Tabuthema Fehlgeburt: Warum will niemand mit mir reden?

DONNERSTAG, 26.10.2017

Ich war in der 10. Woche schwanger. In mir wuchs unser Wunschkind. Ich wusste genau, welche Wiege ich wollte und hatte mich bereits in einen Kinderwagen verliebt. In meinem Kopf sah ich uns als kleine Familie durch die Straßen spazieren. Doch dann kam der Tag, an dem ich mein Baby verlor …

Mein Wecker hatte noch nicht geklingelt, doch ich war schon wach. Ich hatte schlecht geschlafen – was öfter vorkam, seitdem ich schwanger war. Diesmal war es anders, fühlte sich komisch an. Dann spürte ich es: Ich hatte Blutungen. Eine Stunde später lag ich voller Angst auf der Untersuchungsliege meines Gynäkologen und hoffte auf ein erlösendes Lächeln. Doch es kam nicht. „Das Herz hat aufgehört zu schlagen.“ Diese Worte klingen immer noch in meinem Kopf. Das Herz hat aufgehört zu schlagen. Nicht irgendein Herz. Das Herz meines Kindes …

Ich hasste meine schwangere Freundin

Mein Mann weinte einen Abend lang mit mir. Dann begann er sich zu fangen und stark zu sein. Für uns, für mich. Ich konnte nicht aufhören. Ich wollte wütend sein, wusste aber nicht auf wen. Ich fragte mich, ob es meine Schuld gewesen war. Natürlich wusste ich, dass Fehlgeburten normal sind, dass es jede dritte Frau trifft. Aber warum ausgerechnet mich? Drei meiner Freundinnen hatten bereits Kinder, eine vierte war schwanger … ich hasste sie dafür. Warum musste ich mein Kind verlieren? Es wuchs in mir, gehörte zu mir. Meine Trauer war tief und so real. Niemand verstand, was ich gerade durchmachte. Auch nicht mein Mann. Ich verlor die Perspektive und richtete meine Wut gegen ihn. Wieso verging er nicht vor Schmerz?

Angst vor zweiter Schwangerschaft

Ich hatte meiner Familie und zwei Freundinnen von meiner Schwangerschaft erzählt. Alle wollten mich jetzt trösten und das Thema abhaken. Doch Sätze wie „Bald geht es dir besser,“ oder „Ihr versucht es einfach nochmal“ prallten an mir ab. Ich wollte sie nicht hören. Ich wollte doch DIESES Kind bekommen, mein Kind. An einen zweiten Versuch konnte ich nicht denken. Er machte mir Angst. Was, wenn es niemals klappt? Würde ich je Kinder haben? Darüber wollte und musste ich reden. Nicht gutgemeinte Trost-Floskeln austauschen. Dann erfuhr ich von einer Freundin, dass auch sie eine Fehlgeburt hatte. Auf merkwürdige Weise fühlte ich mich erleichtert. Ich redete stundenlang mit ihr. Sie verstand die Tiefe meiner Trauer und die Verzweiflung, die mein Mann und meine Familie nicht nachvollziehen konnten. Wir redeten, ich weinte und langsam wurde es leichter.

Gesundes Kind nach Fehlgeburt

Ein halbes Jahr später versuchten wir es ein zweites Mal. Unser Sohn kam an einem sonnigen Junitag auf die Welt. Die ersten Wochen der zweiten Schwangerschaft kroch ständig die Angst über eine erneute Fehlgeburt in mir hoch. Nach 12 Wochen wurde ich entspannter. Nach 20 Wochen konnte ich die Schwangerschaft richtig genießen. Bald wollen wir ein zweites Kind. Meine Angst ist jetzt fast verschwunden. Unser Sohn gibt mir unendlich viel Kraft. Seine Geburt heilte meine Wunden. Trotzdem: Wenn ich daran zurückdenke, kann ich die Traurigkeit immer noch spüren. Sie wurde zu einem Teil von mir, so wie mein Kind es war.

Tabuthema Fehlgeburt pin

Einen Abgang des Fötus im ersten Schwangerschaftsdrittel nennt man medizinisch Abort. Etwa jede dritte Schwangerschaft endet damit. Geredet wird darüber jedoch kaum.

Das sagt die Redaktion

Danke für diesen emotionalen Erfahrungsbericht aus dem wahren Leben.