Schlafentzug? Okay. Aber es kam schlimmer ...

MITTWOCH, 21.11.2018 Andrea Huber

Du denkst, du bist auf kurze Nächte mit Baby vorbereitet? Vergiss es! Nie im Leben hätte ich ahnen können, wie der Schlafmangel mein Leben verändern würde.

Die erste Nacht im Krankenhaus werde ich nie vergessen: Mein Baby schlief lange bei mir im Arm. Um 22 Uhr stillte ich es kurz, dann schlief es weiter. Eine Stunde später legte ich meinen wunderschönen Sohn in das Bettchen neben mir. Erschöpft von der Geburt schliefen wir beide die Nacht durch, bis uns am nächsten Morgen die Schwester weckte. Das ist ja einfach, dachte ich. Ich war ja so naiv.

Nächte voller Schmerzen und Angst

Die Nächte im Krankenhaus blieben relativ entspannt. Allerdings begannen meine Brustwarzen furchtbar zu schmerzen. Als wir nach dem dritten Tag mit unserem Knirps nach Hause fuhren, hatten sie sich bereits leicht entzündet und waren teilweise blutig. Das Stillen tat einfach nur weh. Aber ich wollte es unbedingt versuchen. Nacht vier und fünf waren die Hölle. Mein Kleiner bekam endlich so richtig Hunger und wollte alle zwei Stunden trinken. Mir liefen vor Schmerzen die Tränen über beide Wangen. Ich biss die Zähne zusammen – und das alle 120 Minuten. In dem Fall half mir meine Müdigkeit, denn ich wusste nicht mehr was ich tat, wo oben und unten war und welche Uhrzeit wir hatten. Kurz darauf empfahl mir meine Nachsorgehebamme Stillkompressen. Nach zweieinhalb qualvollen Wochen heilten meine Brustwarzen ab und ich stillte entspannt und schmerzfrei.

Jetzt hatte ich allerdings den Kopf frei für andere Sorgen. In meinem Fall war das die Angst vor dem plötzlichen Kindstod. Irgendwie wurde ich den Gedanken daran nicht los. Natürlich hatten wir alle Vorkehrungen getroffen: Beistellbett, Schlafsack, immer ein Fenster geöffnet und so weiter. Aber erstens wollte unser Sohn partout nicht im Beistellbett, sondern in unsere Mitte schlafen und zweitens kontrollierte ich trotzdem gefühlt alle 20 Minuten seine Atmung und seine Körpertemperatur. Schlief ich doch mal völlig übermüdet neben ihm ein, wachte ich panisch wieder auf und sah nach, ob er noch lebte. Eines Nachts muss ich so tief geschlafen haben, dass unser Kleiner, etwa zwei Monate alt, mit dem Kopf unter mein Kopfkissen rutschte. Ich wachte auf, sah nur sein Körperchen im Schlafsack, das Gesicht nach unten versteckt unter meinem Kissen. Diesen Moment der unendlichen Panik werde ich nie vergessen. Es war alles gut, scheinbar war er nur kurz so gelegen und mein Mutterinstinkt weckte mich rechtzeitig … Aber danach konnte ich erst recht nicht mehr entspannt schlafen. Und im Beistellbett weinte er nur. Also verbannte ich unsere großen Kuschelkissen in den Keller und schlief mit meinem Mann über ein halbes Jahr lang auf Minikissen, die eigentlich als Sofadeko gedacht waren. Nach zwei bis drei Wochen entspannte ich mich wieder. Ich wachte nur noch zum Stillen auf. Übrigens funktionierte das im Liegen gar nicht bei mir. Ich musste mich im Bett aufsetzen, nur so konnte mein Sohn gut trinken. Regelmäßig wurde ich wach, eine Brust nackig und milchtropfend aus dem T-Shirt hängend, der Kleine selig in meinem Arm. Übrigens schlief ich nicht nur nachts im Sitzen ein, auch tagsüber. Lange Strecken mit dem Auto zurücklegen? Wegen Übermüdung ausgeschlossen, zumindest die ersten sechs Monate lang.

