So habe ich die Wachstumsschübe durchgestanden

FREITAG, 08.03.2019 Andrea Huber

Meine Kinder sind toll und mächtig anstrengend: Wenn sie als Baby einen Schub durchmachten, war ich abends fertig mit der Welt. Doch so habe ich es überstanden.

"Das ist nur eine Phase, bestimmt macht er gerade einen Schub durch." Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich diesen Satz gehört habe. Ich glaube er ist mittlerweile für viele Mamas zu einer Art Mantra geworden. Eine Erklärung für das scheinbar unerklärliche Verhalten des eigenen Kindes und gleichzeitig die eindeutige Bestätigung dafür, dass alles wieder gut wird. Oder zumindest zeitweise besser. Denn wenn ich ehrlich bin, lief es bei uns so: Hatten wir uns gerade alle von einem Wachstumsschub erholt und genossen die plötzliche Entspannung, so kam der nächste Schub immer genau dann, wenn wir aussprachen "oh, ich denke jetzt sind wir durch." Irgendwann trauten wir uns nicht mehr eine Verbesserung direkt anzusprechen. Als läge eine Art Fluch darauf. Ja, Eltern tun merkwürdige Dinge wenn sie unter Schlafentzug leiden.

War das ein Wachstumsschub?

Meistens jedoch war ich mir gar nicht im Klaren darüber, dass wir gerade mitten in einem Schub steckten. Ich fand mein Kind einfach nur anstrengend. Es weinte mehr, suchte ständig meine Nähe, wollte immer auf meinen Arm oder wurde richtig wütend. Oft bemerkte ich erst im Nachhinein, dass da wohl gerade etwas passiert sein musste – plötzlich konnte mein Sohn krabbeln. Auf einmal begann er zu laufen oder sein erstes Wort zu sprechen, zu greifen oder bestimmte Zusammenhänge zu verstehen. Erst wenn mir seine Veränderung bewusst wurde, verstand ich sein Verhalten der letzten Wochen. Was es jetzt aber nicht weniger anstrengend machte.

Mit anderen Mamas austauschen

Ich redete viel mit Mamas, deren Kinder im gleichen Alter waren. Sie erlebten Ähnliches mit ihren Kindern und relativierten damit meine eigene Erfahrung. Durch die schlaflosen Nächte und die Schreiattacken fühlten wir uns verbunden. Zwar hatte ich das Gefühl, dass kein Kind so anstrengend war wie meines – irgendwie schien ich das einzige Baby und später Kleinkind mit Dickschädel und starkem eigenen Willen zu haben – trotzdem beruhigten mich die Geschichten der anderen Eltern etwas. Und dabei habe ich gelernt offen zu reden: Über die dunklen Seiten der Mutterschaft. Die krasse Veränderung meines Körpers aber auch meiner Gefühlslage, die Müdigkeit, die Gereiztheit, das Gefühl des Zerrissen sein, wie schwer es für mich war und ist, Mutter und Liebhaberin gleichzeitig zu verkörpern.

Der Frust muss raus

Aber auch darüber, wie nervig und verrückt mein Baby war, wenn es mal wieder mit einem Wachstumsschub kämpfte. Mein Mann findet es bis heute nicht gut, wenn ich über unsere Kinder motze. Er findet ich mache sie damit schlecht. Ich verstehe seine Haltung. Andererseits brauche ich diesen Austausch mit anderen Mamas. Ich muss mich ab und zu kurz darüber auslassen, wie schwierig die Jungs sind. Zum einen, damit ich den Frust aus meinem System bekomme, zum anderen aber auch, damit ich ihr Verhalten in Relation mit den anderen Kiddies setzen kann. Denn dann merkte ich, dass alles gut und vor allem ganz normal war. Wenn die Kinder schliefen, traf ich mich mit meinen Mädels auf ein Glas Wein und jeder durfte über die geliebten Zwerge lästern. Danach ging ich nach Hause und sah meinen Babys beim Schlafen zu. Diese wunderbaren, wunderschönen, großartigen kleinen Wesen, die da liegen wie kleine Engelchen und in so vielen Momenten mein Herz zum Schmelzen bringen. Das Glück meines Lebens und mein größter Stressfaktor. Sind Mütter schizophren? Ist das vielleicht MEINE Phase, an der ICH wachsen muss?

