So half mein Mann mir durch die Geburt

MONTAG, 08.10.2018 Andrea Huber

Ich lag fast 24 Stunden in den Wehen. Zum Glück war mein Mann immer neben mir. Ohne ihn hätte ich das nicht überstanden. Warum? Weil er ständig Witze machte.

"Du ich glaub es geht jetzt los." Mein Mann sah vom Laptop auf: "Okay, dann fahren wir mal." Ich hatte bereits seit zwei Stunden leichte Wehen, jetzt wurden sie deutlich intensiver. Ich war aufgeregt, ein wenig ängstlich und unglaublich gespannt auf unser erstes Kind. Mein Mann war auch voller Vorfreude, ansonsten aber total gelassen. Im Krankenhaus angekommen, brachte uns die Hebamme in ein Zimmer neben dem Kreißsaal. Es war kurz vor Mitternacht und auf den Tag der errechnete ET. Bald würde ich mein Baby in den Armen halten. Zum Glück wusste ich da noch nicht, dass es noch ganze 23 Stunden dauern würde.

Im Krankenhaus legte mein Mann sich erstmal schlafen

Unser Zimmer hatte ein großes Bett und die Hebamme meinte, wir sollten uns noch ein wenig ausruhen. Ich wollte lieber stehen, mein Mann legte sich aber gleich aufs Ohr. Er hat die Gabe wirklich einfach überall und in jeder Situation schlafen zu können. Nach einer halben Stunde schnarchte er also weg. Ich stand vor dem Bett und hielt mich an einem Tuch fest, dass von der Decke baumelte. Die Wehen kamen alle zwei Minuten, ich veratmete sie. So ging das bis zum Morgen. Mein Mann machte immer mal wieder die Augen auf, fragte ob alles okay sein und schlief dann weiter. So merkwürdig das auch klingt: Genau das half mir zu entspannen. Seine innere Ruhe übertrug sich auf mich. Sein Schnarchen brachte ein Stück Normalität in die Situation. Ich wusste, wenn ich nur einen kleinen Pieps sagen würde, wäre er wach und neben mir. Aber ganz ehrlich. Im Moment konnte er sowieso nichts tun. Er war bei mir. Mehr brauchte ich gerade nicht.

Mit Lachen gegen die Schmerzen

Als die ersten Sonnenstrahlen durch Fenster drangen, hatte ich bereits mehrere Stunden Wehen hinter mir. Wir frühstückten, die Hebamme untersuchte mich – die Wehen waren zwar da, aber es ging nicht so richtig voran. Jetzt hieß es Treppensteigen. Ich ging mit meinem Mann bestimmt eine Stunde lang die Treppen nach unten, dann fuhren wir mit dem Aufzug wieder hoch. Die Wehen kamen oft und ziemlich heftig. Mein Mann beruhigte mich, hielt mich, lächelte mich an, wir redeten über Gott und die Welt, unsere Freunde und er brachte mich zum Lachen. Langsam merkte ich, dass er sich etwas hilflos fühlte, wenn der Schmerz mich überrollte. Nach 12 Stunden fragte mich die Hebamme wie ich zu einer PDA stünde. Die Geburt könne locker noch 12 Stunden dauern und ich bräuchte meine Kraft am Ende für die Presswehen. Ich war schon total geschafft. Ich hatte mir die Entscheidung immer offen gelassen, jetzt wollte ich die PDA. Also gingen wir in den Kreißsaal, der Zugang wurde gelegt und ich konnte mich von den Schmerzen etwas erholen. 

Mehr Spaß im Kreißsaal

Nach dem Schichtwechsel lernten wir die neue Hebamme und die Schwestern kennen. Mein Mann hatte sofort einen Draht zu ihnen, wie zu fast allen Menschen die er trifft. Er hat die Gabe mit jedem ein Thema zu finden. Und so plauderte er, wann immer Hebamme und Schwestern kurz Luft hatten, mit dem Personal und erzählte Witze. Für mich einfach nur wunderbar. Alle entspannten sich in unserem Zimmer und waren gut gelaunt. Die Stimmung war so positiv und gelöst, dass ich mich auch innerlich entspannte, obwohl die Situation gar nicht so easy war. Die PDA hatte meine Wehen ausgebremst, mein Sohn rutschte nicht weiter, seine Herztöne wurden ein wenig schwächer und wir bereiteten uns auf einen Notkaiserschnitt vor. Dennoch war ich irgendwie nicht verängstigt, weil mein Mann ein wahrer Fels in der Brandung war. Er blieb locker, fragte ruhig nach und scherzte trotzdem weiter. Auch er machte sich Sorgen, um mich, um unseren Sohn. Aber instinktiv tat er das Richtige und bewahrte Ruhe und Gelassenheit – zumindest nach außen. 

Die Hebammen und Schwestern taten alles, um einen Kaiserschnitt zu verhindern. Sie massierten meinen Bauch, stachen die Fruchtblase an, damit sie endlich platzte, waren die ganze Zeit neben uns. Gleichzeitig wurde der OP vorbereitet. "So, wir geben ihm noch zehn Minuten, wenn sich dann nichts tut, müssen wir den Kleinen holen." Der Countdown wirkte, mein Sohn meldete sich zu Wort. Ich war nach mittlerweile über 22 Stunden so erschöpft, dass meine Beine zitterten. Ich fühlte mich außerstande zu pressen. Mein Mann war da und hielt meine Hand. Als das Köpfchen zu sehen war, flippte er fast aus vor Erleichterung, Freude, Erstaunen: "Da ist ja wirklich ein Baby drin!!!" Alle grinsten, sogar ich. Ein paar Minuten später lag unser Kind auf meinem Bauch und trank an meiner Brust. 

Es war eine lange, anstrengende und schwierige Geburt, die mir aber nicht so vorkam. Weil mein wunderbarer Mann alle bei Laune gehalten hat. Weil er stark war für mich und unser Baby. Natürlich bat er mir immer wieder seine Hilfe an, massierte mir auch den Rücken, streichelte mich und brachte mir Wasser und kühle Umschläge. Aber all das war zweitrangig. Er vermittelte mir während all der langen Stunden, das alles gut ist. Und letzten Endes hat mich seine positive Energie durch die unendlichen Stunden voller Wehen, Narkosen und Untersuchungen gebracht.

So half mein Mann mir durch die Geburt pin

Unsere Autorin macht ihrem Mann eine Liebeserklärung: Denn er war bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes ihr Fels in der Brandung und sorgte für gute Laune.

MeinSpatz Gezwitscher

Wie sieht es eigentlich auf der anderen Seite aus? Was empfinden Männer im Kreißsaal? "So jetzt geht’s los –Wie Papa die Geburt erlebt," kannst du hier nachlesen.

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.