Darf mein Kleinkind das Tablet nutzen?

MITTWOCH, 26.09.2018

Unsere Kinder wachsen als "Digital Natives" auf. Aber machen Medienkonsum, Apps & Co. überhaupt Sinn oder können sie den Kleinsten sogar schaden?

Spätestens im Kleinkindalter sehen wir Eltern uns mit der Frage konfrontiert: digitale Medien – ja oder nein? Während manche Tablets & Co. von ihren Kindern möglichst lange fernhalten möchten, erlauben andere ihren Kindern Apps auf Mamas Tablet oder Handy zu nutzen. Manchmal brauchen Eltern eben auch mal zehn Minuten Pause und da ist so ein Tablet einfach sehr verführerisch. Klar, dass Mamis und Papis sofort ein schlechtes Gewissen bekommen, immerhin ist überall zu lesen, dass zu früher Medienkonsum schädlich für die Kleinen ist. Ganz so dramatisch sehen das Lidia de Reese und Björn Schreiber von der Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V. (FSM) nicht: "Eltern werden ihrem Kind nicht sofort schaden, wenn sie digitale Medien als Babysitter einsetzen. Jedoch sollten sie sich vor Augen führen, dass Medien niemals ein Ersatz für die eigenen Erziehungsaufgaben oder gar Zuneigung und emotionale Bindung sein sollten." Das ist doch schon mal beruhigend. 15 Minuten Kaffeepause für Mama sind also drin – ganz ohne schlechtes Gewissen.

Sind digitale Medien so schlecht wie ihr Ruf?

Die Frage ist also vielmehr: Woher kommt die schlechte Bewertung von digitalen Medien für die Kleinsten? Können kleine Kinder etwa bereits eine Art Mediensucht entwickeln? "In der öffentlichen Debatte wird Mediensucht durchaus übertrieben dargestellt", erklären de Reese und Schreiber. "Für Kleinkinder kann hier aber generell Entwarnung gegeben werden. Da Eltern noch zum Großteil die Mediennutzung kontrollieren und aufgrund entwicklungspsychologischer Faktoren, besteht hier allenfalls ein sehr geringes Risiko." Es kommt also nicht nur darauf an, ob und wie viel wir unsere Kinder damit in Berührung kommen lassen. Wichtig ist immer auch, womit die Kleinen sich während dieser Zeit beschäftigen. Bilderbuch-Apps wie etwa die von "Wonderland" setzen auf liebevoll gestaltete und altersgerechte Szenen bei Feuerwehr, Polizei, Bauernhof und funktionieren wie ein interaktives Wimmelbuch. Auch pädagogisch wertvolle Apps, wie "Die Sendung mit der Maus", machen Kids Spaß und bringen ihnen auf lustige Weise spannende Fakten näher. Gegner argumentieren jedoch damit, dass die kleinen Gehirne die Information noch gar nicht verarbeiten können, sie eher überfordert damit sind. Was also nun? Wie erkennst du Apps, die speziell an die Kleinsten gerichtet sind?

Welche Apps sind für dein Kind geeignet?

Ob Apps für Kleinkinder geeignet sind, solltest du immer erst im Selbstversuch testen. Passt die App zu dem, was du deinen Kindern an Werten vermitteln willst? Entspricht die Bilderwelt deiner Ästhetik? Verzichtet die App möglicherweise auf die klassische Rolleneinteilung und zeigt deinem Kind schon früh, dass Mädchen Feuerwehrfrauen sind und Jungs auch mal Rosa tragen? All das sind natürlich Faktoren, die alle Eltern individuell entscheiden müssen. Hast du das Gefühl, dass eine App zu viele Stereotypen enthält oder sie aus anderen Gründen nicht zu dir und deinem Kind passt? Dann solltest du sie auch nicht installieren, egal wie viele Sternchen oder Empfehlungen sie hat. Neben dem eigenen Bauchgefühl spielt auch die Alterseinstufung der jeweiligen App eine ausschlaggebende Rolle. Die richtet sich übrigens nach dem internationalen IARC-System (in Deutschland durch die USK vertreten) und hier nach den Kriterien des Jugendmedienschutzes im digitalen Raum (gesetzlich nach dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag). "Dabei werden diverse Inhalte und Inhaltskriterien berücksichtigt. Das IARC-System setzt auf eine Selbsteinschätzung von App-Anbietern mittels eines Fragebogens. Dieser beinhaltet bspw. Fragen über Gewalt- oder Sexualdarstellungen, Kommunikationsmöglichkeiten oder Werbung. Die Antworten werden stichprobenartig überprüft," erklären de Reese und Schreiber.

Woran erkenne ich gute und altersgerechte Apps?

Laut unseren Medienexperten gibt es dazu noch andere Kriterien, die bei der Einschätzung helfen können. Hier ein kurzer Überblick.

1. Eignet sich die App für das Alter und den Entwicklungsstand meines Kindes?

2. Entspricht die App den Bedürfnissen meines Kindes bzw. sind die Inhalte förderlich?

3. Entspricht die App auf einer gestalterischen Ebene den Erwartungen meines Kindes bzw.            ist sie attraktiv genug? Hat die App vielleicht sogar einen Wow-Faktor?