Mama mir tun die Beine weh

Natürlich habe auch ich Bücher und Artikel gelesen. Ich habe mich schlau gemacht über die Entwicklung meines Kindes und bei den U-Untersuchungen die Ärzte befragt. Als meine Jungs in die Krippe kamen, sprach ich mit den Erzieherinnen. Sie alle bestätigten mir, dass die Wachstumsschübe normal seien, aber auch anstrengend und bei jedem Kind ein wenig anders ausfielen. Neben den ganzen Veränderungen und Lernprozessen die im Gehirn der Kleinen stattfinden, wächst ja auch noch der Körper und das war bei meinem Großen richtig schmerzhaft. Kurz nach seinem zweiten Geburtstag wachte er nachts schreiend auf: "Mama, Beine Aua!" Ich war verängstigt, weil ich nicht wusste, was los war. Nach etwa 15 Minuten Weinen und schreien schlief mein Kleiner völlig erschöpft in meinem Arm wieder ein. Es stellte sich heraus, dass er Wachstumsschmerzen hatte, wie auch sein Vater als kleines Kind. Die Schmerzen kamen alle paar Wochen, plötzlich und immer nachts. Ich gab ihm Ibu-saft, das half etwas. Mein Mann rieb ihm die Beine mit einer Arnika-Tinktur ein, so wie es seine Mutter früher auch bei ihm gemacht hatte. Es kühlte und lenkte ab. Das Schlimmste war, dass es immer wieder kam und er nicht verstand, warum Knie, Gelenke und Knochen wehtun. Seit er vor einem halben Jahr fünf wurde, hatte er keinen dieser Anfälle mehr. Sein Bruder blieb ganz davon verschont. Zum Glück.

Alles was hilft ist gut

"Das ist nur eine Phase, bestimmt macht er gerade einen Schub durch." Eltern machen es sich mit diesem Satz manchmal zu einfach. Sie denken vielleicht, sie müssten das Verhalten ihres Kinder nicht hinterfragen oder erzieherisch einwirken, denn die Phase – also das Problem – löst sich ja von alleine wieder. Ganz so simpel ist es natürlich nicht. Nicht jeder Wutanfall, jede Frechheit oder jeder Schubser lässt sich mit einem Schub rechtfertigen. Trotzdem ist der Satz an sich ziemlich tröstend. Denn tatsächlich: Es geht vorbei. Es wird wieder leichter. Wobei … wenn ich da an die Pubertät denke, bin ich ziemlich froh, dass unser größtes Problem gerade noch ein wütendes Kind an der Supermarktkasse ist. Was später so kommt, will ich mir gar nicht ausmalen. Andererseits: Auch Pubertät ist nur eine Phase. Oder?

So habe ich die Wachstumsschübe durchgestanden pin

Einerseits klammerte sich unsere Autorin oft an den Satz "Das ist nur eine Phase, sie geht vorbei." und andererseits ging er ihr auch auf die Nerven. Denn nicht alles lässt sich damit erklären. 

MeinSpatz Gezwitscher

Ein Rat von einer Mama aus der Redaktion: "Ja, es gibt verschiedene klassische Entwicklungsphasen und Wachstumsschübe. Versuche trotzdem, dein Baby nicht in diese Schubladen zu stecken. Ich habe drei Kinder und jedes davon ist anders. Auch wenn alle Kinder diese Phasen durchlaufen, so verlaufen sie immer unterschiedlich. Es ist doch so: Dein Kind braucht dich eben von Anfang an. Mal mehr, mal weniger. Es hat Launen, schlechte und gute Tage und es muss lernen in unserer Erwachsenen-Welt zurecht zu kommen. Sei einfach da, versuche dein Kind zu verstehen, gib ihm Liebe und Geborgenheit. Und wenn du abends mit den Nerven am Ende bist, lass es raus, wenn dein Kind im Bett ist."

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.