So sehr hat mir meine Nachsorgehebamme geholfen

FREITAG, 03.08.2018

Wir durften mit unserem Baby nach Hause. Doch dann bekam ich Angst: Schaffen wir das alleine? Zum Glück hatte ich diese wunderbare Hebamme.

Jetzt war es also soweit: Wir packten unseren Spatz in den Maxi Cosi. Er sah so winzig aus in der Babyschale. Klein und zerbrechlich. Oh je, sollten wir jetzt etwa wirklich auf uns allein gestellt sein? Ich verdrängte den Gedanken und das mulmige Gefühl im Bauch. Wir verabschiedeten uns von den Schwestern und gingen zum Auto. Mein Mann war die ganze Zeit bei mir im Krankenhaus. Wir hatten ein Familienzimmer und die ersten drei Tage mit unserem Kind gemeinsam genossen. Die Schwestern sahen nach uns, wir fühlten uns sehr wohl und wurden schnell sicher im Umgang mit dem Würmchen. Doch jetzt fuhren wir alleine nach Hause. Der Moment war überwältigend. Noch im Auto begann ich zu weinen. Vor Glück und vor Angst. Ich rief meine Hebamme an. Sie beruhigte mich und versprach, in ein paar Stunden vorbei zu kommen.

Ich hatte mir das anders vorgestellt

Zuhause erwartete uns erst einmal das Chaos. Wir waren beim Einsetzen der Wehen schnell aufgebrochen, die Wohnung war unaufgeräumt und wir hatten vergessen, das gekippte Fenster zu schließen. Es war zwar Sommer, aber wirklich kühl, und unser Zuhause ungemütlich und kalt. Oh Mann, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich räumte schnell auf, der Kleine schlief friedlich. Gerade hatte ich den letzten Topf gespült, da klingelte es. Meine Hebamme war da. Wir hatten bislang nur miteinander telefoniert, schon da war sie mir sehr sympathisch. Jetzt stand sie mir gegenüber, mit diesem wunderbaren warmen Lächeln, Sommersprossen und rotbraunen Locken. Ich mochte sie auf Anhieb unglaublich gern. Sie strahlte Ruhe aus. Als sie mich mit dem Geschirrtuch sah und ihr Blick auf den Abwasch fiel, sagte sie: "Du hast nicht im Ernst gerade abgewaschen oder? Du hast gerade ein Kind bekommen, also ab auf die Couch. Jetzt ist dein Mann dran. Und wenn er keine Lust auf Hausarbeit hat, dann bleibt eben mal was liegen. Auch egal." Sie sagte das nicht vorwurfsvoll, sondern lieb und aufmunternd, aber mit einer Konsequenz, die keinen Widerspruch zuließ.

Die beste Hilfe bei wunden Brustwarzen

Ich kam sofort zur Ruhe. Das war jedes Mal so, wenn sie zu uns kam. Sie betrachtete unser Baby, streichelte über seine Wangen und Hände. Dann wandte sie sich mir zu. "Möchtest du mir erzählen, wie es dir geht und wie die Geburt war?" Ich wollte sehr gern. Sie hörte mir zu, gab mir Tipps und Ratschläge. Was mir vor allem zu schaffen machte, waren meine wunden Brustwarzen. Ich hatte viel Milch, und mein Spatz trank fleißig und gern. Aber meine Brustwarzen waren blutig und schmerzten so sehr, dass ich beim Stillen immer angespannter wurde. Meine Hebamme empfahl mir Stillkompressen, zwei Proben gab sie mir gleich mit. Sie werden auf die wunden Brustwarzen gelegt, kühlen und helfen bei der Heilung. Nach ein paar Tagen war das Stillen schmerzfrei und ich überglücklich. Warum hatte mir im Krankenhaus niemand davon erzählt? Während ich redete und redete massierte sie meinen Bauch. Das tat sie bei jedem ihrer Besuche. Sie hatte ein lecker duftendes Öl dabei und ich entspannte mich sofort. 

So viele Fragen … 

Ich löcherte meine Hebamme mit Fragen: Was muss ich meinem Baby anziehen, wenn wir rausgehen? Wie oft soll ich ihn anlegen? Können wir nachts das Fenster auflassen im Schlafzimmer oder wird es ihm dann zu kalt? Darf er schon in die Trage? Ab wann können wir mit ihm in die Stadt fahren? Ab wann dürfen wir wieder Sex haben? Wann hört der Wochenfluss auf? Keine Frage war zu doof. Sie war immer geduldig, voller Verständnis und nahm mir schnell jede Angst oder Unsicherheit. Sie bestätigte mich im Umgang mit meinem kleinen Jungen. Sie wog ihn und half mir bei der Nabelpflege. Sie kontrollierte seinen Stuhlgang, und ob er genug pieselte. Dank ihrer Hilfe wuchsen mein Mann und ich schnell in die Elternrolle hinein. Sie gab uns das Gefühl, alles richtig zu machen. Aber auch, dass es normal ist, anfangs unsicher zu sein.

Auch beim zweiten Baby war sie da

Nach fünf Monaten war ich wieder schwanger. Wir hatten es so geplant, und es klappte auf Anhieb. Nach der Geburt unseres zweiten Kindes kam meine Hebamme wieder zu uns.  Diesmal war ich nicht mehr ängstlich. Trotzdem beruhigte es mich zu wissen, dass sie nach uns sah und die erste Entwicklung unseres Spätzchens im Auge behielt. Sie massierte wieder meinen Bauch und wir redeten viel. Vor allem darüber, was sich jetzt mit zwei Kindern änderte. Und darüber, wie es mir ging. Ich hatte ihre Tipps alle noch im Kopf, die erste Entbindung war ja gerade mal 15 Monate her. So hatte ich die Stillkompressen schon im Krankenhaus dabei und siehe da – meine Brustwarzen waren von Anfang an weich und heil. Nach zwei Tagen empfahl mir meine Hebamme, mit dem Kleinen ins Krankenhaus zu gehen. Sie fand, er war eindeutig zu gelb. Sie hatte Recht, sein Bilirubinwert war stark erhöht. Wir ließen den Wert zwei Wochen lang täglich kontrollieren, dann hatte er sich von allein eingependelt. Ich machte mir während dieser Zeit natürlich Sorgen, aber meine Hebamme konnte sie mir nehmen. Wieder einmal beruhigte sie mich sehr. Sie war mir nach meinen Entbindungen eine große Stütze, die ich nicht missen möchte. Auch nicht bei einem dritten Kind ...

Wir brauchen Hebammen!

Doch leider gibt es immer weniger von ihnen. Kreißsäle schließen, Hebammen, die Hausgeburten durchführen wollen, müssen Unsummen an Haftpflichtversicherung zahlen. Sie müssen Überstunden machen und werden schlecht bezahlt. Kein Wunder, dass der Job nicht gerade attraktiv erscheint, und sich immer weniger junge Frauen dafür entscheiden. Die Folge: Frauen werden im Kreißsaal immer öfter alleine gelassen. Nach der Geburt stehen sie mit ihren Ängsten und Sorgen alleine da. Das kann nicht sein. Jede Frau muss das Recht auf eine Hebamme haben. Denn sie helfen uns dann, wenn wir es am nötigsten brauchen.

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MeinSpatz Gezwitscher

Hebamme Lina Pauling hat 2017 die Petition "#aufdenTischhauenfürHebammen" gestartet. Sie fordert faire Bezahlung, faire Versicherungsbeiträge und eine flächendeckende Aufklärung der Gesellschaft über den Aufgabenbereich der Hebammen. Wenn du ihre Petition unterstützen willst, kannst du das hier tun.