Wochenbettdepression: Mutterseelenallein nach der Geburt

DIENSTAG, 30.07.2019 Lotte L.

Die Wochenbettdepression ist eine Form der Depression, die bei Müttern im ersten Jahr nach der Geburt vorkommt. Hier erfährst du alles über die Symptome und die Dauer einer postpartale Depression, welche Tests es gibt und wie man die Erkrankung behandeln kann.

Was versteht man unter einer Wochenbettdepression?

Die Wochenbettdepression (auch als postpartale oder postnatale Depression bezeichnet) ist eine spezielle Form der Depression, unter der etwa 10 bis 15 Prozent aller Mütter in Zeit nach der Geburt ihres Kindes leiden. Es ist wichtig, zwei Arten der psychischen Krisen nach einer Entbindung zu unterscheiden:

  1. In den ersten Tagen nach der Entbindung erlebt etwa die Hälfte aller Mütter ein vorübergehendes Stimmungstief, auch „Baby Blues“ oder „Heultage“ genannt. Mit dem Baby Blues gehen Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit, Schlafstörungen, beeinträchtigte Konzentrationsfähigkeit und Weinattacken einher. Die Symptome werden mit hormonellen Veränderungen in Zusammenhang gebracht und haben keinen Krankheitswert. Sie verschwinden in der Regel spontan innerhalb kurzer Zeit (bis zu zwei Wochen) wieder.
  2. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einer postpartale Depression (Wochenbettdepression) um alle schweren, anhaltenden und behandlungsbedürftigen depressiven Erkrankungen, die im ersten Jahr nach der Geburt auftreten. Bei den meisten Frauen beginnt die Depression in den ersten drei Monaten nach der Entbindung, in einigen Fällen aber auch bereits während der Schwangerschaft und bis zu einem Jahr nach der Geburt.

Was sind die Symptome einer Wochenbettdepression?

Eine Wochenbettdepression kann mit vielen verschiedenen Symptomen einhergehen, aber Betroffene müssen nicht alle Anzeichen zeigen:

  • Häufiges Weinen, extreme Traurigkeit, Freudlosigkeit, Hoffnungslosigkeit
  • Gefühl der inneren Leere
  • Energielosigkeit, Antriebslosigkeit, Müdigkeit
  • Gefühl der Wertlosigkeit
  • Ambivalente Gefühl gegenüber dem Kind
  • Desinteresse am Säugling, übermäßige Sorgen um das Baby oder Angst, dem Baby zu schaden
  • Schuldgefühle; Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein oder nicht angemessen für das Baby sorgen zu können
  • Körperliche Beschwerden: Kopf- und Gliederschmerzen, Schlafstörungen (Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf), Herzbeschwerden, Kopfschmerzen
  • Konzentrationsschwäche, Schwindelgefühle
  • Appetitlosigkeit oder übermäßiges Essen
  • Reizbarkeit und Wut
  • sexuelle Unlust
  • Taubheitsgefühle
  • Zittern
  • Ängste und Panikattacken
  • Suizidgedanken

Betroffene empfinden oft wenig Freude über ihr Baby, auch wenn sie sich das Kind sehr gewünscht haben. Viele haben Schwierigkeit, Liebe zu spüren und erleben das Verantwortungsgefühl als erdrückend. Die postnatale Depression beeinträchtigt ihre täglichen Aktivitäten und ihre Fähigkeit, sich um sich selbst und das Baby zu kümmern. Frauen mit einer Depression im Wochenbett denken häufig, dass sie schlechte Mütter sind und tun sich schwer damit, ihre Gefühle ambivalenten Gefühle zuzugeben.

Was sind die Ursachen und Risikofaktoren für eine postnatale Depression?

Die Ursachen der Wochenbettdepression sind noch nicht völlig aufgeklärt. Zur Entstehung kommt es in der Regel durch das Zusammenspiel verschiedener (z.B. biologischer und psychosoziale) Faktoren, nicht aufgrund einer einzelnen Ursache.

Hormonale Risikofaktoren: Immer wieder wird die hormonelle Umstellung, v.a. der postpartale Hormon (Östrogen- und Progesteron-) abfall nach der Geburt als zentrale Ursache für die Wochenbettdepression angeführt. Diese beiden Hormone wirken üblicherweise stabilisierend auf die Stimmung, so dass ihr Rückgang als Auslöser für Stimmungstiefs und Traurigkeit wirken kann. Offenbar betrifft dies vor allem Frauen, die sensibel auf Veränderungen des Hormonhaushalts reagieren.

Als weitere biologische Ursachen/Entstehungsfaktoren werden die Umstellungen des gesamten Stoffwechsels nach der Geburt, Eisenmangel, eine Schilddrüsenstörung oder Autoimmunerkrankungen in Betracht gezogen.

Psychische Risikofaktoren: Das Risiko an einer Wochenbettdepression zu erkranken ist am größten, wenn die Frau selber oder einer ihrer Angehörigen schon einmal psychisch erkrankt waren (z.B. an einer Depression oder Angststörung). Auch bestimmte mütterliche Persönlichkeitszüge erweisen sich als Risikofaktoren für eine Wochenbettdepression, so z.B. große Ängstlichkeit und übersteigerter Perfektionismus. Traumatische Erfahrungen der Mutter in der Partnerschaft (z.B. häusliche Gewalt), in der eigenen Kindheit (z.B. körperlicher oder seelischer Missbrauch) oder bei der Geburt des Kindes (z.B. Fehlgeburt, Kind mit Fehlentwicklungen) werden ebenso mit der Entstehung einer Depression in Zusammenhang gebracht. Alkohol- und Drogenmissbrauch gelten als weitere Risikofaktoren. Nicht zuletzt werden auch Ambivalenzen hinsichtlich der eigenen Schwangerschaft (z. B. ungeplant/ungewollt) und die körperliche und seelische Erschöpfung nach der Geburt (z.B. durch Schlafmangel), als Entstehungsfaktoren für eine postpartale Depression diskutiert.

