Warum ich das Nabelschnurblut unseres Babys nicht spendete

DIENSTAG, 24.07.2018

Die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut helfen, Krankheiten zu heilen. Aber können sie auch meinem Baby helfen?

Während der Schwangerschaft bekam ich hunderte Flyer in die Hände: Über Medikamente, Stillen, Einlagen, Rückbildung, Babys Erstausstattung, erste Hilfe, Schwangerschaftsdiabetes und auch über die Spende von Nabelschnurblut und Plazenta. Wow. Worüber ich mir als werdende Mutter alles Gedanken machen soll … verrückt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nur wenige Flyer wirklich gelesen.

Acht Wochen vor dem Entbindungstermin meldete ich mich im Krankenhaus an. Und auch hier versorgte mich die Hebamme mit Broschüren, unter anderem der zur Nabelschnurblutspende. Zugegeben, ich überflog das Papier nur, weil ich zu lange auf den Bus warten musste. Trotzdem hatte es mein Interesse geweckt. Aus dem Nabelschnurblut werden Stammzellen gewonnen, mit deren Hilfe wiederum über 80 verschiedene Krankheiten geheilt werden können. Wenn etwa Chemo- oder Strahlentherapie nicht mehr helfen, kann die Übertragung gesunder Stammzellen eines Fremdspenders helfen. Die Zellen aus dem Nabelschnurblut sind noch sehr jung, Schäden am Erbgut bleiben auf ein Minimum reduziert – so stand es in dem Flyer. Und auch, dass ich damit Menschenleben retten könne. Klang für mich nach einer guten Sache.

Keine Gefahr für Mutter und Kind

Ich nahm mir vor, das Thema mit meinem Frauenarzt zu besprechen. Denn immerhin hatte ich Schwangerschaftsdiabetes. Konnte ich dann überhaupt spenden? Ja. Er erklärte mir, dass der Diabetes keine Rolle spiele, und die Entnahme des Nabelschnurbluts für mein Baby und mich völlig ungefährlich sei. Das Nabelschnurblut wird nämlich erst nach der Entbindung und Abnabelung gewonnen: Zunächst wird die Nabelschnur abgeklemmt, dann die Nabelschnurvene punktiert, das Blut in einem speziellen Beutel "gesammelt" und sofort an eine Nabelschnurblutbank geschickt

Nabelschnurblut spenden oder einlagern?

Was mich noch interessierte: Worin der Unterschied zwischen einer Spende und einer Einlagerung liege? Ganz einfach: Die Spende ist für mich kostenlos, und das Nabelschnurblut darf für jeden bedürftigen Menschen verwendet werden. Die Einlagerung in privaten Blutbanken ist kostenpflichtig, je nach Anbieter sind das zwischen 1.500 und 3.000 Euro. Dafür wird das Blut rund 20 Jahre eingefroren und steht meinem Kind bei Bedarf zur Verfügung. Als ich das hörte, war erstmal klar: Natürlich zahle ich das Geld, um meinem Kind im Falle einer späteren Erkrankung seine Stammzellen zur Heilung geben zu können.

Bislang ist allerdings überhaupt nicht klar, ob diese eingefrorenen Stammzellen jemals den eigenen Kindern helfen können. Wissenschaftler, Mediziner und Juristen streiten sich über Sinn und Nutzen. Die einen befürworten die kostenintensive Einlagerung, da die Entwicklung auf diesem Gebiet schnell voranschreite und möglicherweise in 10 bis 20 Jahren die eingelagerten Stammzellen sehr wohl helfen könnten. Die anderen lehnen sie ab, da es bislang eben noch keine ausreichenden Belege aus der Medizin gäbe. Zudem heißt es, dass eine frühe Krebserkrankung bei einem Kind, bereits in den Stammzellen angelegt sei und diese somit nicht zur Heilung des Kindes nutzbar wären. Das alles betrifft allerdings nur die Einlagerung des Nabelschnurblutes zur Verwendung beim eigenen Kind. Für die generelle Verwendung in der Medizin gilt: "Zurzeit gibt es mehr als 80 Indikationen für eine Transplantation mit Stammzellen aus Nabelschnurblut. Patienten, die an malignen (bösartigen) oder anderen Erkrankungen des blutbildenden Systems leiden – dazu werden insbesondere verschiedene Leukämien und Stoffwechselerkrankungen gezählt – kann mit den Stammzellen aus der Nabelschnur geholfen werden, denn diese sind in der Lage, die Blutbildung und das Immunsystem eines Patienten zu erneuern." Das schreibt die DKMS Nabelschnurblutbank auf ihrer Webseite und genau das bewog mich auch dazu, unser Nabelschnurblut zu spenden. Für mich waren medizinscher Sinn und Nutzen bei einer Spende eindeutiger. Ich war mit meiner Entscheidung zufrieden.

