Geburtsverletzungen: Einmal Hölle und zurück

DONNERSTAG, 21.03.2019

Mein Kaiserschnitt war zehn Stunden her. Da kam die Schwester ins Zimmer und sagte: "So, jetzt stehen wir mal auf!" Und was dann kam, waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je erlebt hatte. 

Noch heute frage ich mich, warum mir niemand gesagt hat, wie man sich nach einer Geburt fühlt und dass eine Geburt auch Wochen später noch schlimme Nachwirkungen haben kann. Ich bin eine Kaiserschnitt-Mama. Es war ein geplanter Kaiserschnitt, weil der letzte Ultraschall ein Geburtsgewicht von knapp 4,5 Kilo prognostiziert hatte. Die Ärzte rieten mir zu dem operativen Eingriff, da die Gefahr, dass sich unser Sohn im Geburtskanal verhaken könnte, recht groß sei. Als Erstlingsmama hatte ich keinen blassen Schimmer, was da auf mich zukommen würde und ich willigte ein. Zwei Tage später lag ich also um kurz nach acht Uhr morgens im Kreißsaal und gebar unseren Sohn per Kaiserschnitt. Aus sehr persönlichen Gründen wählte ich eine Vollnarkose. Der erste große Fehler. Ich wachte also etwa 30 Minuten nach der Geburt auf und das erste was ich fühlte waren Schmerzen, sehr schlimme Schmerzen. Total benebelt nahm ich wahr wie mein Mann mit unserem Sohn – der wie am Spieß geschrien hat –neben mir stand und versuchte mich zu beruhigen. Nach abermals 30 Minuten hatte ich so viel Schmerzmittel intus, dass ich unseren Sohn endlich im Arm halten konnte.

"Solche Schmerzen hatte ich zuvor noch nie gespürt"

Die ersten zwei Stunden vergingen wie im Flug. Gegen Mittag durfte ich endlich auf das Zimmer und wollte mich aufsetzen, immerhin lag ich stundenlang in der gleichen Position. Und da durchfuhr mich die nächste heftige Schmerzwelle. Ich wusste gar nicht wie mir geschah, denn solche Schmerzen hatte ich zuvor noch nie gespürt. Ich war absolut nicht im Stande mich zu bewegen. Auf mein Klingeln hin kam eine Schwester, gab mir Schmerzmittel und ging wieder. Erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, was mit meinem Körper passiert war: Mir wurden die Bauchmuskeln durchgeschnitten. Eine Tatsache, die ich vorher gar nicht so realisiert hatte. Mit Schmerzmitteln vollgepumpt konnte ich mich halbwegs bewegen, aber vom Aufstehen war ich weit entfernt. So lag ich also da und musste mitansehen, wie mein Mann und die Krankenschwestern sich um mein Baby kümmerten. Ich konnte ja nicht aufstehen. Ich fühlte mich hilflos, allein und ich hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber unserem Sohn. Ich wollte mich doch um ihn kümmern, ihn wickeln, umziehen und im Krankenhausflur auf und ab fahren. Nichts davon konnte ich, die Schmerzen waren einfach zu groß.

Der Ohnmacht nahe vor Schmerzen

So sah ich also zu, wie andere Menschen sich am ersten Lebenstag um mein Baby kümmerten. Gegen Abend kam dann eine Schwester und sagte zu mir: "So, jetzt stehen wir mal auf!". Auf meiner Stirn bildete sich purer Angstschweiß, denn ich ahnte schon, dass das schmerzhaft werden würde. Und es war die Hölle. Ich schaffte es nicht einmal alleine von der Bettkante hoch. Mein Mann und die Schwester hielten mich rechts und links am Arm und versuchten mich zum Aufstehen zu bringen. Ich konnte vor Schmerzen kaum atmen und nach einer knappen Minute wurde mir schwarz vor Augen und ich wurde fast ohnmächtig. Insgesamt verbrachte ich vier Tage und drei Nächte im Krankenhaus. Ich konnte kaum alleine aufstehen, geschweige denn ohne Hilfe laufen. Unser Sohn wurde tagsüber von meinem Mann gepflegt und nachts kamen die Krankenschwestern. Ich musste hilflos zusehen. Am letzten Tag konnte ich dann einigermaßen laufen, aber nur, wenn ich einen Stützgurt um den Bauch trug.

