Mama übt noch: Warum ich mich entschied, nicht zu stillen

DIENSTAG, 11.09.2018

Unsere Kolumnistin Patricia Renoth nervt gewaltig, dass Frauen beim Thema Stillen so unter Druck gesetzt werden. Wie sie es geschafft hat sich dem zu wiedersetzen, verrät sie in ihrem neusten Artikel.

Ich habe mich dazu entschieden meine Tochter nicht zu stillen. Ich dachte mir, ich bringe dieses gesellschaftlich sehr umstrittene Statement gleich im ersten Satz. Sozusagen um die Fronten abzustecken. Denn bisweilen habe ich schon das Gefühl, dass wir uns bei diesem Thema auf einer Art Kriegsschauplatz befinden. Befürworter gegen Mamas, die es wagen nicht zu stillen.

Schluss mit den Verallgemeinerungen 

Stillen ist das Beste für das Kind. Punkt. So ist es. So steht es überall. So wird es in unsere Köpfe ja schon fast eingebrannt. Aber auch wenn es manche vielleicht erstaunen mag – das Leben ist nicht nur schwarz und weiß. Was ich damit sagen will: Auf diesem Planeten leben derzeit mehr als 7 Milliarden Menschen. Und unglaublicherweise ist jeder Mensch anders. Er sieht anders aus, er denkt und fühlt anders, hat andere Bedürfnisse. Warum also kommt es uns da nicht komisch vor, dass dann plötzlich für alle Babys Stillen das Beste sein soll? Und im Umkehrschluss dann ja auch für alle Mamas auf dieser Welt.

Natürlich gibt es die Tatsache, dass Muttermilch das Natürlichste ist. Und dass sie viele wichtige Stoffe enthält, die für die Gesundheit des Babys und auch der Mama sorgen. Sie ist die beste Ernährungsform für Säuglinge in den ersten Monaten. Gratis. Immer in der richtigen Temperatur vorhanden. Steril. Das ist unumstritten. Wenn das Stillen klappt ist das wunderbar – für beide Seiten. Aber das stelle ich auch absolut nicht in Frage. Der Punkt ist, dass Mama und Baby beim Stillen nicht immer ein Dream-Team sind. Angeblich kann jede Frau stillen. Das wird schließlich dogmatisch gepredigt. So mache Hebamme hat mit diesem Satz so manche Mama in einen Strudel aus Schuldgefühlen und Versagensängsten geführt. Denn wer unter Tränen und mit blutigen Brustwarzen stillt und dann irgendwann doch aufgibt, liebt sein Kind wahrscheinlich nicht genug, oder? Denn jeder kann ja stillen. Wenn es also nicht klappt, ist man selbst schuld oder will es eben nicht genug, so der Tenor.

Für mich ist das Psychoterror, den die Gesellschaft hier ausübt. Meiner Meinung nach, geht es dem Kind gut, wenn es der Mama gut geht. Schießen der Mutter aber bei jedem Anlegen die Tränen in die Augen, dann bin ich zu 100 % überzeugt, spürt das Baby, dass hier etwas nicht stimmt. Und das wiederum ist nicht das Beste für das Kind. Und auch nicht das Beste für die Mutter-Kind-Bindung. Oder wenn die Mama aus irgendwelchen anderen Gründen einen Horror vor dem Stillen hat. So war es bei mir.

Warum ich nicht stillen will

Das ist etwas sehr Persönliches und schwer zu erklären. Ich versuche es trotzdem mal. Ich konnte mir noch nie vorstellen zu stillen. Innerlich hat sich da bei mir immer alles gesträubt, wenn ich mir nur vorgestellt habe, dass irgendwann einmal ein Baby an meiner Brust nuckeln wird. Ich dachte, das ändert sich bestimmt, wenn ich dann wirklich schwanger bin. Hat es aber nicht. Für mich war das einfach keine schöne Vorstellung. Es wiederstrebte mir zutiefst. Natürlich habe ich das hinterfragt. Vor allem als der ganze Wahnsinn auf mich eingeprasselt ist. Wie toll Stillen ist. Wie essentiell. Und natürlich habe ich wirklich lange darüber nachgedacht, was ich machen soll. Bis ich mich dazu durchgerungen habe, wenigstens einen Versuch zu starten. Zum Test. Zur Beruhigung. Ich dachte mir „So schlimm kann es gar nicht sein. Die Natur hat es so vorgesehen. Alle anderen schaffen das ja auch.“ Aber ich habe trotzdem versucht mich darauf vorzubereiten, falls ich es doch nicht schaffen würde. Berichte von Freundinnen machten mir nicht gerade Mut. Sie erzählten mir davon, wie sie behandelt wurden, wenn sie offenbart hatten, dass sie nicht stillen möchten. Wie Hebammen und Krankenschwestern die Meinung der frischgebackenen Mama einfach nicht gelten lassen wollten und mit Überredungskünsten und psychischem Druck gearbeitet haben, um sie doch noch umzustimmen. So als hätte sie die Entscheidung aus einer Laune heraus getroffen. Das hat mir zu denken gegeben. Und mich wütend gemacht. Ich fand und finde es respektlos.