Erst perfekt, dann nur noch praktisch

Mein Problem war eindeutig: Ich hatte zu viele Infos im Kopf und wollte die perfekte Mami sein, wie nach Lehrbuch eben. Mein Bauchgefühl und meine Mutterinstinkte hatte ich unter Fachwissen vergraben. Ich wechselte nachts nach jedem Pups die Windel – auch das war anstrengend: aufstehen, zur Wickelkommode, Kind wach, ich wach … Bis ich irgendwann nicht mehr konnte und ihn einfach nicht mehr sofort wickelte. Ihn störte es nicht, ich konnte weiterschlafen und auch seine Haut am Po litt nicht darunter. In den frühen Morgenstunden bekam er eine neue Windel, aber nur noch bei uns im Bett. Windel, Feuchttücher und Unterlage lagen auf dem Nachttisch, Aufstehen war nicht mehr nötig. Es sind die kleinen Dinge, die uns Mamis durch den Alltag helfen.  

Leider kamen dann die Dreimonatskoliken. Tagsüber war mein Spatz super drauf. Nur in der Nacht quälte ihn furchtbares Bauchweh. Wir hatten uns einen großen grünen Gymnastikball gekauft. Darauf wippten wir Nächte lang, mit unserem Sohn im Arm, auf und ab. Sobald wir uns ins Bett legten schrie er, wippend auf dem Ball beruhigte er sich. Unser Kinderarzt erklärte mir, dass die Kleinen auf dem Ball an das Schaukeln in Mamas Bauch erinnern und sich deswegen schneller entspannen würden. Mein Mann zählte irgendwann die Aufs und Abs … Sein Rekord lag bei über 3.500. Ich schlief mittlerweile regelmäßig um halb acht auf der Couch ein. Meine Augenringe waren nicht mehr zu kaschieren. Schlafentzug ist eine Folter! Ich alterte in ein paar Monaten um gefühlt zehn Jahre. Nein, nicht nur gefühlt: Vergleiche ich Bilder von mir vor den Kindern und jetzt, sehe ich tatsächlich sehr viel älter aus. Obwohl nur vier Jahre dazwischen liegen. Töchter rauben Müttern die Schönheit? Von wegen ... Der Schlafmangel ist der böseste aller Schönheitsräuber. Ah und die Sache mit dem Sex? Naja, das klappte irgendwie. Immerhin war ich nach fünf Monaten wieder schwanger. Mein Mann war allerdings auch dauermüde und der Spaß in Rekordzeit vorbei.  

Mein Kind braucht mich eben

Mein Sohn forderte mich voll und ganz. Es war ganz klar: Er wollte nicht neben uns liegen, sondern zwischen uns und am liebsten auf uns. Waren wir abends mal unterwegs, im Restaurant oder bei Freunden, hatten wir aber immer sehr entspannte Stunden: Ich nahm mein Baby in die Trage, es war eng bei mir, wurde automatisch geschaukelt und schlief tief und fest, stundenlang. Der Kleine brauchte zum Schlafen einfach unsere Nähe. Das ist übrigens auch heute noch so. Selbst mit über fünf Jahren will er in unserem Arm einschlafen. Dann lese ich eine Geschichte, er kuschelt sich fest an mich und schläft dann tief und sehr zufrieden ein. Diese Sicherheit und Geborgenheit ist einfach wichtig für ihn. Und ich genieße diese innigen Kuschelmomente sehr, denn mir ist bewusst, dass sie nicht mehr ewig anhalten werden. Und mittlerweile schlafen wir sogar alle zusammen in einem Bett: Mama, Papa und die zwei Jungs. Denn Schlafmangel hin oder her – diese Zeit kommt nie wieder zurück.                                                                                                    

Schlafentzug mit Baby pin

MeinSpatz Gezwitscher

Schon mal vom "Weißen Rauschen" gehört? Apps, die mit Föhn- oder Staubsaugergeräuschen die Kinder in den Schlaf lullen? Eine Mama aus der Redaktion war erst skeptisch und dann begeistert: Ihr Kind schlief tatsächlich dabei ein. Woran das liegt wissen Experten nicht genau. Es wird vermutet, dass das undefinierte Hintergrundgeräusch die Babys an die Sound-Kulisse in Mamis Bauch erinnert. Egal warum, Hauptsache es funktioniert.

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.