Dürfen Krankenhäuser Schwangere mit Wehen abweisen?

MONTAG, 13.08.2018

Kurz gesagt: Ja. Wir erklären dir, wann das passieren kann, welche Rechte du hast und wie du es vermeiden kannst.

Traurig aber wahr: Immer mehr Krankenhäuser schließen ihre Kreißsäle. Der Grund ist meistens Personalmangel. Gleichzeitig steigt die Zahl der Schwangeren und somit die Geburtenrate. 2003 kamen zum Beispiel nur in Münchner Krankenhäusern rund 17 600 Babys auf die Welt. 2017 wurden bereits 23 650 Babys mit Geburtsort München registriert. Laut sueddeutsche.de rechnet die Stadt München bis 2025 mit einem Anstieg der Geburten um weitere elf Prozent. Und im Rest von Deutschland sieht es nicht viel besser aus. Klar, dass das nicht gut gehen kann. Die Leidtragenden sind Frauen, die vor dem unglaublichsten Moment ihres Lebens stehen und nicht wissen, ob sie ihr Baby in ihrer Wunschklinik bekommen werden.

Laut dem Ärzteblatt musste bereits jede dritte Geburtsklinik in Deutschland Schwangere abweisen. Das geht aus einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hervor. Die Gründe hinter den Abweisungen: Mit 65,8 % lag es primär an einem Mangel an Hebammenbetreuung. 64,4 % gaben eine Überlastung der neonatologischen Stationen an. Dazu kamen fehlenden Raumkapazitäten (56,1 %) und ein Arztmangel in der Geburtshilfe (13,7 %). Zu Recht bezeichnet die DGGG diese Situation als "alarmierend".

Reisewarnung für Schwangere für Bayern und Sylt

Mother Hood e.V., die Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt und erstem Lebensjahr, sprach deswegen im vergangenen Jahr sogar eine Reisewarnung für Schwangere aus: "Deutschlandweit sind die Geburtsstationen regelmäßig überlastet. In Großstädten wie Berlin oder München nehmen viele Kliniken Geburten ohne vorherige Anmeldung nicht mehr an. Frauen werden unter Wehen vor den Kreißsälen abgewiesen und müssen zum nächsten Kreißsaal fahren. Dort müssen sie dann damit rechnen, sich eine Hebamme mit mehreren Frauen zu teilen. Die Lage in den Kliniken ist also ohnehin schon angespannt. In den Sommerferien kommt hinzu, dass viele Hebammen, die oft selbst Familie haben, im Urlaub sind," wie auf der Webseite zu lesen ist. Auf Sylt beispielsweise gibt es gar keine Geburtsstation. Auf der Karte sind Berlin, Bayern, Hessen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern sogar dunkelrot markiert. Und jetzt?

Das sind deine Rechte

Doch was kann eine Schwangere tun, die mit Wehen an der Klinik-Anmeldung steht und abgewiesen wird? Hat sie einen Anspruch auf Entbindung in der Klinik, die sie aufsucht? Heike Morris, die juristische Leitung der UPD Patientenberatung Deutschland, hat uns dazu ein paar Fragen beantwortet: "Grundsätzlich gilt für gesetzlich Versicherte ein Anspruch auf freie Klinikwahl unter den zugelassenen Krankenhäusern. Die Krankenhäuser haben sich in einem Versorgungsvertrag verpflichtet die Kassenpatienten zu behandeln. Für Schwangere bestehen hier keine Besonderheiten. Privatpatienten können jede Klinik, also auch reine Privatkliniken aufsuchen. Die Klinik ist allerdings nur in Notfällen verpflichtet, die zur Abwendung von Gesundheitsgefahren für Mutter und Kind notwendigen Behandlungen durchzuführen. Es gibt keine Verpflichtung zum Abschluss eines Behandlungsvertrages mit Privatpatienten." 

Darf eine Klinik also eine Schwangere Frau abweisen? 

"Eine Abweisung des Patienten kann in begründeten Fällen erfolgen. Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn das Krankenhaus nicht die personellen oder räumlichen Kapazitäten aufbringen kann, um die Schwangere fachgerecht zu betreuen oder aber das notwendige Fachpersonal etwa bei einer vorhersehbaren Risikogeburt vorhält. Dann könnte der Klinik sogar ein Übernahmeverschulden vorgehalten werden. Dies gilt aber nicht bei einem Notfall."

