Ich bastle für mein Kind – sollte das nicht umgekehrt sein?

DONNERSTAG, 01.03.2018

„Mama übt noch“: Unsere Kolumnistin Patricia Renoth versteht die Welt nicht mehr. Seit wann basteln Erwachsene für ihre Kinder? Und warum nehmen alle anderen Eltern das so schrecklich ernst?

Schon der Aushang in der Kita kommt mir komisch vor: Osternest basteln für Eltern. Hört sich ja erst mal ganz gut an. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar das Nest ist nicht für die Erwachsenen, sondern für die Kinder. Aber die Eltern sollen es basteln. Hä? Ich verstehe nur Bahnhof. In meiner Vorstellung läuft das irgendwie anders ab. Sollten nicht eigentlich die Zwerge für die Eltern basteln? Oder die Eltern gemeinsam mit den Kindern? Ist das nicht der natürliche Lauf der Dinge? Und bisher war das auch immer so. Mein Sprössling hat schon einiges mit stolz geschwellter Brust nach Hause gebracht: ein verziertes Lebkuchenherz, eine bemalte Weihnachtskugel und eine Collage aus Papierfetzen, die mit viel Phantasie an eine Blume erinnert. Und ich kenne meine Mutterpflichten: Natürlich bin ich jedes Mal in Begeisterungsstürme ausgebrochen, ob des kreativen (oder manchmal auch nicht so kreativen) Talents meiner Tochter. Ihre leuchtenden Augen und ihr Lächeln, wenn sie das mühevoll hergestellte Geschenk überreicht - das ist es, was ich wirklich liebe. Und das ist es auch, was dabei wirklich zählt.

Den Preis als Mutter des Monats werde ich wohl nicht gewinnen

Aber dieses Mal läuft es anscheinend umgekehrt. Ich versuche mir einzureden, dass es irgendwie Sinn macht. Schließlich verwende ich Zeit darauf, meinem kleinen Spatz eine Freude zu bereiten. Das ist ja per se etwas Gutes. Vor allem, wenn der Beschenkte das auch wertschätzt. Und da habe ich irgendwie so meine Zweifel. Mein Kind ist schließlich erst 2 Jahre alt. Aber die Erzieher in der Kita sehen das wohl anders. Also finde ich mich pünktlich um 19.30 Uhr zum Bastelabend ein. Und stelle schockiert fest: Die anderen Eltern haben Equipment mitgebracht. Leichte Panik steigt in mir auf. Ich lese noch mal schnell den Zettel mit der Ankündigung, der an der Gruppentür hängt. Und da steht es schwarz auf weiß: „Bitte Schere und Kleber mitbringen.“  Mist. Hab´ ich wohl überlesen. Zu meiner Entschuldigung: Die Aussage, dass ich für mein Kind basteln soll, hat mich wirklich verwirrt. Da kann man schon mal was übersehen. Einmal tief durchatmen. Das fängt ja schon gut an. Ohne Schere und Kleber setze ich mich also an den viel zu kleinen Tisch, auf den viel zu kleinen Stuhl. Optimale Bastelbedingungen. Zufälligerweise sitze ich auch noch neben einer Mama, die das Ganze anscheinend besonders ernst nimmt. Sie hat österliche Malvorlagen mitgebracht. Kleine süße Häschen. Okay, den Preis als Mutter des Monats werde ich wohl nicht gewinnen.

Um mich herum herrscht konzentrierte Stille

Dann geht es los. Die Kitaleitung hat sich wirklich etwas Besonderes ausgedacht. Wir sollen ein Nest aus verschieden langen Holzteilen, die in eine Bodenplatte gesteckt werden, zusammenkleben. Das Beste: Mit einem kleinen Schlägel kann man es später, in geleertem Zustand, als Instrument benutzen. Meine Motivation steigt. Das ist eine geniale Idee. Gefällt mir. Also ab ans Werk. Um mich herum herrscht konzentrierte Stille. Als diese länger andauert, versuche ich zaghaft ein Gespräch zu beginnen. Wenn man schon mal mit vielen Eltern gleichaltriger Kindern zusammensitzt, ist das doch DIE Gelegenheit sich auszutauschen. Aber schon wieder liege ich falsch. Alle anderen sind so sehr mit Basteln beschäftigt, dass ich nach äußerst zähen 10 Minuten entnervt aufgebe. Was ist hier nur los, das ich nicht verstehe? Ist das eine Art Wettbewerb von dem ich nichts weiß? Wer hängt sich am meisten für sein Kind rein? Da fallen mir ehrlich gesagt einige viel bessere Möglichkeiten ein.

Mein Nest wird ignoriert.

Na gut. Jetzt versuche ich eben meine gesamte Energie in das Bemalen des Nestes zu stecken. Funktioniert auch ganz gut. Ich verziere es mit geometrischen Formen, Mustern und viel Farbe. Aber das schöne helle Holz ist immer noch zu sehen. Sieht irgendwie skandinavisch aus. Ich bin zufrieden. Dann fällt mein Blick auf die anderen Kunstwerke. Ich sehe überall Blumenwiesen, Hasen und Ostereier. Liegt ja auch nahe. Ich spreche ein paar Komplimente aus. Mein Nest wird ignoriert. Eine Erzieherin lässt sich allerdings zu einem Kommentar hinreißen: „Das ist ja mal was ganz Anderes – richtig kreativ.“ Ich glaube sie ist es gewohnt ein bisschen zu schummeln. Man kann ja schließlich keinem Kind sagen „Na das sieht aber komisch aus, was du da gebastelt hast.“ Und einer Mama, die ihren Feierabend gegen einen Bastelabend eingetauscht hat wohl auch nicht.

Dank dem Osterhasen wird meine Tochter nie erfahren, dass ich das für sie gebastelt habe.

Am Ende werden alle fertigen Basteleien zum Befüllen eingesammelt. Wir können nach Hause gehen. „Und wann überreiche ich meiner Tochter das Nest?“, frage ich noch ganz unbedarft. Die Antwort: Gar nicht. Das macht natürlich der imaginäre Osterhase. Der versteckt die Nester und die Kleinen dürfen suchen. Und da wären wir wieder am Anfang der Geschichte angelangt. Warum genau bastle ich noch mal ein Osternest für meine Tochter, die am Ende nicht mal erfährt, dass ich es für sie gemacht habe? Aber die Frage verkneife ich mir. Ich bin heute schließlich schon genug aus dem Rahmen gefallen. Ich versuche das „zufrieden nach getaner Arbeit“-Lächeln der anderen Eltern zu imitieren. Mama übt noch.

In unserer Kolumne "Mama übt noch" geht es diesen Monat um das Thema Basteln für Kinder.

MeinSpatz Gezwitscher

Falls du dir jetzt Sorgen machst, dass unsere Autorin ein Bastelmuffel ist, können wir dich beruhigen. Sie hat u. a. den Beruf „Dekorateurin“ (heute: Visual Merchandiser) gelernt und bastelt sehr gerne zusammen mit ihrer Tochter.