Psychosoziale Risikofaktoren: Auch psychosoziale Belastungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine postnatale Depression, so z.B. soziale Isolation und das Gefühl fehlender Unterstützung, Zukunftssorgen, Unzufriedenheit mit der Lebenssituation oder der Partnerschaft und belastende familiäre Ereignisse. Auch Schreikinder können die Entstehung der Wochenbettdepression begünstigen.

Wie lange dauert eine Wochenbettdepression?

Bei einer Wochenbettdepression entwickeln sich die Symptome typischerweise schleichend, in selteneren Fällen kann der Beginn auch abrupt eintreten. Die Dauer einer postnatalen Depression ist individuell sehr verschieden. Bei der Hälfte aller Betroffenen dauert sie weniger als 3 Monate, im Durchschnitt etwa sieben Monate an. Die Prognose der Wochenbettdepression ist günstig und in der Regel erholen sich betroffene Frauen vollständig. Je schneller die Betroffene professionelle Hilfe und Unterstützung bekommt, desto schneller kann die Krise überwunden werden.

Kann ich mich auf Wochenbettdepression testen lassen?

Wenn du oder deine Angehörigen vermuten, dass eine Wochenbettdepression vorliegt, sollte so schnell wie möglich fachlicher Rat gesucht werden. Dein Frauenarzt, Hausarzt oder ein Psychotherapeut können in einem ausführlichen Gespräch oder mit Hilfe verschiedener Test feststellen, ob bei dir eine Wochenbettdepression vorliegt oder nicht. Ein hilfreiches Diagnoseinstrument ist die sogenannte Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale (EPDS). Bei der Verdacht auf eine Wochenbettdepression wird dein Arzt vermutlich mit dir zusammen die Fragen dieser Skala durchgehen.

Auch eine umfassende körperliche Untersuchung sollte vorgenommen werden, um andere Erkrankungen (z.B. eine Autoimmunerkrankung) auszuschließen.

Du kannst auch einen Selbsttest auf Wochenbettdepression durchführen. Wenn er ergibt, dass du wahrscheinlich unter einer postnatalen Depression leidest, solltest du so schnell wie möglich einen Fachmann bzw. eine Fachfrau aufsuchen.

Wie kann man Wochenbettdepressionen behandeln?

Welche Form der Behandlung bei einer Wochenbettdepression in Frage kommt und wie lange sie dauert, hängt immer von der Entscheidung der betroffenen Mutter und ihrer behandelnden Ärzten und Therapeuten ab.

In der Regel wird die Erkrankung mit Psychotherapie (z.B. kognitiver Verhaltenstherapie, interpersoneller oder tiefenpsychologischer Psychotherapie) und medikamentös (mit Antidepressiva) behandelt. Antidepressiva können sinnvoll sein, damit Betroffene schneller aus einer Depression herausfinden. Manche Psychopharmaka sind auch mit dem Stillen vereinbar. In besonders schweren Fällen von Wochenbettdepression (z.B. bei Suizidgedanken oder extremer Funktionsbeeinträchtigung) wird eine stationäre Behandlung erforderlich, z.B. in einer Mutter-Kind-Klinik.

Für viele Mütter ist der Austausch mit anderen Betroffenen sehr hilfreich. Zu erkennen, dass andere Frauen unter ähnlichen Symptomen leiden, kann Schuldgefühle vermindern. Partner können helfen, indem sie die Betroffene unterstützen und sie darin bestärken, dass sie keine schlechte Mutter ist.

Postnatale Stimmungstiefs und depressive Erkrankungen sind immer noch sehr schambesetzt, denn Schwangerschaft und Muttersein werden in der Öffentlichkeit als äußerst positiv dargestellt. Dabei handelt es sich bei der Wochenbettdepression um eine Krankheit, die jeden treffen kann. Sie ist gut behandelbar, besonders wenn sich Betroffene schnell Hilfe holen. Und besonders wichtig: an einer Depression zu erkranken bedeutet keinesfalls, eine schlechte Mutter zu sein!

Wochenbettdepression: Das solltest du wissen pin

Viele Mütter mit einer Wochenbettdepression schämen sich für ihre Gefühle, weil vom sozialen Umfeld erwartet wird, Freude und Glück über die Geburt zu empfinden.

MeinSpatz Gezwitscher

Wenn du nach der Geburt deines Babys unter Symptomen leidest, die denen einer Wochenbettdepression ähneln, findet du Hilfe bei dieser Hotline (übrigens auch für betroffene Väter!) Auch der Verein „Schatten und Licht“ bietet auf seiner Homepage eine Reihe von Unterstützungsmaßnahmen für alle Mütter an, die nach der Geburt ihres Kindes eine Krise erleben.

Lotte L.

Lebt mit ihrem einheimischen Mann und zwei kleinen Moglis im Norden Thailands. Die berufstätige Mama fühlt sich in ihrer Wahlheimat meistens rundum wohl. Ihre beiden Jungs sind für Lotte zwar auch Ursache chronischen Durcheinanders, von Dauererschöpfung, Schmierfingern am Kostüm und gelegentlichen Identitätskrisen, vor allem aber sind sie Sinn allen Daseins, Quelle unendlichen Glücks und bedingungsloser Liebe.