Rooming-In ist ja ganz toll, aber...

FREITAG, 01.03.2019 Andrea Huber

Ich wollte von Anfang an nach der Geburt im Krankenhaus bleiben. Eigentlich eine gute Entscheidung, auch wenn nicht alles so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Die Entbindung unseres ersten Kindes zog sich über mehr als 20 Stunden hin. Als der kleine Dickschädel endlich auf meinem Bauch lag, waren wir überglücklich. Mein Mann schien einen richtigen Adrenalinrausch zu erleben: Er war mega aufgedreht. Ich war hauptsächlich erschöpft. Nach den Untersuchungen wurden wir mit unserem kleinen Bündelchen im Arm in unser Zimmer gebracht. Wir hatten Glück, denn das Krankenhaus konnte uns ein Familienzimmer zur Verfügung stellen. Geplant hatten wir das von Anfang an, aber es war nicht klar, wie die Klinik belegt sein würde. Bei voller Auslastung, wird der Platz natürlich für andere Patientinnen gebraucht. Wir aber hatten das ganze Zimmer nur für uns: zwei Betten. Und mein Mann blieb volle drei Tage mit mir und dem Kleinen im Krankenhaus. Genial.

Total auf uns allein gestellt

Nicht ganz so genial war die Tatsache, dass wir völlig allein waren. Mein Sohn kam mitten in der Nacht zu Welt, bis wir danach aufs Zimmer durften, war es bereit 01:00 Uhr. Klar, die Nachtschwester war da, aber natürlich war die Station auf Sparflamme besetzt. Unserem Baby und mir ging es körperlich gut und ich verstand schon damals, dass sich die Schwester um andere Frauen kümmern musste. Mamas, die nicht so fit waren. Das Krankenhaus praktiziert das sogenannte "Rooming in", wie mittlerweile die meisten Entbindungskliniken in Deutschland. Das bedeutet, dass Mutter und Kind niemals getrennt werden, so wird das Bonding unterstützt. Ich bin ein absoluter Fan davon und hätte mir auch gar nicht vorstellen können, mein Baby auch nur für eine Minute wegzugeben. Ich weiß auch, wie viel Glück ich hatte, dass mein Mann mit im Zimmer war. Wenn ich kurz auf Toilette musste, kuschelte unser Kleiner in Papis Armen. Andere Mamis brauchen sicher ab und zu die Unterstützung der Schwestern oder hetzen sich ab, solange das Baby schläft.

Etwas mehr Hilfe für mich wäre toll

Im Prinzip war also alles wunderbar und wir genossen unseren Zwerg in vollen Zügen. Allerdings ließ sich die Schwester fast die ganze Nacht nicht blicken und wenn sie dann kam, betütelte sie eher mein Kind als mich. Irgendwie schien sie davon auszugehen, ich wüsste genau was ich tue. Bei meinem zweiten Kind war das auch so. Aber jetzt, beim ersten Mal, fühlte ich mich manchmal unsicher. Ich traute mich aber auch nicht, jede Stunde nach der Schwester zu klingeln. Aber ich hatte viele Fragen und mein Mann wusste da auch nicht weiter. Ganz klar ein Vorteil von einem normalen Doppelzimmer: Man kann die andere Mama fragen und sich eventuell gegenseitig unterstützen. So schön diese ersten Tage als Familie im Zimmer auch waren, ich hätte mir etwas mehr Hilfe gewünscht. Ich hatte zum Beispiel schlimme Nachwehen, wusste aber gar nicht, dass ich dagegen eine Tablette hätte nehmen dürfen. Das erfuhr ich erst beim zweiten Kind. Das Stillen klappte an sich gut, nur hatte ich wahnsinnige Schmerzen und entzündete Brustwarzen. Da müsse ich durch. Daheim gab mir meine Hebamme schmerzlindernde Stillkompressen, sie sofort halfen. Hätte ich so etwas bereits im Krankenhaus bekommen, wäre es halb so wild gewesen. 

Kein Vorwurf an die Schwestern

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich möchte den Schwestern auf der Entbindungsstation in keinster Weise einen Vorwurf machen. Sie machen einen tollen und vor allem anstrengenden Job. Das Prinzip des Rooming In sieht ja auch vor, Mutter und Kind so viel wie möglich sich selbst zu überlassen – oder anders gesagt: So wenig wie möglich einzugreifen. Noch dazu sind die Schichten meist so knapp besetzt, dass sie gar nicht anders können, als nur das Nötigste zu machen. Um Mamis aber mit genug Zeit zu betreuen, sie richtig zu unterstützen, bräuchten die Krankenhäuser viel mehr Personal. Leider geht es letztendlich nicht um die Patienten sondern um Geld, um Kosten-Nutzen, um Gewinn. Natürlich bleiben da Dinge wie Zuspruch und ruhige hilfreiche Gespräche aus Zeitmangel auf der Strecke. Wie schade. Und ja, eine Geburt ist etwas ganz Natürliches und der Mutterinstinkt funktioniert erstaunlich gut. Dennoch sind viele Erst-Mamis zu sehr auf sich allein gestellt. Denn während früher Frauen im Wochenbett von Mutter, Oma, Tante oder der Nachbarin umsorgt wurden, leben Familien heute nicht mehr so eng zusammen. Zuhause ist die Frau meistens auf ich allein gestellt, von gelegentlichen Hebammenbesuchen mal abgesehen. Es wäre also mehr als hilfreich, wenn frischgebackene Mütter in den ersten Tagen so betreut und beraten würden, dass sie entspannt, erholt und ausgeruht nach Hause gehen. Das war bei mir nicht so. Ich hatte etwas Angst. Ich wusste nicht genau ob ich alles richtig mache, ich hatte Panik vor der nächsten Stillmahlzeit weil meine Brüste so schmerzten, ich fühlte mich einfach müde und unsicher. Meine Hebamme war diejenige, die sich dann viel Zeit nahm und mich auf den richtigen Weg brachte. Zum Glück.

In unserem Land werden Kreißsäle geschlossen, während gleichzeitig Schwangere mit Wehen von überfüllten Krankenhäusern abgewiesen werden. Die Politik feiert sich als familienfreundlich, während Kinderbetreuung in Großstädten immer teurer wird – ganz zu schweigen davon, dass es noch immer nicht genug Betreuungsplätze gibt. Vereinbarkeit von Familie und Beruf? In vielen Fällen leider nur politische Theorie. Kinder sind doch die Zukunft dieses Landes oder? Warum fangen wir dann nicht damit an, sie auch so zu behandeln? Und dazu gehört nun mal auch: mehr ordentlich bezahltes Personal in den Kliniken, um Mutter, Vater und Kind des besten Start ins Leben zu ermöglichen. 

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Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.