Darf meine Freundin sich in meine Erziehung einmischen?

MONTAG, 03.09.2018

Erziehung ist anstrengend. Noch anstrengender wird sie, wenn sich andere mit gut gemeinten Ratschlägen einmischen. Das weiß unsere Autorin nur zu gut ...

Es hätte ein echt nettes Playdate werden können. Meine Freundin Anna und ihr zweijähriger Sohn Jonas waren zu Besuch, es gab Kaffee für die Mamas, Bioapfelschorle für die Kinder und ein paar Leckereien aus der Snack-Schublade. Während Jonas mit meiner gleichaltrigen Tochter Ella mit Bausteinen den größten Turm der Welt baute, hatten wir Mamas endlich mal Zeit zu ratschen. Schließlich hatten wir uns lange nicht mehr gesehen, und es gab sooooo viel zu berichten. Der Urlaub, der Umzug, die Kita-Eingewöhnung …

Stressiger Alltag mit Kleinkind

Doch wie es eben mit Kleinkindern so ist – immer, wenn man sich unterhalten will, wird man unterbrochen. Immer! Diesmal vom lauten Getöse eines umfallenden Turms aus Holzbausteinen. Und anschließend vom empörten Aufschrei meiner Tochter Ella. Ich atmete tief durch und versuchte, meine zurechtgelegten Gedanken zu behalten. Da kam sie schon tränenüberströmt angelaufen. Offenbar hatte Jonas ohne vorherige Absprache das gemeinsame Bauwerk zu Fall gebracht.

Ich nahm Ella auf den Schoß und versuchte, sie zunächst mit ein paar Standardfloskeln zu beruhigen: "Da bist Du jetzt traurig, ne?!", "Dann baut ihr eben einen neuen Turm" und "Lass uns etwas anderes spielen." Doch es half alles nichts. Ella war mitten in ihrer Autonomiephase und tendiert zugegebenermaßen zum Drama: Heulkrampf, Schnappatmung, unverständliche Anschuldigungen … Kennst du ja sicher.

Der Griff in die Trickkiste

Da ich aber dennoch wissen wollte, wie Annas Geschichte um den chaotischen Umzug weiterging, griff ich in meine pädagogische Trickkiste: Ein Trostpflaster in Form eines Schokokekses der auf dem Tisch lag. "Hier, schau mal, ein Keks für Dich!" Ella blickte auf, schnappte sich den Keks und nuckelte zufrieden daran. Endlich Ruhe!

Erwartungsvoll blickte ich auf, um das Gespräch fortzusetzen. Doch Anna sah mich nur stirnrunzelnd an. "Du weißt aber schon, dass man das nicht machen soll?!" Ich war verwirrt. "Was soll man nicht machen?" Anna wurde deutlicher: "Wenn du Ella immer mit Süßigkeiten tröstest, wird sie irgendwann lernen, dass Süßes gut gegen Kummer ist. Und das fördert Fettleibigkeit! Ich würde das nicht machen."

Empörte Reaktion

Das saß! Peinliche Stille. Da ich in solchen Situationen nicht besonders gut im Kontern bin, murmelte ich: "Naja, der eine Keks … mache ich ja gar nicht so oft…". Schweigen. Und irgendwie schämte ich mich. Ein bisschen wie früher, wenn ich in der Schule etwas falsch gemacht hatte. Aber hatte ich denn wirklich etwas falsch gemacht? Ich hatte doch vorher versucht, Ella mit Worten zu beruhigen. Und ja, ich war einfach auch genervt.

Zum Glück unterbrach Jonas die Szene mit dem Hinweis auf seine Kackiwindel. Selten hatte ich mich so über eine volle Windel gefreut. Der Rest des Nachmittags verlief relativ krampfig. Und ich versuchte, im Beisein von Anna, besonders vorbildlich mit meiner Tochter umzugehen. Aber irgendwie war der Wurm drin.

Ich will keine perfekte Mutter sein

Dieser Nachmittag beschäftigt mich heute noch. Anna und ich haben uns bis zu diesem Zeitpunkt immer gut verstanden. Aber diese Zurechtweisung brachte mich zum Nachdenken. Ich bin halt nicht perfekt. Muss ich doch auch nicht sein, oder? Und Ella ist auch nicht zu dick oder so. Und ja, Anna hat in der Sache Recht. Ich hab’s gegoogelt! Aber: Warum glaubt Anna, sich so einmischen zu dürfen? Ich sage ihr ja auch nicht, dass ihr Jonas mal etwas rücksichtsvoller mit anderen Kindern umgehen könnte. Irgendwie nervt es mich, wenn sie mich als verantwortungslose Mutter darstellt. 

Und überhaupt: Ist dieser eine Keks nun Schuld, wenn Ella als Teenager pummelig wird? Ach, es ist kompliziert. Und gleichzeitig auch nicht. Vielleicht muss ich einfach lernen, auf Durchzug zu schalten, wenn irgendwer versucht mich zu belehren. Einfach tief durchatmen und weitermachen. Auch wenn's schwer fällt. Und gleichzeitig will ich auch reagieren und meinem Gegenüber erklären, dass es so einfach nicht ist ... Aber eine gute Freundin vergraulen? Nur weil ich mich in meiner Mama-Kompetenz angegriffen fühle?

Anna hat übrigens gestern gefragt, wann wir das nächste Playdate ausmachen wollen. So richtig Lust darauf habe ich gerade ehrlich gesagt nicht. Aber eigentlich verstehen wir uns ja ganz gut. Also werde ich wohl in den sauren Apfel beißen und mich mit ihr treffen. Und vielleicht sogar meinen ganzen Mut zusammennehmen und ihr sagen, dass sie sich bitte aus meiner Erziehung rauszuhalten hat. Vielleicht ...

Darf meine Freundin sich in meine Erziehung einmischen? pin

Als Mama muss man sich sowieso dauernd irgend welche Ratschläge anhören. Aber eine Zurechtweisung von einer Freundin? Das muss echt nicht sein, findet unsere Autorin.

MeinSpatz Gezwitscher

Für den Fall, dass du von anderen Müttern zurechtgewiesen wirst, gibt es ein paar geschmeidige Konter. Mit einem Lächeln auf den Lippen schafft das schnell Klarheit: "Danke für den Tipp. Schreibst Du gerade einen Erziehungsratgeber?", "Ach wirklich? Das stand gar nicht in der Betriebsanleitung…", "Oh, danke für den Tipp. Schön, dass alle Kinder und Mütter verschieden ticken."