Hebammenmangel: Die neusten Zahlen

DONNERSTAG, 08.11.2018

Eine neue Studie bringt es ans Licht: Jede fünfte Frau erlebt das Wochenbett ohne die Hilfe einer Nachsorgehebamme. Und das ist der erschreckende Grund …

Stell dir vor: Du hast die Geburt gut überstanden und bist mit deinem Baby endlich zuhause. Jetzt gehen dir tausend Fragen durch den Kopf. "Ist die Farbe des Wochenflusses normal? Wie kann ich mein Kind im Liegen stillen? Warum spuckt mein Baby so viel? Was tue ich, wenn der Po wund wird? Wann fällt der Nabel ab?" Die Liste der Fragen ist schier unendlich. Nicht immer genügt es den Frauen in einem Buch nachzulesen. Auch deine Mutter, Schwester oder Freundin wissen nicht immer Bescheid oder sind auf dem aktuellsten Stand. Wenn du Glück hast, kommt für die nächsten Wochen eine Nachsorgehebamme zur dir. Sie kümmert sich um alle Sorgen und Ängste, gibt dir und deinem Partner wertvolle Tipps, verrät einfache Tricks im Alltag mit eurem Säugling und hat ein ganz genaues Auge auf das Gedeihen eures kleinen Wunders. Sie beruhigt, berät, untersucht und bestärkt dich im Mamisein und hilft dir, deinen Weg zu finden. So und nicht anders sollte jede frischgebackene Mama die ersten Wochen mit ihrem neuen Baby verbringen. Doch leider muss hierzulande jede fünfte Frau auf diese wertvolle Unterstützung verzichten und ist ganz auf sich allein gestellt. Erstmals deckt eine Studie die alarmierenden Zahlen des Hebammenmangels in Deutschland auf.

Sparwahn und mangelnde Aufklärung auf Kosten von Frauen und Kindern

Schon länger ist bekannt, dass Frauen mit Wehen von Krankenhäusern abgewiesen werden, weil diese entweder überfüllt sind oder schlicht zu wenig Personal haben. Schwangere müssen lange Anfahrten in Kauf nehmen, da immer mehr Geburtsstationen wegen mangelnder Rentabilität schließen. Natürlich müssen auch Krankenhäuser auf eine gewisse Wirtschaftlichkeit achten, aber zu welchem Preis? So ein wichtiger und einschneidender Moment im Leben einer Frau wird heruntergebrochen auf Kosten, Bilanzen und wirtschaftlichen Nutzen. Die Studie "Mangel an Hebammen in Deutschland" untersuchte den Status Quo der Geburtshilfe aus Sicht der Mütter mit Fokus auf die Wochenbettbetreuung. In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut SKOPOS wurden 1.000 Mütter aus ganz Deutschland zu ihrer Suche nach und Erfahrungen mit einer Hebamme befragt. Das Ergebnis: Jede fünfte Mutter nimmt keine Nachsorgehebamme in Anspruch. Der häufigste Grund: fehlende Verfügbarkeit im näheren Umfeld. Wird doch eine Hebamme gefunden, dann meist nach wochenlanger Suche: Jede fünfte Frau sucht zwei Monate oder sogar länger. Ebenso erschreckend: Jede dritte Frau, die keine Nachsorgehebamme hatte, weiß nicht einmal, dass Sie einen gesetzlichen Anspruch darauf hat. Dabei ist dieser vom Gesetz ganz klar geregelt:

"Die Versicherte hat während der Schwangerschaft, bei und nach der Entbindung Anspruch auf ärztliche Betreuung sowie auf Hebammenhilfe einschließlich der Untersuchungen zur Feststellung der Schwangerschaft und zur Schwangerenvorsorge; ein Anspruch auf Hebammenhilfe im Hinblick auf die Wochenbettbetreuung besteht bis zum Ablauf von zwölf Wochen nach der Geburt, weitergehende Leistungen bedürfen der ärztlichen Anordnung." (§24d SGB)        

Warum gibt es so wenige Hebammen?