Zu wenig Information – hatte ich einen Fehler gemacht?

Die Spende an sich bekam ich gar nicht mit. Ich hielt meinen Sohn in den Armen, war überglücklich, alles andere um mich herum verschwamm. Später erklärte mir die Beleghebamme, dass das Nabelschnurblut schon auf dem Weg in die Spenderbank wäre. Direkt nach der Geburt wurde mein Kind abgenabelt und das Blut entnommen. Ich fühlte mich gut. Mein Baby war geboren und ich hatte möglicherweise auch noch jemandem damit geholfen. Während der Nachsorge kam ich mit meiner Hebamme auch auf das Thema Nabelschnurblutspende zu sprechen. Ich war begeistert von der Möglichkeit der Nabelschnurspende, erzählte ihr auch, dass ich es nicht so einfach gefunden hatte, mich für eine Spende oder Einlagerung zu entscheiden. Sie wollte wissen, ob mich jemand über die dritte Möglichkeit aufgeklärt hätte. Eine dritte Möglichkeit? Ja. Das Blut gleich meinem eigenen Kind zukommen zu lassen. Direkt nach der Geburt. Dabei wird das Baby erst abgenabelt, wenn das gesamte Blut aus Plazenta und Nabelschnur in den Organismus des Kindes übergegangen ist. Diesen Vorgang nennt man "auspulsieren". Bei einer Spende oder einer Einlagerung gelangt das Blut aus der Nabelschnur eben nicht mehr zum Kind.

Habe ich meinem Kind geschadet?

Ich begann zu googlen: "Das bedeutet einen Blutvolumenmangel und eine Stammzellenreduzierung für das neugeborene Baby! Durch das frühe Abnabeln wird deinem Baby ein signifikanter Anteil seines Blutvolumens fehlen. Es werden für die Abnahme zwischen 60 ml und 200 ml Blut entnommen. Ein Neugeborenes mit 3 kg Körpergewicht hat ein Blutvolumen von ca. 260 ml. Das bedeutet, dass deinem Baby ca. ein Drittel seines Blutvolumens abgenommen wird." Das schreibt Hebamme Olivia Heiss auf ihren Blog Hebammenwissen. Oh nein. Hatte ich meinen Kind geschadet? Hätte ich das Blut auspulsieren lassen sollen? Auch Hebamme Jana Friedrich erklärt auf Hebammenblog.de: "Durch dieses herausgezögerte Abnabeln profitieren Säuglinge von einem entsprechend erhöhten Eigenblutvolumen von bis zu 30 %, sowie von einem besseren Eisenwert. Und selbst sechs Monate später ist dieser Unterschied in den Blutwerten noch deutlich erkennbar." Diese Info hörte ich zum ersten Mal. Ich fand sie in keiner Broschüre und auch kein Arzt hatte mich darüber aufgeklärt. Für mich war klar: Hätte ich diese Info gehabt, hätte ich mich anders entschieden. Ich war aber vor allem wütend auf mich. Schließlich hätte ich mich besser informieren müssen. Bei meinem zweiten Sohn ließ die Hebamme das Blut auspulsieren. Das gab mir ein gutes Gefühl. Er war dadurch nicht weniger krank oder stärker als sein großer Bruder, im Gegenteil. Der Kleine ist generell anfälliger für Infekte, hatte Gelbsucht und in den Wintermonaten Neurodermitis. Mein erster Sohn war von Tag eins an fit wie ein Turnschuh.

Ich bin weder für noch gegen eine Einlagerung, Spende oder das Auspulsieren lassen. Ich möchte nur, dass andere Schwangere ALLE Möglichkeiten und ihre Vor- und Nachteile kennen. Und dann eine selbstbestimmte Entscheidung treffen. Ich ließ mich freiwillig danach bei der DKMS als Knochenmarkspender registrieren. So kann ich immer noch helfen, falls ein kranker Mensch irgendwo irgendwann meine Stammzellen braucht.

Nabelschnurblut spenden pin

Die Informationslage rund um die Spende des Nabelschnurblutes ist schlecht. Unsere Autorin wurde weder vom Arzt noch vom Krankenhaus darüber aufgeklärt, dass man neben der Spende und der Einlagerung auch noch eine dritte Möglichkeit hat.

MeinSpatz Gezwitscher

Nicht jedes Krankenhaus hat die Möglichkeit, eine Nabelschnurblutspende oder -einlagerung durchzuführen. Wenn du daran interessiert bist, musst du dich vorher im Krankenhaus deiner Wahl erkundigen. Beim Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) findest du eine Liste der öffentlichen Nabelschnurblutbanken.