Keine Besserung nach drei Wochen

Zuhause angekommen wurde es nicht leichter. Ich konnte mich immer noch schwer bewegen, nur langsam laufen, das Aussteigen aus dem Auto fiel mir schwer und nachts war es die Hölle mich im Bett umzudrehen. Ich weiß heute – 14 Monate nach der Geburt – zwar nicht mehr, wie lange die Schmerzen angehalten haben, aber ich weiß, dass mein Mann noch eine zusätzliche Woche Urlaub beantragen musste, weil es mir nach drei Wochen immer noch nicht wirklich gut ging. Als Kaiserschnitt-Mama weiß ich nicht viel über die Schmerzen, die eine Spontangeburt mit sich bringt. Ich kenne aber die Geburtsberichte meiner Freundinnen und die erzählten von entzündeten Nähten, wochenlangen Schmerzen beim Sitzen, Gehen oder Wasserlassen. Von Dammrissen, die nicht ordentlich verheilt sind oder von anhaltenden Problemen, weil bei der Naht geschlampt wurde. 

Eine werdende Mutter sollte wissen, was auf sie zukommen könnte

Ich weiß nicht, in wie vielen Fällen es Komplikationen mit Geburtsverletzungen gibt. Wahrscheinlich sind es nicht viele. Oder sie werden totgeschwiegen. Ich finde aber, eine werdende Mutter sollte auf das vorbereitet sein, was nach der Geburt kommen kann. Nichts davon muss eintreten. Meine Zimmernachbarin im Krankenhaus hatte auch einen Kaiserschnitt und zwar genau einen Tag vor mir. Und sie konnte problemlos aufstehen, konnte sich im Bett umdrehen, sitzen und laufen. Auf dem Flur liefen Frauen herum, die nur Stunden zuvor ein Kind geboren hatten und sie sahen aus, als wäre nie etwas passiert.

Keine Frau sollte Angst vor der Geburt haben, denn jede Geburt verläuft individuell. Dennoch sollten Ärzte – meiner Meinung nach – mehr Aufklärungsarbeit leisten. Ich möchte hier auch wirklich keine Panik verbreiten. Aber hätte man mir gesagt, wie es mir nach dem Kaiserschnitt ergehen könnte, hätte ich mich vielleicht anders entscheiden. Vielleicht hätte ich unseren Sohn spontan geboren. Dann hätte ich auch heute keine Probleme mit meiner Kaiserschnittnarbe (die schmerzt nämlich immer einen Tag bevor meine Periode einsetzt). Es gibt viele "hätte" und viele "möglicherweise". Keine Frau lässt sich in ein Schema pressen, schon gar nicht bei einer Geburt. Aber jede Frau sollte vor dem Entbindungstermin ein offenes Gespräch mit dem Arzt führen und über alle Eventualitäten aufgeklärt werden.

Unser Sohn kam übrigens mit 4.030 Gramm und 54 Zentimetern zur Welt. Er war also weit davon entfernt, ein solcher Riese zu sein, wie es die Ärzte prognostiziert hatten. Sollte ich ein zweites Kind bekommen, würde ich anders entscheiden. Wenn ich aber alles noch einmal Revue passieren lasse, dann haben sich auch die schlimmsten Schmerzen gelohnt. Für meinen kleinen Spatz.

Geburtsverletzungen: Einmal Hölle und zurück pin

Dass die Geburt kein Zuckerschlecken ist, weiß man. Aber dass die Geburt Verletzungen nach sich zieht, die auch noch lange andauern können, wird oft verschwiegen. Unsere Autorin hat das nach einem Kaiserschnitt erlebt und wurde davon total überrollt.

MeinSpatz Gezwitscher

Kristin Graf ist Hypnose-Coach in der Geburtsvorbereitung und erklärt in diesem Video, was du tun kannst, wenn du Angst vor Geburtsverletzungen wie einem Dammriss hast. Einer Mama aus der Redaktion zum Beispiel ging es ganz anders wie unserer Autorin. Sie bekam zwei Kinder und ihr Körper machte wunderbar mit. Lediglich leichte Abschürfungen am Damm mussten versorgt und gepflegt werden. Ansonsten konnte sie ohne Probleme aufstehen und ihr Kind versorgen. Ihr Tipp: "Bereitet euch auf alles vor. Organisiert euch vorher schon Hilfe für den Notfall und sollte es euch nach der Geburt wirklich nicht so gut gehen, dann seid ihr umgeben von Menschen, die euch beistehen. Irgendwann ist alles ausgestanden."