Mama übt noch: Was ist eigentlich Mutterliebe?

FREITAG, 11.05.2018 Patricia Renoth

Bei unserer Kolumnistin Patricia Renoth dreht sich dieses Mal alles um die Mutterliebe. Was Disneys „Der König der Löwen“ damit zu tun hat und welche Botschaft sie an ihre eigene Mama richtet, liest du hier.

Passend zum Muttertag habe ich mir mal ein paar Gedanken zum Thema Mutterliebe gemacht. Ein viel zitiertes Wort. Eigentlich habe ich mein Leben lang gedacht, dass ich weiß was es bedeutet. Auch wenn meine Mama es mir vielleicht nicht so oft gesagt hat, war mir doch immer klar, dass sie mich von ganzem Herzen liebt. „Das ist also Mutterliebe“, dachte ich. Aber ich hatte keine Ahnung. Keinen blassen Schimmer. Überhaupt keine Vorstellung davon. Und jetzt kommt dieser Satz, der immer alle nervt, die noch keinen Nachwuchs haben. Ich verstehe das, bei mir war es ja genauso. Aber er ist so wahr, wie nur irgendetwas wahr sein kann: „Du kannst es dir nicht vorstellen, wenn du selber keine Kinder hast.“ Paukenschlag. Ich habe es gesagt. Jetzt ist es raus. Ich gehöre anscheinend auch zu diesen Mamas vom elitären Mütterclub, die denken, sie sind in das Geheimnis des heiligen Grals eingeweiht. Asche über mein Haupt. Aber so ist es. Diese Erfahrung habe ich gemacht.

Das Gefühl war plötzlich einfach da

Auch in der Schwangerschaft konnte ich mir noch nicht so richtig vorstellen, wie sehr ich mein Kind einmal lieben würde. Und dann war er da. Dieser kleine Spatz. So schutzbedürftig in seiner Hilflosigkeit das Leben alleine zu meistern. So winzig. So liebesbedürftig. Ein Teil von mir. Ein Teil von uns. Und ab da war alles anders. Dieses Gefühl, dass das Wort „Mutterliebe“ beschreibt, war plötzlich da. Und es ist tatsächlich schwer zu erklären, für jemanden, der es (noch) nicht erlebt hat. Es ist eine völlig andere Liebe, als die, die ich für meinen Partner empfinde. Nicht schlechter oder besser. Aber allumfassender. Und unauslöschlicher. Ich hätte mir niemals vorstellen können, für jemanden so viel Zärtlichkeit zu empfinden, wie ich es für meine Tochter tue. Das war jetzt aber ein echter Schwall an Superlativen. Keine Sorge, das geht nicht so weiter, das soll hier ja keine Schnulze werden.

Warum bei „Der König der Löwen“ plötzlich alles anders war

Ich versuche es mit einem Mutterliebe-Praxisbeispiel: Als mein kleiner Spatz 7 Monate alt war, besuchte ich mit einer Freundin das Musical „König der Löwen“ in Hamburg. Ich war schon seit meiner Kindheit ein Fan von dem Film und dem Soundtrack. Mit dem Musicalbesuch erfüllte ich mir einen langersehnten Traum. Klingt jetzt irgendwie ziemlich hochtrabend. Ich wollte halt schon immer mal hingehen und hab mich sehr gefreut, als es dann geklappt hat. Besser? O. k. Und bei einer Szene wurde mir zum ersten Mal seit der Geburt so richtig klar, dass sich etwas verändert hatte. Für alle die die Geschichte nicht kennen: Der Papa-Löwe stirbt, als er seinen kleinen Sohn vor einer trampelnden Herde Gnus rettet. Ich kannte diese Szene. Hatte sie mehrfach im Film erlebt und mitgelitten. Und immer habe ich aus der Sicht des Sohnes mitgefühlt. Der jetzt ganz alleine auf der Welt ist, ohne Vater. Aber dieses Mal war es ganz anders. Ich stand plötzlich auf der Eltern-Seite. Ich fühlte mit dem Papa, der seinen Sohn alleine zurücklassen muss. Der nichts mehr tun kann um ihn auf das Leben vorzubereiten. Der nicht erleben wird, wie er aufwächst. Ein völlig anderes Gefühl. Eine ganz andere Sichtweise. Und das ist es auch, was Mutterliebe bewirkt: Sie verändert die Sicht auf die Welt. Ob man es will oder nicht.

Wie Mutterliebe verändert

Vor der Elternschaft hatte ich mir immer vorgenommen, dass ich mich so wenig wie möglich ändern werde. Ich wollte auch mit Kind immer noch cool, entspannt und lässig sein. Ich wollte nicht zu einem Muttertier mutieren, das über nichts Anderes sprechen kann und keinen anderen Sinn mehr im Leben hat, als seine Nachkommen. Aber zu denken, dass mich die Mama-Rolle kaum verändern würde, war absolut illusorisch. Geradezu naiv. Denn was einen da an Gefühlen überrollt, das kann man nicht aufhalten. Und es ist ja auch schön. Was wäre die Welt denn schon ohne mächtige Gefühle? Erweitert den Horizont, macht das Leben lebenswert und so. Denk dir noch ein paar philosophische Floskeln dazu. Du weißt, was ich meine.

Das geht raus an meine Mama

Den letzten Teil dieser Geschichte möchte ich meiner eigenen Mama widmen. Ich hatte, um wieder auf den Anfang zurückzukommen, wirklich keine Ahnung von Mutterliebe, bevor ich sie nicht selbst gefühlt habe. Und deshalb kann ich auch erst jetzt nachvollziehen, liebe Mama, was du alles für mich getan hast. Du hast meinen tiefsten Respekt dafür. Und meine tiefste Dankbarkeit. Und weil ich es auch nicht so oft sage, schreibe ich es hier: Ich liebe dich! Denn was Tochterliebe bedeutet, weiß ich schon seit meiner Geburt. Und dieses Gefühl ist ebenfalls ganz schön krass. Alles Gute zum Muttertag.

Bald ist Muttertag: Unsere Kolumnistin Patricia Renoth beschäftigt sich deshalb in der aktuellen Folge von "Mama übt noch" mit dem Thema "Mutterliebe".

MeinSpatz Gezwitscher

Wichtig: Ich möchte hier noch eine Einschränkung machen. Natürlich empfindet jede Mama Mutterliebe anders. Sie ist keine notwendige Folge der Mutterschaft und lässt sich auch biologisch nicht erklären. Die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter meint z. B., dass die Gefühle die man zu seinem Kind entwickelt, vor allem auch kulturell bedingt sind. Mütter seien Menschen und müssen mit dem leben, was ihnen selbst mitgegeben wurde. Und nur das können sie selbstverständlich weitergeben.

Leider übt auch die Gesellschaft einen hohen Druck aus. Gerade in Deutschland ist das Mutterbild mit einer Liebe bis hin zur Selbstlosigkeit stark verfestigt. Deshalb ist es mir wichtig, mit diesem Text aus meiner Kolumne keine Erwartungshaltung oder gar Druck zu schüren. Jeder erlebt diese Welt anders, erlebt Liebe und Beziehungen anders und das ist auch gut so.