Veränderungen machten uns kein Problem. Aber ich hatte auf einmal in den meisten Dingen, die unseren Alltag ausmachten, die Entscheidungshoheit. Wann will das Kind gestillt werden? Wann geht es ins Bett? Wann können wir ins Auto steigen? Ist ihm warm genug oder brauchen wir noch eine Jacke?

Es klingt merkwürdig, aber ich glaube meinen Mann hat das unbewusst gestört. Nicht, dass er nicht auch hätte entscheiden können. Dennoch war ich irgendwie mehr im Thema drin als er. Und das wiederum störte mich offenbar. Er hatte das Gefühl, dass ich alles allein entscheide. Ich hatte das Gefühl, dass er jegliche Verantwortung auf mich abwälzt. Seltsamerweise konnten wir den Konflikt weder ansprechen noch klären. Erst als wir nach unserem zweiten Kind die gleiche Krise miteinander durchmachten, das gleiche Gefühl von unerklärbarer Wut auf den anderen erneut erlebten, wurde uns klar, dass wir uns einfach nur in die neue Situation einfinden mussten.

Ein Kind trifft dich mit voller Wucht

Kinder als terroristischen Angriff auf eine Liebesbeziehung zu bezeichnen, mag im ersten Moment extrem klingen. Aber sie treffen ein Paar unvorbereitet und mit voller Wucht – egal, wie viele Bücher zuvor gewälzt und wie viele Kurse zuvor besucht wurden. Ist das erste Kind da, stellt es dein ganzes Leben auf den Kopf. Ja, auch die Beziehung zu deinem Partner. Ist die Partnerschaft stark und stabil, geht die Krise meist so schnell wieder vorbei, wie sie gekommen ist. Sind Mann und Frau als Mama und Papa in ihre neuen Rollen hineingewachsen, schaffen es die meisten, den Angriff unbeschadet zu überstehen. Ein Kampf bleibt es bis dahin allemal. Es gibt auch Paare, die sich von der extremen Veränderung nicht mehr erholen. "Etwa die Hälfte aller Trennungen findet im ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes statt", sagt Dr. Arnold Retzer. Kann das sein? Oder sollten diese Paare einfach durchhalten? Schließlich haben sie jetzt ein gemeinsames Kind!

Durchhalten wegen der Kinder vermittelt das Falsche

Aber nur wegen der Kinder zusammenbleiben? Bringt das was? Die meisten Ehen werden in Deutschland nach einer Ehedauer von über 25 Jahren geschieden – also wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das würde bedeuten, dass die meisten Ehepaare wegen der Kinder zusammenbleiben, obwohl sie sich lieber trennen würden. Irgendwie doch auch schräg. Was hat ein Kind von dieser falschen Harmonie? Was ist für das Kind wichtiger: Die Ehe seiner Eltern oder die gemeinsame, verantwortungsvolle Elternschaft. Damit wir uns richtig verstehen, ich meine damit nicht, dass alle Paare sich einfach so trennen sollten, ohne an ihre Kinder zu denken. Aber in einer lieblosen Beziehung über Jahre hinweg unglücklich sein? Das ist sicher nicht der richtige Weg.

Denn Kinder spüren sehr wohl, ob ihre Eltern wirklich glücklich sind. Was würden sie daraus lernen? Es ist normal, dass eine Beziehung nicht aus tief empfundenen Gefühlen, sondern aus Belanglosigkeiten besteht? "Kinder leiden als Teil einer solchen Familie meist still und trauen sich nicht, die heile Welt, die ihnen mit großen Mühen von ihren Eltern vorgelebt wird, infrage zu stellen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sie sich die lieblose und aufgesetzte Ehe, die sie täglich erleben, zum Vorbild für ihr späteres Leben und ihre zukünftigen Beziehungen nehmen", wie auf Scheidung.de zu lesen ist. Das klingt für mich plausibel und nachvollziehbar.

Liebe ist eben kein Hollywoodfilm

Zum Glück ist es bei uns nicht so weit gekommen. Wir hatten unsere Krisen und bösen Streitereien. Es gab Tage, an denen ich mir dachte: Dann mache ich das halt allein. Naja, eigentlich waren es nur Stunden. Denn auch wenn mein Mann mich regelmäßig auf die Palme bringt, so ist er mir doch jeden Tag eine große Hilfe und unterstützt mich wo er kann. Die Kinder haben unsere Dynamik total verändert und wir mussten uns komplett neu finden, aufeinander einstellen und absprechen. Doch als wir all das geschafft hatten – nebenbei noch viermal mit den Kleinen umgezogen sind und am Ende ein kleines Häuschen kauften – ist unsere Beziehung absolut stresserprobt.

Wir haben uns neu kennen und vor allem schätzen gelernt. Das Gefühl, jemanden an meiner Seite zu haben, der für mich da ist, ein echter Partner und toller Papa ist, ist unbeschreiblich schön. Klar, wünsche ich mir manchmal die Freiheit und Aufgeregtheit, die Leidenschaft der ersten Jahre ohne Kinder zurück – aber würde ich es eintauschen gegen das, was uns JETZT verbindet? Niemals! Ja, unsere Liebe ist routinierter, pragmatischer und verfängt sich öfter mal im Alltag. Aber sie ist auch stärker, reißfester und fühlt sich irgendwie rund an. Sie ist manchmal langweilig, aber sie ist verlässlich und tief empfunden und sie macht mich glücklich. Sie funktioniert einfach gut und das meine ich durch und durch positiv.

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Beziehungsprobleme mit Baby? Als Paar ist die Geburt eines Kindes ein bisschen wie ein Neuanfang. Rollen werden neu verteilt, die Zeit für Romantik wird knapp und körperlich ist bei der Frau auch erst mal einiges anders. Unsere Autorin erzählt, wie ihre Beziehung das überstanden hat.

MeinSpatz Gezwitscher

"Wenn die Mutter nach der Geburt die gesamte Aufmerksamkeit auf das Kind richtet, empfinden Männer das häufig so, dass für sie kein Platz mehr da ist", erklärt Paar- und Familientherapeutin Corinne Beil auf spiegel.de. Ist ein Kind wirklich ein Beziehungskiller? Hier kannst du das interessante Interview nachlesen.

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.