A wie Anziehen. Das Drama am frühen Morgen, kennt fast jeder

DONNERSTAG, 26.03.2020 Kathy Weber

In unserer neuen Kolumne erklärt Expertin Kathy Weber die Welt der Gewaltfreien Kommunikation. Und zwar ganz lebensnah, mit vielen praktischen Beispielen. In der ersten Folge erzählt sie, wie man einen entspannten Morgen verbringt, auch wenn der kleine Spatz sich nicht anziehen möchte.

Entweder geht es um die Problematik: alles ist startklar und das Kind weigert sich die Jacke anzuziehen oder möchte lieber Gummistiefel statt Winterschuhe tragen. Oder es geht direkt im Zimmer los, mit der Outfitfrage: Nein heute keine Strumpfhose, sondern die Hose und die Socken, einen Rock drüber und das Sommer T-Shirt.

Jeder hat da so seine ganz eigene Geschichte zu erzählen.

Das Anziehen ist oft bei kleineren Kindern ein großes Thema. Mit der Gewaltfreien Kommunikation kannst du so eine Situation empathisch und ohne Ausraster, Drohungen oder Gewalt lösen.

Vorab sei gesagt, dass die Kluft zwischen dem, was wir wollen und dem was unsere Kinder wollen riesig sein kann. Diese zu überwinden, stellt unsere Geduld gerne auf die Probe und bringt uns manchmal auch an die Grenzen unserer Nerven.

Und doch haben unsere Kinder ihren ganz eigenen Willen, ob sie jetzt 1, 4 oder 14 Jahre alt sind. Und diesen gilt es – genau so wie unseren eigenen Willen – zu respektieren.

Die Gewaltfreie Kommunikation: Ein Praxisbeispiel

Mein Beispiel in diesem Artikel: Dein Kind weigert sich die Jacke morgens anzuziehen.

Welche Urteile tauchen in deinem Kopf auf? Etwa: „Das geht gar nicht, du wirst dich erkälten“ oder „Boah, nicht schon wieder so ein Theater am frühen Morgen“ oder „Warum kannst du nicht einmal das machen, was ich dir sage?“

Diese Urteile, die in der Situation in deinem Kopf rumrasen, nutzen wir als Übersetzungsgrundlage, um dir und dem, um was es dir eigentlich geht, näher zu kommen.

Also: „Das geht gar nicht, du wirst dich erkälten“ könnte heißen, dass dir die Gesundheit deines Kindes wichtig ist.

„Boah, nicht schon wieder so ein Theater am frühen Morgen“ könnte heißen, dass dir Leichtigkeit und Harmonie am frühen Morgen wichtig sind.

Oder: „Warum kannst du nicht einmal das machen, was ich dir sage?“ könnte meinen, dass du gerne mit deiner Absicht gesehen und gehört werden möchtest. Beziehungsweise steht das Wort „warum“ oft für eine Verständnis-Bitte. Du möchtest also verstehen, was dein Kind daran hindert, die Jacke anzuziehen.

Das Ganze übersetzen wir dann am besten in Kindersprache, damit sie uns auch verstehen können.

Also: „Ich möchte, dass du gesund bleibst, damit du spielen und Spaß haben kannst.“

Oder: „Ich mag es, wenn alles flutscht und wir morgens zusammen Spaß haben.“

Oder: „Sag mal, warum möchtest du die Jacke denn nicht anziehen?“

Durch die Übersetzung deines Gedankenmassakers (so nenne ich das gerne) bist du dir jetzt ein wenig nähergekommen. Als geschulte GfKlerin und geschulter GfKler gelingt dir das in Millisekunden – ansonsten heißt es üben, üben, üben und das am besten in einer entspannten Situation.

Jeder ist für die Erfüllung seiner Bedürfnisse selbst verantwortlich

Du hast jetzt also Klarheit über deine Bedürfnisse und kannst dir überlegen, was du für Strategien entwickelst, um diese zu erfüllen. Dieser Satz ist jetzt wichtig: In der GfK gehen wir davon aus, dass jeder selber zur Erfüllung seiner Bedürfnisse verantwortlich ist!!

Also, was kannst du tun, um dein Bedürfnis nach zum Beispiel Gesundheit, Leichtigkeit und Harmonie zu erfüllen und um zu verstehen, was in deinem Kind vorgeht? Es gibt einen Haufen an Strategien mit denen du deine Bedürfnisse erfüllen kannst. Werde kreativ!

Ich entscheide in diesem Fall, dass das Bedürfnis das Kind zu verstehen am größten ist und fühle mich in mein Kind ein. Das mache ich mit den 4 Schritten der GfK:

1.Situation

2.Gefühl

3.Bedürfnis

4.Bitte

1. Die Situation: „Ich mag die Jacke nicht anziehen“.

2. Die Gefühle: Du versuchst herauszufinden, was in deinem Kind vorgeht und fragst: „Bist du ganz verzweifelt?“ oder „Bist du ganz traurig?“ oder Ähnliches.

