Vater werden: wie sich mein Leben als Papa veränderte

DIENSTAG, 31.12.2019 Lotte L.

Vater werden: wie ist das eigentlich? Was macht das mit mir? Das fragen sich viele werdende Papas. Hier schildert ein Vater, wie seine Kinder ihn zu einem anderen Menschen gemacht haben.

Ich bin Florian, heute Vater von zwei kleinen Töchtern. Oft wurde ich schon gefragt: Wie war es eigentlich für dich, Vater zu werden? Was hat sich in deinem Leben verändert? Ich dachte, dass ich euch am besten einfach mal meinen Traum von gestern Nacht erzähle, damit ihr besser versteht, wie anders mein Leben geworden ist, seit meine Töchter ein Teil von ihm geworden sind. Und wie ich mich heute von meinem damaligen Selbst unterscheide, d.h. von dem Mann, der ich war, bevor meine Kinder das Licht der Welt erblickten.

"In meinem Traum kam mich plötzlich mein altes Selbst besuchen. Es war eigentlich ein ganz normaler Sonntag, ich wurde bei den ersten Sonnenstrahlen von meiner jüngeren Tochter geweckt, die auf meinem Rücken turnte. Ich kuschelte ein bisschen mit ihr, stand dann schlaftrunken auf und machte mir in der Küche einen Kaffee, während meine größere Tochter um mich herumtanzte und mich mit Fragen zu Insekten und ihren Essgewohnheiten bombardierte. Ich versuchte, von meinem Kaffee zu trinken, aber meine beiden Mädchen sprangen so wild um mich herum und zerrten so lange an mir, bis ich ihn schließlich abstellen musste. Trotz aller Müdigkeit und Erschöpfung musste ich über sie und ihre Späße lachen. Beim Frühstück gab es erst jede Menge Gelächter, dann jede Menge Geschrei, weil wir unserer kleineren Tochter eine Tasse mit der falschen Farbe gegeben hatten. Ein ganz normaler Sonntagmorgen eben.

Doch dann, gerade als ich es schaffte, endlich ein paar Schlücke von meinem kalten Kaffee zu nehmen, fiel mein Blick plötzlich auf mein altes Selbst, das tief und friedlich in meinem Bett schlief. Ich wunderte mich sehr, hatte aber keine große Zeit zum Nachdenken, denn meine Mädchen drängten mich ins Wohnzimmer und wenig später lagen wir alle zusammen auf dem Boden und malten Bilder. Zwischendurch stand ich hin und wieder auf, lud Wäsche in die Waschmaschine, räumte ein bisschen auf, wässerte die Pflanzen, kehrte Krümel vom Boden auf, immer mit meinen zwei munteren und wissensdurstigen Kleinen im Schlepptau. Plötzlich, gegen 10 Uhr, ging die Schlafzimmertür auf und in aller Seelenruhe schlurfte mein altes Selbst aus dem Zimmer. Wir hielten alle in unserer Bewegung inne und sahen ihm gespannt zu. Es legte sich erst einmal aufs Sofa, trank in aller Ruhe einen Kaffee, rauchte eine Zigarette und aß dazu ein Croissant. Schließlich griff es nach einem Roman und begann zu lesen. Wie schlank und jung es aussah, dachte ich, so ganz ohne Falten, sportlich, gepflegt und gut gekleidet. Ich sah an mir herunter und registrierte meinen runden, vorgewölbten Bauch. Mein T-Shirt war abgetragen und um meine Beine schlabberte eine zerbeulte Jogginghose mit Haferflockenspuren und einem Zahnpastafleck. Ich strich durch mein dünn gewordenes Haar und sah in meinem Spiegelbild in der Fensterscheibe einen mittelalten, unrasierten Mann mit Ringen unter den Augen.

Mein altes Selbst sah auf und fragte verwundert: 'Was schaust du mich denn so komisch an? Willst du vielleicht etwas unternehmen? Es ist doch Sonntag, wie wär’s mit einer Fahrradtour oder Fußball, jetzt gleich im Park?' Ich schluckte. Fußball hatte ich schon seit Monaten nicht mehr gespielt. Oder besser gesagt: seit Jahren. Auch kein Volleyball und kein Tennis. Mein altes Selbst staunte: 'Was, du trainierst  gar nicht mehr? Ich mache fast jeden Tag Sport und ich liebe es!' Ich nuschelte etwas von Arbeit, den Mädchen und von schlaflosen Nächten. Sport wollte ich jetzt wirklich keinen machen. Allerhöchstens würde ich meine Töchter und meine Frau zum Spielplatz begleiten, um dann gegen Mittag wieder zuhause zu sein, damit die Kleinere schlafen konnte, weil sonst der Tag für alle Beteiligten in einem Drama enden würde. Ich setzte mich neben mein altes Selbst und fing an zu erklären, wie das Leben mit meinen Töchtern so ist, und dass ihr Wohlergehen jetzt oft Priorität vor meinen Interessen hat. Aber mein früheres Selbst schien das nicht recht zu verstehen. Es fing einfach an zu reden, über Politik, neue Kinofilme und aktuelle Bücher. Es war wirklich nicht uninteressant. Aber ich konnte mit diesen Themen in meiner momentanen Verfassung einfach nicht so viel anfangen, sie schienen so weit weg. Auch die Mädchen wendeten sich ab und zogen sich gelangweilt in ihr Zimmer zurück. Mein altes Selbst sprach vom Feiern und von Reiseplänen nach Thailand, von Frauen, seiner Beziehung und vom Verliebt sein, von spannenden Unterhaltungen und tollen Unternehmungen. Das versetzte mir einen gewissen Stich, denn ich dachte daran, wie lange ich und meine Frau nicht mehr ausgegangen waren, und wie lange wir uns nicht mehr über etwas anderes intensiv unterhalten hatten als über die Kinder. Wie wenig Zeit wir überhaupt miteinander nun hatten.

