„So habe ich mir den Alltag mit Baby nicht vorgestellt …“

MONTAG, 19.02.2018

Monatelang fieberte ich dem Familienglück mit Kind entgegen. Doch Selbstzweifel, Ehestreit und ständige Angst um mein Baby holten mich in die Realität zurück.

Unser Sohn ist sechs Wochen alt und so langsam kehrt Routine in unseren Alltag ein. Ich habe mich leichtsinnigerweise nicht an die Ruhe im Wochenbett gehalten, was sich nun bitter rächt. Denn nicht nur meine Nerven, sondern auch mein Beckenboden sind überstrapaziert. Mein Rückbildungskurs beginnt erst in vier Wochen. Es gab diesen Tag an dem ich mich mit meinem Kind in der Trage in ein Weizenfeld flüchten musste, weil ich den kurzen Spaziergang nicht ohne Pipi-Pause überstand. Wobei die momentane Inkontinenz mein geringstes Problem ist.
Ich weiß, dass ich mich als Mami entspannen soll, der Haushalt kann warten. Das Problem ist, dass ich ein klein wenig perfektionistisch veranlagt bin. Ich kann nicht zur Ruhe kommen, wenn es bei uns sehr unordentlich ist und die Staubflusen in den Ecken faustgroß werden. Es muss gar nicht super sauber sein. Aber ich fühle mich erst wohl, wenn aufgeräumt ist. Meine Mama sagt: „Du magst es eben strukturiert“. Also mache ich mir die ganze Zeit Stress, immer alles gleich aufzuräumen und nichts liegen zu lassen. Wäsche, Geschirr, Bad putzen – alles soll schön aussehen. Freie Minuten gibt es da natürlich wenig. Und ich will nicht zugeben, dass es mir manchmal zu viel wird. Ich will mir einfach nicht eingestehen, dass ich überlastet und viel zu müde bin. Wenn Besuch da ist, bekomme ich tolle Komplimente, wie ich alles im Griff habe. Das schmeichelt mir, aber die Wahrheit ist, dass ich einfach nur heulen will. Aber das kann ich unmöglich zugeben. Es heißt ja immer Mutterglück und nicht MutterUNglück. Alle reden nur davon, wie ein Kind das Leben bereichert. Aber niemand redet wirklich über die Schattenseiten. Und ja, es gibt sie.

Ich bin eine glückliche Mutter, aber …

Ich bin auch nicht anders. Auf Nachfragen zu meinem Wohlbefinden beginne ich in den höchsten Tönen zu schwärmen: „Ach alles toll, es läuft richtig gut, der Kleine ist so süß, ich bin total happy zuhause.“ Das ist tatsächlich auch die Wahrheit. Aber eben nur die halbe. Was fehlt ist: „Ich bin aber auch ständig müde, mein Mann und ich streiten viel, weil wir als Eltern noch nicht eingespielt sind, und ich habe keine freie Minute für mich. Ich bin nur noch Mami, habe Angst etwas falsch zu machen und will nicht zugeben, dass ich mit meinem Körper nach der Geburt total unzufrieden bin.“ Was mich wirklich überrascht ist, wie viele Sorgen ich mir um mein Baby mache. Ist ihm zu warm, ist ihm zu kalt? Ist das etwa Fieber??? (War es natürlich nicht.) Am schlimmsten ist die Schlafenszeit. Ich habe so viel über den plötzlichen Kindstod gelesen, dass ich mich völlig verrückt mache, wenn der Zwerg auf dem Bauch einschläft. Ich kontrolliere ständig seine Schlafposition und wecke ihn damit nur auf. Diese Sorgen um unser Kind sind wirklich anstrengend, so etwas kannte ich vorher nicht. Mein Mann ist viel entspannter als ich. Vieles findet er übertrieben und das ärgert mich. Wenn wir das Haus verlassen, packe ich eine Tasche voll mit Dingen, die wir eventuell brauchen könnten. Ja, sie ist bestimmt zu voll. Aber ich bilde mir ein, auf alles vorbereitet sein zu müssen.

