"Ich will doch gar nicht schimpfen …"

FREITAG, 18.05.2018

Da macht man sich Gedanken über Erziehungsmethoden, wälzt Ratgeber, praktiziert Yoga und dann erwischt man sich doch wieder beim ständigen Rummeckern. 

In diesem Jahr fällt es mir besonders schwer, mit unserem Großen auszukommen. Das mag am Geschwisterchen liegen, aber bestimmt auch an seinem Alter. Der kleine Mann wird bald vier Jahr alt. Wow! Jetzt ist er schon so groß! Und trotzdem lässt er sich von hinten bis vorne bedienen und zeigt kein bisschen Dankbarkeit. Da sind wir auch schon wieder mittendrin in meiner Rohrspatzeritis …

Wie am Schnürchen

Eigentlich bin ich kein Fan von andauerndem Zurechtweisen der Kinder. Ich finde, ein bisschen Selbstverantwortung tut ihnen ganz gut und über viele Kleinigkeiten dürfen Eltern auch mal hinwegsehen. Draußen funktioniert es meistens wunderbar. Im Freien geraten der Große und ich kaum aneinander. Wir fahren fast täglich mit dem Fahrrad quer durch die Stadt und er spurt wie eine Eins. Und auch auf dem Spielplatz, beim Mutter-Kind-Turnen, beim Einkaufen, kurzum: Solange wir uns nicht zu Hause befinden, ist alles gut.

Home Sweet Home

Zuhause fängt es schon beim Aufstehen an. Das zögert der Herr nämlich so lange hinaus, dass die Zeit dann auch sicher knapp wird für den Weg in die Kita. Denn alleine anziehen, waschen, Zähne putzen ist mit vier Jahren anscheinend nicht drin. Das wäre ja nicht das Problem. Ich weiß aber genau, dass der Große das kann. Er konnte es mit zwei Jahren schon und tat es da auch bereitwillig. Warum also jetzt nicht mehr? Warum ist er nur ständig dagegen?

Die tägliche Dosis Wahnsinn

Ok, ok, ich weiß: Autonomiephase und so. Das Gehirn des Kindes wird von Gefühlen überflutet, es testet seine Grenzen aus. Daran werde ich ständig lauthals erinnert und ja, ich versuche auch, ihm das Ganze nachzusehen. Aber zwischendrin ist doch mal wieder gut, oder? Da hört man sich im Dauermodus und mit Engelszungen was von Zähneputzen und Händewaschen säuseln und was macht der Zögling? Stillstand. Keine Reaktion. Nichts! Und wenn man ihn dann nach Flehen und Bitten per Flieger ins Bad verfrachtet hat, geht es mit Gezeter weiter: „Warum muss man nur jeden Tag Zähne putzen?“ „Das tut weh!“ „Ich kann das nicht allein!“ Quietsch! Grummel! Monstergeräusche … Ehrlich jetzt? Die Geschichte mit Karius und Baktus zum millionsten Mal ausgepackt. Nicht überzeugt. Stattdessen wird fröhlich mit Zahnpasta am Spiegel rumgeschmiert, fremde Zahnbürsten in den Abfluss gesteckt, der Bruder vom Hocker getreten … Und das um fünf vor knapp.

Rohrspatzeritis

Genauso knapp sind meine Nerven mittlerweile vorm Bersten. Meist schafft er es jetzt mit einer Kleinigkeit, das Fass zum Überlaufen zu bringen. Am besten wir geben noch eine Prise Schmerzen hinzu: den sicheren Griff quer durch die Frisur beim Anziehen zum Beispiel? Oder einen Vollkaracho-Sprung vom Hockerchen in die Eingeweide? Dann bricht sie los, die Rohrspatzeritis: „Muss es denn jeden Tag so ablaufen?“ „Kannst Du nicht einmal …“ „Jetzt wird’s aber echt Zeit!“ Dabei versuche ich wirklich, wirklich mich zusammenzureißen. Es bringt ja auch nichts, sondern macht die Situation im Regelfall nur noch schlimmer. Also einfach tief durchatmen. Irgendwie haben wir es trotzdem noch immer einigermaßen pünktlich zur Kita geschafft.

Irgendwas ist immer

Eines ist sicher: Ganz ähnlich wird es heute Abend beim Zu-Bett-Gehen ablaufen. Mal sehen, vielleicht fangen wir wieder eine halbe Stunde früher an. Ganz relaxed. Dieser Teufelskreis muss doch zu durchbrechen sein. Aber meistens ist dann doch irgendwas: Vielleicht ist der werte Herr einfach nur nicht als Erster im Bett und stellt deswegen das Einschlaf-Ritual komplett auf den Kopf, indem er gefühlte tausend Mal wieder aus dem Zimmer trappelt. Natürlich nicht ohne seinen schlafenden Bruder zu wecken. Wir schaukeln uns schon irgendwie hoch. Irgendwas ist immer und schon höre ich mich wieder meckern … Dann sind die beiden eingeschlafen und schlummern selig vor sich hin. Und mir wird bewusst: Das sind die wunderbarsten Kinder der Welt, und ich sollte endlich weniger schimpfen. Naja, zumindest bis morgen das Chaos wieder seinen Lauf nimmt …

"Ich will doch gar nicht schimpfen …" pin

Wie macht die Kuh? Muh. Wie macht der Hahn? Kikeriki. Und wie macht die Mama? Mecker mecker.

MeinSpatz Gezwitscher

Morgens geht es bei den meisten Familien stressig zu. Rituale und ein klarer Ablauf helfen: Aufstehen, Frühstücken, Zähneputzen, los! Auch ein Zahnputzlied kann Wunder wirken. Die Kleidung des Kindes schon am Abend vorher bereitzulegen, spart ebenfalls Zeit. Am besten zusammen mit dem modebewussten Kleinkind, dann hast du die morgendliche Diskussion im Keim erstickt.