Das Wochenbett ist in unserer Kultur in Vergessenheit geraten. Frauen wollen und müssen oft schnell wieder fit und auf den Beinen sein. Dabei ist die Zeit der Ruhe nicht nur für Mamas Körper wichtig. In dieser Phase entsteht eine intensive Bindung zum Kind. Das „Wieder-zu-Kräften-kommen“ ist außerdem nicht nur für den Moment, sondern auch für die spätere Gesundheit der Mutter unglaublich wichtig. Genaueres kannst du hier nachlesen. Trotzdem verzichten laut der Studie gerade jüngere Mütter auf eine Hebamme für ihre Wochenbettbetreuung: Während 83,8 Prozent der Frauen über 30 eine Nachsorgehebamme haben, entscheiden sich von den unter 30-Jährigen nur 73,8 Prozent dafür. Natürlich darf jede Mami selbst bestimmten, wie oder ob sie nach der Geburt ihres Spatzes betreut werden möchte. Dazu muss sie aber auch alle Möglichkeiten kennen. Viele wissen jedoch nicht, wie wichtig das Wochenbett und Hilfe von außen für die frischgebackene Mama sind.

Nachsorgehebamme: Hilfe und emotionaler Beistand

Insgesamt 64 Prozent der Frauen gaben an, dass die Nachsorgehebamme für sie einen emotionalen Beistand und Vertrauensansprechpartner darstellt. Diese Frauen wünschen sich eine intensive Nachsorge, finden aber einfach keine Unterstützung. Woran liegt das? Viele freiberufliche Hebammen ziehen sich aufgrund hoher Haftpflichtprämien aus ihrem Beruf zurück oder arbeiten nur noch wenige Stunden, um der Sozialversicherungspflicht zu entgehen. Logisch, dass die Verfügbarkeit von Nachsorgehebammen immer knapper wird. Hebamme und Autorin ("Die Hebammensprechstunde", Stadelmann Verlag) Ingeborg Stadelmann kennt die Probleme: "Die Gründe für den derzeitigen Mangel an Hebammen sind vielfältig. Das aktuelle Abrechnungssystem sieht Pauschalen für die Dienstleistungen durch Hebammen in Klinken vor. Eine Geburt lässt sich aber nicht pauschalisieren, genauso wenig wie die Betreuung einer Wöchnerin. (…) Gleichzeitig lohnt sich die Arbeit für Hebammen finanziell immer weniger, immer mehr Hebammen ziehen sich aus der Geburtshilfe zurück. Das ist auch oft der Fall, wenn Hebammen selbst Mütter werden und für ihre Familie da sein möchten. Ein Wiedereinstieg in den Beruf mit reduzierter Stundenzahl lohnt aus finanzieller und steuerlicher Sicht schlicht und ergreifend nicht. Viele meiner Kolleginnen orientieren sich daher nach der Geburt eines Kindes beruflich um."

Nicht jede Hebamme kommt für jede Frau in Frage

Kein Wunder also, dass mittlerweile ein regelrechter Run auf Hebammen herrscht. Viele Mamis beginnen direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest mit der Suche. Was einige allerdings nicht bedenken: Selbst wenn eine Hebamme gefunden wird, heißt das nicht automatisch, dass sie die Nachsorge auch durchführen kann. Denn in dieser besonders intimen und gefühlsbeladenen Familiensituation können auch fehlende Sympathie mit einer Hebamme oder eine mögliche Sprachbarriere eine große Rolle spielen. Es ist schon verrückt: Einerseits werden die Themen Schwangerschaft, Geburt und Baby so großflächig wie nie auf Blogs, sozialen Netzwerken, in Print- oder Onlinemedien diskutiert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Elternsein wird zelebriert und es werden immer mehr Kinder geboren. Der Stellenwert der Familie im Alltag wächst kontinuierlich, egal welche individuelle Form sie auch annimmt. Gleichzeitig werden Kreißsäle geschlossen, Hebammen und Betreuungskräfte schlecht bezahlt, Mütter im Job nach wie vor benachteiligt und das wachsende Bedürfnis junger Eltern nach mehr Zeit für die eigene Familie und einer flexiblen Arbeitseinteilung konsequent von Arbeitgebern ignoriert. Es wird Zeit, dass sich endlich etwas ändert!

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Obwohl das Thema Familie aktuell so populär ist wie nie, gibt es immer weniger Unterstützung für werdende und frischgebackene Mamas, z. B. durch Hebammen.

MeinSpatz Gezwitscher

In diesem Video des wöchentlichen Fernsehmagazins "quer" berichten Mamis und Hebammen von ihren eigenen Erfahrungen mit dem immer noch unterschätzten Problem "Hebammenmangel".