3. Und gehe dann auf die Bedürfnisse ein – „Kann das sein, dass du gerne zu Hause bleiben möchtest? Weil es zu Hause einfach so schön ist? Bist du gerne zu Hause?“

Wir können nicht wissen, was in unseren Kindern vorgeht – wir tasten uns heran. Das Kind wird mit Ja oder Nein antworten. Ist die Antwort „Ja“, dann kommst du dem Verständnis immer näher. Ist die Antwort „Nein“, dann wird es ein anderes Gefühl oder Bedürfnis sein – zum Beispiel sauer, möchte gerne noch spielen oder nervös, braucht mehr Ruhe etc.

Trau dich, dein Kind zu fragen – je jünger, desto weniger Worte empfehle ich.

Gehen wir mal davon aus, dass dein Kind zu meinem ersten Vorschlag Ja gesagt hat – es möchte also eigentlich gerne zu Hause bleiben. Dann würde ich dem noch ein wenig Raum geben, bist du das Gefühl hast, dass dein Kind, ich bezeichne das immer als „satt an Empathie“, ist. Du sagst: „Es ist so gemütlich bei uns, oder? Hier ist es warm, deine Spielsachen sind hier“ usw. Gerne kannst du auch schon Gesagtes wiederholen. Wenn du das Gefühl hast, dein Kind abgeholt zu haben, dann bist du an der Reihe. Wie, das haben wir ja am Anfang bereits erarbeitet:

Du: „Weißt du, wenn du sagst ‚Ich möchte die Jacke nicht anziehen‘, dann bin ich ganz durcheinander, weil ich wirklich wissen möchte, was dich daran hindert. Ich habe jetzt gehört, weil du gerne zu Hause bleiben möchtest. Stimmt doch, oder?“ Kind: „Jaaaa!“

Du: “Ich freu mich, dass du so gerne zu Hause bist. Wir gehen trotzdem los, weil ich arbeiten möchte und du zur Kita gehst.“

Entweder wird das Kind jetzt erneut protestieren, dann braucht es noch einmal Einfühlung wie oben „Oh, jetzt bist du ganz traurig, denn du möchtest zu Hause bleiben“. Oder aber du fragst es, was ihm hilft, damit es sich in der Kita wie zu Hause fühlt.

4. Du wirst staunen, Kinder kommen auf die verrücktesten Ideen, um sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Es könnte ein Tuch sein, welches nach zu Hause riecht, ein Kuscheltier oder ein Buch oder Ähnliches. Hilf deinem Kind gerne das Passende zu finden, aber frag es vorher, ob es von dir etwas hören möchte. Ich würde immer erst mal abwarten, ob doch noch etwas kommt – denn ich möchte, dass Kindern lernen kreativ zu sein und unabhängig.

Ist dein Bedürfnis nach Gesundheit am größten, dann gibst du deinem Kind Empathie wie oben und wenn du an der Reihe bist, dann könntest du sagen: „Weißt du, wenn du zu mir sagst ‚Ich möchte die Jacke nicht anziehen‘, dann mache ich mir große Sorgen, denn ich möchte, dass du gesund bleibst für Spiel und Spaß.“

Dann würde ich fragen, was dein Kind gehört hat: „Was hast du denn gerade verstanden, was ich gesagt habe?“

Das Kind sagt: „Ich soll die Jacke anziehen“, dann hat es eine Forderung gehört und keine Bitte und wir versuchen es noch mal mit anderen Worten.

Oder es sagt: „Du möchtest, dass ich gesund bleibe“. Dann fragst du, was ihm helfen würde die Jacke anzuziehen.

So, und jetzt höre ich schon den ein oder anderen sagen: „Was? Das dauert mir morgens ja viel zu lange!“

Es gibt kein Richtig und kein Falsch

In der GfK geht es nicht ums Funktionieren, sondern um die Freiwilligkeit. Und die GfK ist eine Entscheidung, wie ich mein Leben leben möchte, wie ich mit mir und meinen Mitmenschen reden möchte. Du hast die Wahl, dir einmal Zeit zu nehmen und friedlich in den Tag zu starten oder du machst so weiter, wie bisher. Es ist ganz deine Entscheidung und es gibt kein Richtig oder Falsch.

Je nach Alter deines Kindes ist es sinnvoll, in der jeweiligen Situation zu reagieren oder aber das Thema erst mal für dich aufzuarbeiten. Dich also in Ruhe in dich und dann in dein Kind einzufühlen und einen geeigneten Moment zu finden, um das Gespräch zu suchen. Doch was bleibt ist, dass du als aller erstes schaust, was bei dir in der Situation los ist, was du brauchst und wie du dir das erfüllen kannst.

Je kleiner die Kinder, desto weniger Worte. Es geht um Einfühlung und die findet sowohl verbal als auch nonverbal statt. Es geht darum, dass dein Kind ok ist, so wie es ist und dass ihr einen gemeinsamen Weg finden werdet.

Kolumne FamilieVerstehen

In unserer neuen Kolumne geht es darum, emphatisch mit unseren Kinder zu sein und auch so zu kommunizieren.