Dann kam der Tag. Dieser wunderbare Moment als ich meine Tochter das erste Mal im Arm halten durfte. Die Geburt war nicht ganz einfach und sie war sehr erschöpft. Der kleine Spatz hatte keinerlei Ambitionen schon beim Bonding an meiner Brust zu saugen. Später als wir uns alle etwas erholt hatten, versuchte ich unser Baby mit Hilfe meines Mannes anzulegen. Die Vormilch wollte ich unserer Tochter auf jeden Fall geben. Aber sie hatte kein Interesse zu saugen. Ich drückte das Kolostrum also per Hand aus meinen Brustwarzen und gab meiner Tochter den Finger mit der Flüssigkeit. Sie schleckte ein bisschen, das war alles. Und das war auch der Moment in dem ich mir ganz sicher war: Wir beide und das Stillen, das funktioniert nicht. Ich fühlte eine Liebe und Zärtlichkeit für mein Baby, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Und trotzdem wollte ich es nicht säugen. Das Wunder des Lebens hat daran nichts geändert. Dieses Gefühl gehört wohl zu mir. Und ich habe das akzeptiert.

Wer nicht stillt, braucht ein dickes Fell

Innerlich stellte ich mich schon auf eine Diskussion mit der Krankenschwester ein, wenn ich sie um die Abstilltabletten bitten würde. Ich hatte mir genau überlegt, was ich sagen wollte und fest vorgenommen meinen Standpunkt freundlich aber bestimmt zu vertreten. Aber ich hatte Glück. Denn ich traf auf eine gute Seele, die mir Verständnis entgegenbrachte. Die mir auch noch erzählte, dass ihre eigene Mutter sie nicht gestillt habe und sie völlig gesund wäre. Ich solle mir also keine Gedanken machen. Ich war so wahnsinnig erleichtert. Und fühlte mich verstanden und ernst genommen.

Eine gewisse Dickhäutigkeit musste ich mir trotzdem zulegen. Damit mir schräge Blicke im Babymassagekurs nichts ausmachten. Oder ich Kommentare von entfernten Bekannten gelassener nehmen konnte „Du stillst nicht? Das ist aber schade!“ Ein bisschen Mut und Selbstvertrauen gehört schon dazu, wenn man es wagt aus der Reihe zu Tanzen. Aber es ist wichtig im Einklang mit sich selbst zu bleiben. Ich habe diese Entscheidung bis heute nicht bereut. Auch wenn die Säuglingsnahrung noch nicht ganz an die Muttermilch heranreicht, so ist sie doch fast so gut. Ein sicheres Lebensmittel, das keine falschen Versprechungen abgibt. Dazu wird zu streng kontrolliert. Meine Tochter ist heute 4 Jahre alt und kerngesund. Ich hoffe, das bleibt so. Und natürlich hat es auch viele Vorteile das Fläschchen zu geben. Das kann im Übrigen ebenfalls ein wunderschöner Moment mit Hautkontakt sein. Entgegen der Meinung eingefleischter Stillbefürworter. Mein Mann hatte dadurch die Möglichkeit – ganz im wörtlichen Sinn – von Anfang an auch die Rolle des „Ernährers“ zu übernehmen. Er hatte nie Probleme, unsere Tochter zu beruhigen. Hat sich nie ausgeschlossen gefühlt. Beide hatten von Anfang an eine sehr enge Bindung. Das ist heute noch so.

Und deshalb bin ich wirklich allergisch auf diesen lapidar dahingesagten Satz „Stillen ist das Beste fürs Kind“. Denn es ist nicht immer das Beste. Man muss sich damit wohlfühlen. Sich dazu zu zwingen macht keinen Sinn. Nicht jede Mutter kann stillen. Nicht jedes Baby kann es. Und es ist egal aus welchen Gründen. Es ist, wie es ist. Dafür tue ich viele andere Dinge für die Gesundheit meines Schatzes. Ich rauche zum Beispiel nicht. Und außerdem, was ist heute schon natürlich? Natürlich wäre es auch nackt herumzulaufen. Bei Kopfschmerzen keine Tablette zu nehmen. Sich die Beine nicht zu rasieren. Sich die Haare nicht zu färben. Mit dem Pferd zur Arbeit zu reiten. Die Wäsche im Fluss zu waschen. Du weißt, was ich meine. Jedem das Seine. Und in diesem Sinne: Mama übt noch.

Mamas die nicht stillen wollen, haben in unserer Gesellschaft keinen leichten Stand. Das musste auch unsere Kolumnistin am eigenen Leib erfahren.

MeinSpatz Gezwitscher

Alles Interessante zum Thema Flaschennahrung findest du in unserem ultimativen Fläschchen-Guide. Und warum es nicht immer ein Entweder-oder sein muss, liest du hier "Stillen oder Fläschchen? Oder doch lieber beides?