Der erste Besuch nach der Geburt

FREITAG, 21.12.2018 Julia M.

"Stolz wollte ich mein Kind allen zeigen. Doch dann war mir der ganze Besuch viel zu viel." Eine Mama erzählt vom schwierigen Spagat zwischen Teilen wollen und dem Bedürfnis nach Ruhe. 

Wir erkläre ich meiner Familie, dass sie mich stört? Das ist gar nicht einfach. Vor allem nicht, wenn man jemand ist, der es allen recht machen will. Also sagte ich nichts. Wobei ich zunächst auch einfach nur so unendlich stolz und glücklich war, dass ich es kaum abwarten konnte, dieses allerschönste Kind der Welt allen zu zeigen. Dazu muss man nämlich wissen, dass noch niemand auf der Welt je so ein hübsches Baby bekommen hat. Überglücklich fieberte ich dem ersten Besuch entgegen. Es kamen Eltern und Schwiegereltern und beide Tanten. Alle betrachteten mit Tränen in den Augen unseren Sprössling.

Im Krankenhaus wurde ich umsorgt

Wir hatten Glück und nach der Entbindung ein Familienzimmer bekommen. Mein Mann war die ganzen dreieinhalb Tage mit mir und unserem Baby in einem Raum und wir wurden bestens umsorgt. Essen holten wir uns dreimal täglich aus der Küche der Wöchnerinnenstation. Kleine Snacks besorgte mein Mann unten im Krankenhaus-Shop. Wir mussten uns nur um unseren Wonneproppen kümmern, Stillen und Wickeln üben und die Zeit als kleine Familie genießen. Wir waren so happy und es lief alles problemlos – natürlich wollten wir unser Glück mit unserer Familie teilen. An Tag eins kamen als erste meine Eltern. Später besuchte uns mein Schwiegerpapa mit seiner Partnerin. Seinen Kommentar "Ist da noch ein Baby drin?" während er auf meinen dicken Bauch starrte, versuchte ich zu überhören. War lustig gemeint. Naja. Mein Humor war nach 9 Monaten Schwangerschaft und 23 Stunden Wehen diesbezüglich anders geprägt. Aber okay. An Tag zwei kamen meine Schwester, meine Schwiegermama und meine Schwägerin. Wir freuten uns riesig über alle, vergossen ein paar Tränchen und auch sie waren sicher, noch nie so ein schönes Kind gesehen zu haben. Wie viele Eltern wohl gerade in diesem Moment exakt das gleiche über ihr Neugeborenes sagen? Die Natur ist etwas Wunderbares.

Mami im Perfektionswahn

Die Situation änderte sich schlagartig, als wir zuhause waren. Gleich für den Nachmittag hatte sich unsere Familie angekündigt. Klar, sie freuten sich eben auch über den ersten Enkel und wollten ihn so schnell wie möglich nochmal sehen. Zuhause sah es aus wie bei Flodders unterm Sofa. Mein Mann war ja die ganze Zeit bei mir im gewesen. Das Geschirr stand noch auf dem Tisch, von dem Abendessen bei dem die Wehen einsetzten. Wir hatten vergessen das Fenster in der Küche zu schließen. Eisige Kälte und Blätter und kleine Äste auf dem Küchenboden erzählten noch von dem Sturm, der einen Tag zuvor getobt hatte. Mein Problem: Ich konnte das nicht einfach so lassen, sondern hatte den Anspruch meiner Schwiegermama ein heiles Familienleben zu präsentieren. Überall um mich herum schienen perfekte Instagram-Mamas ihr Leben mit Kind locker flockig im Griff zu haben. Das sollte bei mir doch auch gehen. Also putzte ich kurz, stillte, machte Kaffee, schaukelte mein Baby, zündete Kerzen an, stillte wieder – bis es klingelte.

Heulkrampf nach dem ersten Besuch daheim

Die liebe Mami meines Mannes brachte eine leckere Quiche mit. Wir aßen, lachten, freuten uns und waren glücklich. Also die anderen. Ich merkte, wie mir langsam alles zu viel wurde. Ich war plötzlich total überfordert, wusste nicht ob ich das alles schaffe, war müde und der Kloß in meinem Hals wurde immer größer. Ich bin sicher, hätte ich gesagt: "Ihr Lieben ich muss mich hinlegen." – alle hätten Verständnis gehabt. Hätte ich um Hilfe gebeten, hätten alle mit angepackt. Stattdessen war ich dumm und versuchte perfekt zu sein. Als unser Besuch drei Stunden später nach Hause fuhr, brach ich zusammen und in Tränen aus.

Vorher mit der Familie sprechen

Nach diesem Erlebnis war klar: Wir leben uns erstmal in Ruhe zuhause ein, bevor wir Freunde und Verwandte einladen. Nach gut einer Woche war ich dann so weit. Ich fühlte mich sicher, wir hatten unsere neuen Rollen langsam gefunden und so etwas ähnliches wie Alltag hatte sich eingestellt. Unser Plan: Einmal pro Woche sollte uns jemand besuchen kommen. Ansonsten würden wir mit unserem Sohn der Besuch sein. So war klar: Wir mussten nichts vorbereiten. Das klappte auch ganz wunderbar. Bei unserem zweiten Kind waren wir schlauer. Wir besprachen mit unserer Familie im Vorfeld, dass wir die ersten Tage zuhause alleine sein wollten. Alle hatten Verständnis. Lustigerweise war es dann aber ganz anders. Bereits am zweiten Tag zuhause luden wir alle ein. Ich war entspannt, ließ alles was herumlag einfach liegen und bat jeden etwas Kleines zu Futtern mitzubringen. Zwischendurch legte ich mich sogar für eine halbe Stunde ins Bett. Ich musste mich einfach nur trauen meine Bedürfnisse klar auszusprechen.

Der erste Besuch nach der Geburt pin

Das Baby ist da und alle wollen es sehen. Unsere Autorin erzählt, wie das für sie war und warum Besuche im Krankenhaus viel besser sind, als die zu Hause.

MeinSpatz Gezwitscher

Das beste Geschenk für frischgebackene Eltern? Fertiges, selbst gekochtes und gesundes Essen für die ersten Tage. Besser als Schnullerketten oder Spucktücher sind nahrhafte Aufläufe, die die Neu-Eltern einfach nur in den Ofen schieben müssen: Lasagne, Kartoffel-Gratin, ein großer Topf fertige Nudelsauce, Kuchen für den Nachmittag – am besten tiefkühlgerecht verpackt. "Am meisten freute ich mich über den Besuch einer Freundin. Sie hatte eine fertige Lasagne dabei, die ich für abends nur noch in den Ofen schieben musste. Sie blieb knapp eine Stunde, half mir beim Aufhängen der Wäsche und machte ihren Kaffee selbst."

Julia M.

Die zweifache Mama könnte auf ihre geliebte Großstadt nie verzichten – und das trotz Familie und Hund. Wenn ihre wilden Jungs im Wald toben wollen, geht’s ab aufs Land zu Oma und Opa. Sie ist geschieden, aber glücklich liiert und liebt ihre Patchwork-Familie und die dreijährige Tochter ihres Freundes. Eigener Nachwuchs? Nicht ausgeschlossen.