"Ich will das jetzt aber": Willkommen in der Trotzphase

DIENSTAG, 18.06.2019 Tina

Kinder haben ist toll, keine Frage. Aber wenn die Trotzphase einsetzt und ich beim Einkaufen ein kreischendes Kind am Fuß zur Kasse ziehe, überdenke ich diese Entscheidung manchmal kritisch.

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Trotzphase hat mich total überrascht. Aber nach dem ersten Jahr Schreibaby war mir klar, dass meine Tochter es mir nicht leicht machen wird. Dafür hat die Natur sie zusätzlich zu ihrem aufbrausenden Temperament mit wunderbaren Grübchen ausgestattet, die bei einem Lächeln jeden Wutanfall vergessen lassen. Auch wenn die Delle in meiner Stirn von dem Plastik-Teller, den sie mir 3 Minuten vorher an den Kopf geworfen hat, wahrscheinlich permanent ist.  

Jedes Kind ist irgendwann mal wütend und bringt das durch Weinen und Toben zum Ausdruck. Das ist auch völlig verständlich. Ich wäre auch sauer, wenn ich noch kein Zeitgefühl hätte und ein "Du bekommst gleich ein Eis" nicht "sofort" bedeutet, sondern "nachdem die Mama abgewaschen hat". Aber wer zum ersten Mal einen ausgewachsenen Wutanfall seines Kindes mit fliegenden Spielzeugen, hochrotem Kopf und völliger Resistenz gegenüber jeglichen Beruhigungsversuchen miterlebt hat, weiß, das ist jetzt doch was anderes.

Hallo Trotzphase

Ich kann mich an eine Situation kurz nach dem 2. Geburtstag erinnern. Matilda erwacht aus dem Mittagsschlaf und die Tore der Hölle öffnen sich. Scheinbar ohne jeden Grund wirft sie sich auf den Boden, kreischt und weint herzergreifend, schubst alles weg, sogar Schnuller und Lieblingspuppe. Während der Papa sie zu beruhigen versucht, befrage ich das allwissende Internet, was los sein könnte. Über Suchanfragen wie "Ist mein Kind autistisch?", "Hirnschaden erkennen beim Kleinkind" und "Ab wann wird Schreien gesundheitsgefährdend" lande ich auf mehreren Seiten zur Trotzphase. Beginnt so um den zweiten Geburtstag rum - aha passt. Ist ein wichtiger Entwicklungsschritt für das Kind – gut, lohnt sich also. Keine Angst, sie haben als Eltern nichts falsch gemacht – puh, da stets schwarz auf weiß, Erleichterung. Kann bis zum sechsten Lebensjahr anhalten – Moment, wie bitte?? Ja, das war erst der Anfang.

Was tun gegen die Wut?

Mittlerweile, Matilda ist jetzt fast drei Jahre alt, habe ich mich an diese Phase gewöhnt. Ich versuche, kritische Situationen zu vermeiden. Zum Beispiel stelle ich nur noch selten verschiedenen Angebote zur Wahl, sondern treffe die Entscheidung, ob Lolli oder Gummibärchen, selbst. Das verhindert, dass dem Kind nach Verschlingen der ersten Wahl auffällt, dass es doch lieber das andere gehabt hätte.

Ausflüge zum Spielplatz oder zu Omi und Opi finden jetzt häufiger überraschend statt, denn eine Ankündigung in der Früh führt zu stundenlangem Gemecker, das in einem ausgeprägten Wutanfall gipfeln kann. Ungeduldige Kinder sind tunlichst zu vermeiden! Auch gut: Das Kind so viel wie möglich selber machen lassen. Du kommst zu spät zum Meeting, weil das kleine Monster ausgerechnet heute die Schuhe zum Binden anziehen möchte? Wegstecken und lächeln. Dein Schatz will seine Nachspeise selber von der Küche ins Wohnzimmer tragen? Daumen drücken und heiße Himbeeren kalt essen. Lieber später die rote Pampe vom Boden kratzen, als ein Kind im Trotzanfall beruhigen.

Manchmal hilft aber auch gar nichts. Das Tückische an der Trotzphase ist, dass sie jederzeit und ohne Vorwarnung scheinbar harmlose Situationen in ein apokalyptisches Desaster verwandeln kann. Die letzte Erdbeere im morgendlichen Müsli ist urplötzlich und mit böser Absicht in der Milch untergegangen – wir verlassen das Haus mit halbstündiger Verzögerung und in frischen Outfits.  

Es geht vorbei

In solchen Situationen hilft mir das Mantra: Die Trotzphase ist eine wichtige Phase in der Entwicklung meines Kindes. Es bekommt jetzt einen starken Willen, wird selbständiger und entwickelt eigene Kompetenzen. Außerdem ist es wie der Name schon sagt, eine Phase. Das bedeutet, es geht auch wieder vorbei. So wie Zähne und Wachstumsschübe.

Und wenn dein Kind sich im Supermarkt ans Eisregal kettet und mit 120 Dezibel die Scheiben zum Klirren bringt, sei stark, weiche den mitleidigen Blicken und kopfschüttelnden Omis nicht aus, sondern sage ganz ruhig: "Ich weiß auch nicht, was es hat. Ich bin nur die Nanny."

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Die Trotzphase beginnt ab ca. 2 Jahren und kann bis zum 6. Geburtstag anhalten. Sie ist geprägt von plötzlich auftretenden Wutanfällen, untermalt von verzweifelten Eltern. 

Mein Spatz Gezwitscher

Meine Top 3 Gründe für einen Tobsuchtsanfall:

1. Du hast mein Brot in Streifen und nicht in Haus-Form geschnitten.

2. Ich wollte aber das alte angebissene Stück Gummibärchen aus dem Müll, nicht das neue.

3. Ich verstehe nicht, warum ich nicht mit dem Inhalt meines Töpfchens ein Bild an die Wand malen darf.

Mamis sind manchmal wirklich doof.  

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.