Künstliche Befruchtung – ist das moralisch okay?

MITTWOCH, 30.01.2019 Julia M.

Der einzige Weg, ein Kind zu bekommen, führt für mich über eine Kinderwunsch-Klinik und eine In-vitro-Fertilisation. Aber ist es wirklich okay, auf diesem Weg schwanger zu werden?

Ich glaube ich werde langsam verrückt. Vor drei Monaten erfuhr ich von meinem Arzt, dass ich auf natürlichem Wege nicht schwanger werden könnte. Die Spermien meines Freundes sind wohl zu langsam und noch dazu schlechte Schwimmer. Mein linker Eierstock fällt komplett aus und der rechte mag auch nicht so richtig. 13 Monate Sex nach Kalender und dann die Erkenntnis: Es hätte sowieso nicht geklappt. Ja natürlich, da ist diese One-in-a-million-Chance, dass es doch irgendwie funktioniert. Aber daran glaube ich nicht. Jetzt stelle ich mir seit drei Monaten die Frage: Was sollen wir jetzt tun? Mein typischer Tag sieht also folgendermaßen aus:
8:00 Uhr: "Okay, wir versuchen es mit künstlicher Befruchtung." 
12:00 Uhr: "Auf gar keinen Fall, wenn das Universum gewollt hätte, dass ich Kinder kriege, hätte es auch geklappt."
13:00 Uhr: "Scheiß aufs Universum, was weiß das schon?"
17:00 Uhr: "Ich kann das nicht. Was das kostet! Und was, wenn es nicht klappt?"
17:15 Uhr: "Ohne Kinder ist auch super. Brauch ich nicht. Ich kann reisen, trinken, feiern. Ist doch super."
17:30 Uhr: "ICH WILL EIN KIND!"

Unfruchtbar? Ich bin doch gesund und stark!

Seit ich 20 bin, meditiere ich. Ich bin keine Esoterikerin und finde auch Menstruationstassen eklig – aber ich praktiziere viermal in der Woche Yoga. Mit 23 habe ich meine letzte Zigarette geraucht, ganz einfach, weil ich meinen Körper liebe und ihn ehren will. Ich fühle mich mit mir im Reinen, kann die ersten Fältchen genauso gut annehmen wie meine Dehnungsstreifen an Po und Oberschenkeln. Ich spüre mich gut, ernähre mich gesund und schlage nur ab und zu über die Stränge – egal ob Alkohol oder Junkfood. Ich fühle mich stark und gesund und voller Power, und ich hatte trotzdem nicht den blassesten Schimmer, dass ich keine Kinder bekommen kann. Zumindest nicht so, wie die Natur es vorgesehen hat. Und genau da liegt mein Problem …

Handle ich nicht gegen die Natur?

Alles hat doch einen Sinn im Leben. Alles, was ich erlebt habe, hat mich auf ziemlich verrückten Wegen zu meinem Mann, meiner großen Liebe und meinem besten Freund, geführt. Wir passen in allem so perfekt zueinander. Nur was das Kinderkriegen angeht, sind wir scheinbar kein optimales Match. Aber da ich fest an das Schicksalhafte unserer Beziehung glaube, kann ich mir nicht vorstellen, dass es Zufall ist. Vielleicht sollen wir einfach keine Kinder bekommen? Vielleicht ist mein Körper einfach nicht dafür gemacht? Vielleicht wären wir keine guten Eltern oder unsere Ehe würde daran zerbrechen? Vielleicht ist das alles aber auch einfach nur dämlich, ein dummer Zufall und es wäre einfach perfekt. Aber wenn mein Körper, auf den ich so achte und dem ich so verbunden bin, keine Schwangerschaft zulässt – sollte ich dann nicht auf ihn hören?

In-vitro-Fertilisation – wie das schon klingt …

Zwei Menschen lieben sich, haben Sex und dann bekommen sie ein Kind. Okay, das ist der Idealfall, und sicher ist es nicht immer ganz so einfach. Aber für mich klingt es nun mal so. Letztens habe ich mich dabei ertappt, wie ich wütend auf eine Frau im Drogeriemarkt starrte, die gerade eine Packung Kondome zahlen wollte. Toll, du kannst wenigstens verhüten. Ich bin abwechselnd wütend: auf mich, auf meinen Mann, auf den Arzt, auf Schwangere mit runden Kugelbäuchen, auf alle, die Kinder haben und meistens auf das Leben allgemein. So eine Ungerechtigkeit. Ja, wir haben die Möglichkeit, eine meiner Eizellen in einem Reagenzglas mit den Samen meines Mannes zu befruchten. Davor muss ich monatelang Hormone spritzen. Der Akt der Zeugung findet im Labor statt. Pipettensex mit Latexhandschuhen. Na toll. Und dann? Dann ist auch nicht sicher, ob es funktioniert hat oder ob wir alles noch einmal machen müssen. Wird sich das befruchtete Ei überhaupt einnisten? Oder haben wir alles umsonst auf uns genommen?

Der Wunsch nach einem eigenen Kind ist größer

Ich habe Angst. Ich bin nicht zu 100 Prozent von der künstlichen Befruchtung überzeugt. Aber nach drei Monaten Kopfchaos haben wir uns gemeinsam dazu entschlossen. Wir werden es versuchen. In zwei Wochen haben wir unseren ersten Termin mit einem Kinderwunsch-Coach. Am Telefon waren alle super nett. Wir haben wirklich keine Ahnung, was auf uns zukommt. Wir glauben, dass unsere Beziehung auch mit der großen Enttäuschung umgehen kann, wenn es nicht klappt. Wir wollen drei Zyklen versuchen. Sollte es dann immer noch nicht klappen, hat die Natur gewonnen. Aber erstmal kämpfen wir. Für unser Kind.

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Julia M.

Die zweifache Mama könnte auf ihre geliebte Großstadt nie verzichten – und das trotz Familie und Hund. Wenn ihre wilden Jungs im Wald toben wollen, geht’s ab aufs Land zu Oma und Opa. Sie ist geschieden, aber glücklich liiert und liebt ihre Patchwork-Familie und die dreijährige Tochter ihres Freundes. Eigener Nachwuchs? Nicht ausgeschlossen.