Mit Baby ist das Leben umständlicher

Irgendwie bin ich noch nicht im Flow. Es nervt mich, wie viel umständlicher alles ist. Ständig muss ich an eine Unmenge von Dingen denken: Windeln, Ersatzwäsche, Wickelunterlage, Stillkompressen. Und dann diese Schlepperei. Die Babyschale rein ins Auto, raus aus dem Auto, rein in den Einkaufswagen und wieder zurück ins Auto. Fahren wir Oma und Opa besuchen, sieht unser Kofferraum aus, als würden wir mindestens für zehn Tage verreisen. Was mich wirklich erstaunt ist, wie unsicher ich oft noch bin. Im Grunde habe ich nämlich ein ganz gutes Gefühl dafür, was mein Kleiner braucht und was nicht. Aber die Menge an Informationen rund um das Thema Baby und Kind ist manchmal eher verstörend als hilfreich. Noch schlimmer sind die Kommentare anderer Mamas im Netz, die denken IHRE Ansicht, Erziehung oder Einschlafmethode wären die einzig richtigen. Das Allerschlimmste ist aber, dass ich mich davon immer wieder beeinflussen lasse, und das hätte ich nie gedacht. Die Sachen einfach nicht lesen? Geht irgendwie auch nicht, ich will ja eine informierte Mama sein.

Natürlich war ich darauf vorbereitet, dass mein Baby weinen würde, viel Aufmerksamkeit braucht und die meiste Zeit unseres Alltags für sich beansprucht. Ja, es gibt Tage und vor allem Nächte, die richtig anstrengend sind. Wobei ich mich darüber nicht wirklich beklagen kann, noch dazu genieße ich die Zeit mit unserem Zwerg sehr. Das Drumherum ist das, was ich mir anders vorgestellt hatte. Ich dachte mein Mann und ich würden schneller in die Elternrolle hineinfinden und permanent pures Glück mit unserem Wunschkind empfinden. Ich dachte, ich bin entspannter im Haushalt, ich dachte, ich lasse mich weniger beeinflussen und ich dachte, ich bekomme das Organisatorische besser unter einen Hut. Aber andererseits sind es erst sechs Wochen. Wir haben also noch ein wenig Zeit, oder? 

Der ungeschönte Alltag mit Baby pin

Warum es so wichtig ist sich im Wochenbett wirklich auszuruhen und der Haushalt plötzlich ein riesen Thema ist: Unsere Autorin erzählt ganz ungeschönt von ihrem Alltag mit Baby.

MeinSpatz Gezwitscher

Einer Kollegin aus der Redaktion ging es mit dem Haushalt am Anfang ähnlich. Wenn man in der Elternzeit plötzlich jeden Tag zu Hause ist, sieht man aber auch viel mehr Dreck und Schmutz. Und natürlich produziert man auch um einiges mehr davon. Anstatt sich im Wochenbett auszuruhen hat sie versucht, alles perfekt zu machen. Und natürlich kommt am Anfang auch viel Besuch. Jeder will das Baby bestaunen. Da möchte man seine Gäste ja nicht zwischen Wollmäusen und Wäschebergen empfangen. Letztendlich geht das aber alles gegen deine eigene Gesundheit. Was die Autorin in dieser Zeit gelernt hat: Hilfe anzunehmen. Von Freunden und der Familie. Und auch danach zu fragen: „Kannst du mir bitte was vom Einkaufen mitbringen?“ oder „Es würde mir echt helfen, wenn du eben die Wäsche aufhängen könntest, während ich das Baby wickle.“ Fang also bloß nicht an Kuchen zu backen, wenn jemand auf Baby-Besuch vorbeikommt. Den Kuchen können die Gäste gerne selber mitbringen und die Reste natürlich dalassen. Dann hast du am nächsten Morgen gleich schon ein perfektes Frühstück!