4. Wie benutzerfreundlich ist die App?

5. Bietet die App Sicherheitseinstellungen?

6. Wird auf In-App-Käufe und auf Werbung weitestgehend verzichtet?

7. Verzichtet die App auf Kommunikationsmöglichkeiten mit Dritten bzw. sind                             Sicherheitsinstrumente installiert, die diesbezügliche Risiken minimieren (z. B. Vormoderation, Bilderprüfung etc.)?

8. Entspricht die App den aktuellen Datenschutzrichtlinien?

So lange darf dein Kind ans Tablet

Dein Kind nutzt Tablet, Apps und Co. bereits? Dann achte unbedingt auf eine strikte zeitliche Begrenzung. Als grober Richtwert gilt: zehn Minuten pro Lebensjahr. Dein dreijähriger Spatz darf also ruhig mal bis zu einer halben Stunde in der digitalen Welt spannende und kindgerechte Apps entdecken. Achte aber genau darauf, dass dein Kind nichts anderes mit dem Tablet machen kann – wie etwa unfreiwillig im Internet surfen. Denn die falschen Bilder hinterlassen schon nach kurzer Zeit Spuren, wie auch unsere Experten wissen: „Nicht nur die Dauer der Nutzung, sondern auch ihre Inhalte sind dabei von Bedeutung. Zwei Minuten Gewaltdarstellung in einem Film können beispielsweise viel problematischer sein, als das Ansehen der geliebten Kindertrickfilmserie, die länger als eine halbe Stunde dauert." Und danach? Ab nach draußen, spielen, toben, die Natur entdecken. Denn die Mediennutzung sollte nur einen ganz kleinen Teil der Freizeitaktivitäten ausmachen, das heißt "Eltern sollten auf eine gute Balance mit anderen, nicht medienbezogenen Tätigkeiten achten." Es geht also nicht unbedingt darum, das Tablet komplett zu verbieten. Besonders wichtig ist aber der aktive Ausgleich gemeinsam mit Mama und Papa, bei dem die Medien keine Rolle spielen.

Auch in Sachen Tablet sind Eltern Vorbild!

Das funktioniert natürlich nur, wenn Mama und Papa aber auch die Großeltern Handy und Co. links liegen lassen, sobald Spielzeit angesagt ist. "Wird das Handy oft in Anwesenheit der Kinder genutzt, ist man ständig erreichbar und ruft sogar während der gemeinsam verbrachten Familienzeit oder beim Essen E-Mails ab? Läuft ständig der Fernseher oder wird das ganze Privatleben für soziale Netzwerke dokumentiert? Dies alles hat Einfluss auf die eigenen Kinder und zeigt ihnen einen Rahmen für die eigene Mediennutzung auf." Klar, wie sollen wir den Zwergen erklären, dass es für das Spiel mit dem Tablet Regeln und eine zeitliche Begrenzung gibt, wenn wir uns selbst nicht daran halten. Und ja, natürlich dürfen wir auf dem Spielplatz kurz eine Whatsapp checken oder ein paar wunderbare Sandkastenbilder knipsen. Aber dann sollte das Handy Pause machen. Ein Foto ist toll. Aber es schläft danach in der Datenbank und versauert dort. Der Moment in dem dein Kind aus tiefstem Herzen fröhlich lachend die Rutsche heruntersaust ist aber schneller vorbei als du den Auslöser drücken kannst.

Digitale Medien: Ja oder Nein

Auch wenn wir uns ein klares Statement wünschen würden – so einfach ist die Frage nicht zu beantworten. Letztendlich muss jede Familie für sich entscheiden, wie sie mit dem Thema umgeht. Eines ist klar: Kleine Kinder brauchen noch keine Medien. Weder den Fernseher, noch das Handy oder das Tablet. Klar ist aber auch: Als Eltern leben wir einer Welt, die von unserer eigenen Mediennutzung geprägt ist. Und ja, manchmal tut es gut, die Kinder für ein paar Minuten mit bunten Bildchen abzulenken. So lange die Nutzungszeit stark begrenzt wird und die Inhalte von Mama und Papa genau kontrolliert werden, spricht aus Expertensicht nichts dagegen. Im Gegenteil: „Fest steht auch, dass frühzeitige herausgebildete Medienkompetenz wesentlich dazu beitragen kann, dass Kinder Medien kontrolliert nutzen und das Risiko vor intensivem, unkontrolliertem Nutzungsverhalten eindämmt.“ Ein Aspekt der in der Diskussion über das Thema selten angesprochen wird. Und der uns Mamis in der Redaktion zumindest ein wenig von unserem schlechten Gewissen nimmt.

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Wie häufig und wie lange ist es sinnvoll, dass dein Kleinkind Tablet, Apps und Co. nutzt? Experten antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das Thema.

MeinSpatz Gezwitscher

Du möchtest noch mehr zum Thema Medienkonsum bei Kleinkindern erfahren? In unserem Artikel "Schadet Fernsehen und Videoschauen Kleinkindern" haben wir Expertenmeinungen für dich zusammengestellt.