Achtsam erziehen – was steckt dahinter?

MITTWOCH, 23.05.2018

Überall hört und liest man davon: „Achtsame Erziehung“ ist gerade in aller Munde. Aber was ist eigentlich genau damit gemeint? Und wie setzt man es um?

Meinungen darüber, wie man Kinder erziehen soll, gibt es wahrscheinlich so viele, wie es Eltern oder Elternteile gibt. Doch grundsätzliche Begriffe können zumindest eine Richtung vorgeben, wohin der Weg geht. Ein Weg, die Kleinsten auf die Welt vorzubereiten, ist die Methode der „achtsamen Erziehung“. Klingt ja ganz gut.

Woher kommt der Begriff der Achtsamkeit?

Um achtsam zu erziehen, solltest du dir zunächst darüber im Klaren sein, was der Begriff der Achtsamkeit überhaupt bedeutet. Er stammt aus dem Bereich der östlichen Religiosität; der Buddhismus stellt ihn gar in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Die Pädagogik entdeckt ihn gerade neu für sich. Der Dachverband für „Mindful Based Stress Reduction“ (MBSR) und „Mindfulness Based Cognitive Therapy“ (MBCT) erklärt den Begriff der Achtsamkeit so: „Achtsamkeit ist das ruhige und gelassene Wahrnehmen von allem, was in unserem Gewahrsein auftaucht, also auch schwieriger Gedanken und Gefühle.“

Was steckt hinter dieser Achtsamkeits-Philosophie?

Als Mama oder Papa kennst du das zu Genüge: Das Einkaufen mit deinem Kind ist der blanke Horror, weil es unbedingt etwas Süßes will. Oder dein Kind schmeißt sich im Spielzeugladen einfach auf den Boden, weil es genau diesen einen Teddy haben muss. Wie reagierst du in solch einem Moment? Genauso wütend wie dein Kind? Schreist du es an? Bist du auch ungeduldig und schimpfst? 

Reflektiere einmal darüber: Hat dir diese Reaktion jemals etwas gebracht? Wurde dein Kind dadurch ruhiger oder einsichtiger? Wurde durch Schimpfen und Zerren der Familienfrieden wiederhergestellt? Wahrscheinlich eher nicht. Genau hier setzt eine Erziehung an, die auf Achtsamkeit aufbaut.

Ein neues Wundermittel in der Erziehung?

Doch wie hilft dir dieser Ansatz nun bei deiner Erziehung? Mit erlernter Achtsamkeit soll es möglich sein, ein Bild der momentanen Gesamtsituation zu bekommen. Du kannst dir sicher vorstellen, dass es bereits weiterhilft, wenn man als Einzelperson die Welt auf diese Art und Weise sieht. Als Erziehender wirkt sich das dann auch auf dein Kind und das gesamte familiäre Gefüge aus. Denn erst durch Achtsamkeit reagieren Eltern ihren Kindern gegenüber angemessen. Doch was bedeutet „angemessen“ in diesem Zusammenhang? Es bedeutet, Überreaktionen zu vermeiden und die Würde des Kindes nicht anzugreifen.

Was in der Theorie gut klingt, ist deswegen natürlich nicht unbedingt einfach in die Praxis umzusetzen. Klar stresst es dich, wenn dein Kind nicht aufhören will zu weinen und du nicht weißt, warum. Sicher ist es auch ganz normal, wenn Eltern ab und zu völlig entnervt sind von ihrem Kind.

Und hier kommt wieder die achtsame Erziehung mit ihrer Idee der Gelassenheit ins Spiel: Anstatt wütend zu reagieren, weil das x-te Glas umgeworfen wurde und der Stresspegel mal wieder nach oben geht, solltest du dich besser fragen: Hat mein Kind das mit Absicht getan? Wird irgendetwas an dieser Situation besser, wenn ich jetzt laut werde?

Wie genau werden Eltern achtsam?

Es geht darum, den Modus des Autopiloten auszuschalten, kurz durchzuatmen und sich zu der jeweiligen Situation Fragen zu stellen: Bin ich vielleicht der Grund, warum mein Kind so fahrig ist? Will es mich wirklich ärgern, oder empfinde ich das gerade nur so?

Alles in allem ein verständlicher, schöner Ansatz für eine entspannte Erziehung. Aber seien wir mal ehrlich: keine leichte Aufgabe für Erziehende. Wer behält schon in jeder Situation die Nerven?

Deswegen heißt es: üben, üben, üben!

Achtsamkeit lässt sich lernen

Es geht nicht in erster Linie um dein Kind oder deine spezielle familiäre Situation. Achtsamkeit musst du als Mama – oder Papa – in erster Linie einmal für dich selbst lernen. Deine Gelassenheit überträgt sich so auch auf dein Kind. Achtsamkeitsübungen gibt es viele. Du kannst sie für dich selbst erlernen oder spielerisch zusammen mit deinem Kind: „Wie gut schmeckt dieser Apfel?“, „Welcher Vogel zwitschert draußen?“, „Welche Geräusche nimmst du wahr?“

Die wohl bekannteste Methode ist die der „Mindful Based Stress Reduction“ (MBSR) – sozusagen die Basis für alle Strategien in diese Richtung seit 1979. Dieses Anti-Stress-Programm wurde in den 1970er-Jahren von Dr. Jon Kabat-Zinn an der Universitätsklinik in Worcester, USA entwickelt.  

Die Methode wird bis heute weitergetragen und -entwickelt, zum Beispiel von Lienhard Valentin oder Rick Hanson.

Das Wichtigste ist aber: Dauergelassenheit muss nicht sein. Das ist auch gar nicht möglich - schließlich sind wir alle nur Menschen. Aber du kannst versuchen, in kritischen Situationen die Ruhe zu bewahren. Dann kommst du der Methode der „achtsamen Erziehung“ schon ein gutes Stück näher.

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Achtsam erziehen bedeutet mehr Gelassenheit, weniger Geschrei und Streit. Wer will das nicht? Aber wie kann ich das in meiner Erziehung umsetzen?

MeinSpatz Gezwitscher

Eine Mama aus der Redaktion hat sich intensiv mit dem Thema „Achtsam erziehen“ auseinandergesetzt und sich an dem Buch „Kinder achtsam erziehen“ von Alexandra Karr-Meng orientiert. Und siehe da: Es funktioniert! Nicht immer zu 100 Prozent – aber doch ziemlich gut.