Stillen ist toll – aber auch in der Öffentlichkeit?

FREITAG, 23.08.2019 Tina

Stillen ist die einfachste Methode, um dein Kind zu ernähren: Das Essen ist immer da, muss nicht erst zubereitet werden und hat immer die richtige Temperatur. Das klingt so einfach, unterwegs wird es aber kompliziert. Denn Stillen in der Öffentlichkeit kostet anfangs Überwindung ...

Ich wollte immer auf jeden Fall mein Baby Stillen! Ich wollte die Erfahrung Mutterschaft mit allem Drum und Dran erleben, voll auskosten und die kurze Zeit genießen. In meiner Vorstellung saß ich in einem weißen fließenden Kleid entspannt wippend im Schaukelstuhl, summte leise ein Schlaflied während das Baby gemütlich nuckelnd an meiner Brust lag und wir von einer Wolke aus Liebe umgeben waren. Die Realität sah natürlich wieder mal komplett anders aus: Das weiße Kleid war ein ausgeleierter und mit Spuckflecken überzogener Jogginganzug und der Schaukelstuhl eine Couch, auf der ich zwischen einem Teller mit angebissenem Frühstücksbrot und einem riesigen Haufen Schmutzwäsche leicht panisch versuchte, das kleine schreiende Bündel in meinem Arm in die richtige Position zu drehen, damit es andocken kann ohne dass ich ihm aus Versehen ein Bein brach. Die Wolke aus Liebe war natürlich trotzdem da, aber sie gewitterte ein bisschen.

Die Erfahrung Stillen ist toll und ich würde mir wünschen, dass jede Mutter sie machen kann. Stillen ist wundervoll, nervenaufreibend, wahrhaftig, anstrengend, seltsam, Bewusstsein öffnend und manchmal echt ätzend. Das Gefühl, dass du das kleine Wesen in deinem Arm nicht nur geschaffen hast, sondern dass du es auch noch selbst ernähren kannst ist fantastisch und unwirklich zugleich. Auch wenn du seit 28 Stunden weder gegessen noch geschlafen hast, fühlst du dich, als könntest du alles schaffen, die Welt erobern, alle Kriege beenden. Wie auf Droge. Und das ist man tatsächlich, denn beim Stillen werden die Hormone Prolaktin und Oxytocin ausgeschüttet, die einen zur Löwenmama machen. Sie sorgen für ein geringes Schlafbedürfnis und niedriges Stressempfinden und eine ruhige Mama ist furchtlos. Wird das Kind bedroht, ist eine angstlose und angriffslustige Mutter die effektivste Verteidigung. Ist die Natur nicht wunderbar?

Stillen unterwegs? Augen zu und durch

Ist das Stillen daheim schon eine Herausforderung, wird es unterwegs ungleich komplizierter. Eigentlich sollte es so einfach sein, denn man braucht nichts außer Brust und Baby, aber Stillen in der Öffentlichkeit scheitert oft nicht an der Technik, sondern an der Psyche. Es kostet nämlich schon Überwindung, zumindest war das bei mir so. Ich bewundere die Frauen, die im vollen Cafe ohne Scham ihre Brust auspacken, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Rein theoretisch bin ich da voll dabei: Stillen ist das natürlichste der Welt, ich muss und will mein Baby füttern wenn es Hunger hat und wer das nicht mag, der soll halt nicht hinsehen. Und ich möchte mich dabei nicht auf die dreckige Kloschüssel der Damentoilette setzen müssen nur weil der Opa am Tisch gegenüber ein Problem mit 3cm hervorblitzender Brust hat, obwohl er im Tatort mit Sicherheit mehr nackte Haut zu sehen bekommt.

Also, theoretisch hätte ich überall gestillt. Praktisch konnte ich es nur da, wo eine Sache gegeben war: Ich musste mich wohlfühlen. Und das war bei mir selten in der Öffentlichkeit der Fall, wenn viele Menschen anwesend waren. Ich habe mit Freuden draußen auf der einsamen Parkbank gestillt. Der vorbeilaufende Jogger oder die freundliche Oma, die sich zu mir gesellte, war egal. Ich habe in oft sehr nett hergerichteten und leider viel zu selten vorhandenen Stillräumen gemeinsam mit anderen Müttern gestillt. Ich habe gemütlich im Auto vor der Tür gestillt, wenn mir das Restaurant zu voll war. Die einzigen Male, wo ich es in einem öffentlichen Cafe versucht habe, war ich so nervös und habe die Umgebung die ganze Zeit auf missbilligende Blicke gescannt, dass Matilda die ganze Zeit abgerutscht ist und ihre Frustration herausgebrüllt hat. Schön war auch der Versuch, uns mit einem gefühlt 15 Meter langen Stillschaal etwas Privatsphäre zu verschaffen, und nach 10 Minuten wildem Verheddern, geflüsterten Flüchen sowie verwirrtem Nuckeln an rauem Stoff am Ende alles verdeckt war AUßER der Brust.

Gehet raus und stillt!

Das Problem ist, dass Stillen in der Öffentlichkeit noch nicht in der Normalität angekommen ist. Man sieht es zu wenig und man erregt zu viel Aufmerksamkeit, wenn man es macht. Deswegen erzeugt es ein unangenehmes Gefühl, auch wenn der Kopf weiß, es ist ganz natürlich, was ich hier mache und die innere Löwenmama brüllt: "Habt ihr denn alle noch nie einen Busen gesehen? Dafür sind die Dinger übrigens da!" Niemand sitzt gern in einem verletzlichen Moment auf dem Präsentierteller, deswegen ist Stillen in der Öffentlichkeit so schwierig. 

Leider waren mir nur drei Monate Stillen vergönnt, weil mein faules Baby dann gemerkt hat, dass Trinken aus dem Fläschchen viel einfacher ist. Von da an schleppte ich Flaschen, Milchpulver, Thermoskanne mit heißem Wasser, kaltes Wasser zum Mischen und jede Menge anderes Zeug mit. Dem Stillen in der Öffentlichkeit trauere ich trotzdem nicht hinterher. Ich war zu feige, gegen meine inneren Barrieren anzukämpfen. Aber allen stillenden Müttern da draußen wünsche ich mehr Mut! Eure Kinder haben ein Recht auf ein schamfreies Mahl außer Haus! Lasst euch nicht unterkriegen! Geht raus und packt eure Brüste aus, egal was die Gesellschaft sagt!

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Gezwitscher

Der Stillschaal war nicht mein Lieblings-Kleidungsstück, aber es gibt wirklich tolle und praktische Klamotten, die den Prozess "Stillen in der Öffentlichkeit" vereinfachen. Ich hatte ein raffiniertes geknöpftes Top, das wirklich schick aussah und bei dem man nur einen Knopf öffnen musste, und schon öffnete sich diskret die Milchklappe (von ASOS). Auch Wickeloberteile oder extrem dehnbare Stoffe sind toll. Mein am häufigsten benutztes Still-Outfit war ein Still-BH, ein einfaches Spaghettiträgertop und ein weiter Pulli drüber.

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.