Ich wollte erzählen, was mich und meine zur Zeit Familie bewegt, dass die Geburtstagsfeier meiner Älteren vor der Tür steht und dass sie schon die Zahlen bis 20 schreiben konnte, obwohl wir ihr es gar nicht beigebracht hatten. Aber mein altes Selbst hörte nicht richtig zu und blickte ungeduldig umher. Es schien sich gar nicht für Kinder zu interessieren. Irgendwie fanden wir kein gemeinsames Thema. Also sprachen wir von unserer Arbeit. Mein früheres Selbst machte sich Sorgen um bevorstehenden Meetings, Gespräche mit dem Chef, Arbeitspläne und die Deadline für einen Report. Natürlich konnte ich ihn sehr gut verstehen. Vor allem aber fühlte ich, dass diese Themen für mich an Bedeutung und Wichtigkeit verloren hatten, seit ich Papa geworden bin. Ich weiß heute, dass es Wichtigeres als Karriere gibt. Ja, auch ich liege heute manchmal nachts wach und mache mir Sorgen, wie auch schon in der Vergangenheit. Aber nicht mehr über irgendwelche Aufgaben bei der Arbeit, sondern weil ich darüber nachgrübele, wie ich das Beste für meine Kinder tun kann.

Mein altes Selbst hatte dann genug vom Reden, schaltete den Fernseher an und machte es sich mit Wein und Schokolade im Bett gemütlich. Währenddessen spielte und stritt ich mit meinen Töchtern und mit meiner Frau, tobte mit ihnen herum, legte die Kleine schlafen und las der Großen eine Geschichte vor.

Mein früheres Selbst lachte gerade über eine deutsche Komödie, als ich mich gegen späten Nachmittag  wieder zu ihm setzte. Es sah mich fragend an. Ich erklärte ihm, wie lange ich das nicht mehr gemacht hatte, einen ganzen Tag nur Fernsehen und Entspannen, genaugenommen über 5 Jahre. Ich erzählte meinem alten Selbst, dass meine Frau sogar immer möchte, dass ich noch mit den Kindern spiele, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme. Sie kann nicht so recht verstehen, wie müde ich dann bin. Ich sagte zu meinem alten Selbst: 'Du und ich, wir arbeiten zwar etwa gleich viel, aber ich habe jetzt zusätzlich noch die Kinder und Aufgaben zuhause, auch wenn meine Frau den größten Anteil im Haus übernimmt.' Mein altes Selbst konnte sich das nicht vorstellen und schüttelte lachend den Kopf.

Nach einer Weile sagte mein altes Selbst, dass es jetzt mit Freunden ausgehen will, Bier trinken in unserer Lieblingskneipe. Ich hatte sofort die Musik im Ohr, die dort immer spielte und etwas in mir zog sich in meiner Brust zusammen. Aber zugleich war ich viel zu erschöpft zum Ausgehen, es war schon beinahe 21 Uhr, also fast schon meine Zubettgehzeit. Außerdem wollte ich noch eben meine kleinen Töchter ins Bett bringen. Die freie Zeit, die ich am Wochenende habe, möchte ich am liebsten mit meinen Prinzessinnen verbringen. Mein altes Selbst ging zur Tür und wir verabschiedeten uns voneinander. Ich sagte: 'Nicht böse gemeint, aber ich glaube, es ist wirklich besser, wenn du jetzt gehst. Du passt hier irgendwie nicht mehr rein'. Mein früheres Selbst sagte: 'Oh Mann, du hast dich vielleicht verändert! Du bist so vernünftig geworden. So ernsthaft. Nicht einfach, mit dir ein intelligentes oder tiefgreifendes Gespräch zu führen, das sich nicht um Kinder dreht, ehrlich. Aber zugegeben, irgendwie wirkst du auch zufrieden!' Wir umarmten uns. Ich sagte: 'Um ehrlich zu sein: ich vermisse dich. Wirklich sehr. Und ich beneide dich. Um deine Freiheit, deine Unabhängigkeit, deine Energie. Und darum, wie offen dir die Welt steht. Aber selbst wenn ich könnte, würde ich nicht mit dir tauschen wollen. Denn mein Leben ist jetzt trotz allem Geschrei das Beste, was mir je passiert ist."  

Mit diesen Worten wachte ich davon auf, dass meine jüngere Tochter mir einen Wachsmalstift ins Ohr steckte. Die Sonne ging gerade auf. Ich schloss sie in meine Arme und drückte sie an mich und roch ihren ganz eigenen warmen Kindergeruch. Und ich fühlte stärker denn je, dass Vatersein für mich die größte Herausforderung, das allergrößte Abenteuer und vollkommene Glück in meinem Leben ist.

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Lotte L.

Lebt mit ihrem einheimischen Mann und zwei kleinen Moglis im Norden Thailands. Die berufstätige Mama fühlt sich in ihrer Wahlheimat meistens rundum wohl. Ihre beiden Jungs sind für Lotte zwar auch Ursache chronischen Durcheinanders, von Dauererschöpfung, Schmierfingern am Kostüm und gelegentlichen Identitätskrisen, vor allem aber sind sie Sinn allen Daseins, Quelle unendlichen Glücks und bedingungsloser Liebe.