Können Eltern nach der Geburt rechtlich dagegen vorgehen?

"Eine Schwangere, die zu Unrecht oder in einem medizinischen Notfall abgewiesen wurde, kann sich zunächst an das Beschwerdemanagement des Krankenhauses wenden. Die meisten Krankenhäuser haben auch sogenannte Patientenfürsprecher, die oft ehrenamtlich tätig sind, also nicht beim Krankenhaus angestellt. Diese nehmen Beschwerden auf und setzen sich für die Belange des Patienten ein. Ferner gibt es Aufsichtsbehörden über viele Krankenhäuser, insbesondere kommunale Einrichtungen, bei denen Missstände im Krankenhaus angezeigt werden können. Das Beschwerdemanagement und die Aufsichtsbehörde findet man in der Regel auf der Webseite des jeweiligen Klinikums, insbesondere im Impressum oder auf der "Weissen Liste". Falls ein Schaden entstanden ist besteht auch die Möglichkeit gegen die Klinik, die die Aufnahme der Schwangeren zu Unrecht abgelehnt hat, Schadenersatz geltend zu machen. Da aber gerade kein Behandlungsvertrag zustande gekommen ist, wird die erfolgreiche Durchsetzung eines solchen Anspruchs eher die Ausnahme sein."

Das kannst du tun

Entbindest du in einem Ballungsraum? Dann solltest du dich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass deine Wunschklinik nicht dein Entbindungsort sein wird. Informiere dich gut, welche Kliniken es in deiner Nähe gibt. Tatsächlich solltest du hochschwanger (etwa ab SSW 34) nicht mehr verreisen  - wenn es sich vermeiden lässt. Ohnehin tut dir viel Ruhe jetzt gut. Melde dich frühzeitig in der Klinik an, in der du entbinden willst. Ab wann das möglich ist, bestimmt jedes Krankenhaus selbst, am besten du fragst telefonisch nach. Aber: Auch eine vorherige Anmeldung in deiner Wunschklinik ist keine Garantie für einen Platz, wenn es soweit ist. Manche Kliniken melden sich an bestimmten Tagen sogar wegen Überfüllung und Personalmangel bei Rettungsdiensten und Feuerwehren ab. Mache dich einfach schon vorher mit dem Gedanken vertraut, dass du möglicherweise doch spontan in einer anderen Klinik entbindest. Dann bist du im Fall der Fälle nicht vor den Kopf gestoßen und kannst gelassener reagieren. Warte nicht zu lang, bis du mit Wehen in ein Krankenhaus fährst. Am besten du rufst bevor du losfährst im Krankenhaus an, um zu fragen, ob eine Entbindung dort aktuell möglich ist. Kläre schon im Krankenhaus-Vorgespräch ab, wie die Handhabung bei Vollbelegung ist und welche Alternativ-Kliniken dann in Frage kommen. Mache dich einfach schon mal mit den Wegen und Routen vertraut, die zu anderen Kliniken führen. Das Wichtigste ist für dich keine Panik zu bekommen, sondern ruhig über Alternativen verfügen zu können. Wenn du deinen kleinen Spatz zum ersten Mal im Arm hältst, wird es dir egal sein, in welchem Kreißsaal er gerade geboren wurde. 

Vielleicht kommt ja auch eine Hausgeburt für dich in Frage? In unserem Artikel "Das solltest du bei einer Hausgeburt beachten" kannst du dich in das Thema einlesen. Leider ist hier allerdings wieder das Problem eine Hebamme dafür zu finden. Wie man es dreht und wendet: Die aktuelle Lage für Schwangere ist in Deutschland absolut nicht optimal.

Dürfen Krankenhäuser Schwangere mit Wehen abweisen? pin

Deutsche Kreißsäle sind voll. Aber was wenn die Wehen einsetzen? Darf die Geburtsstation eine werdende Mama abweisen?

MeinSpatz Gezwitscher

Du willst etwas dagegen tun? Dann sieh dir doch mal die "Petition an den Deutschen Bundestag: Beschluss einer umfassenden Geburtshilfereform" an. Hier wird der Bundestag dazu aufgefordert die unfassbaren Missstände endlich per Gesetz zu ändern.