Ist mein Kind das Schlimmste?

MITTWOCH, 25.07.2018 Andrea Huber

Wutanfälle, wildes Toben, gegenseitiges Hauen – täglich kämpfte ich mit meinen zwei schlimmen Rabauken. Bis zwei Worte meine Welt veränderten.

"Du Arme!" Die Worte einer Kindergartenmama trafen mich wie ein Schlag. Wir standen in der Garderobe vor der Gruppe, zogen gerade die Hausschuhe an. Mein Jüngerer schleuderte die Sandalen von seinen Füßen, drehte sich zwei Mal im Kreis und lachte aus tiefster Seele. Ein herrliches, fröhliches Guten-Morgen-Welt-Kinderlachen! Und ja, ich wollte, dass er schnell macht, es ordentlich macht. Immerhin wartet die S-Bahn nicht und der große Bruder begann am anderen Ende des Ganges mit ähnlich viel Quatsch. Dann plötzlich dieser mitleidsvolle Blick, begleitet von einem dezent schockierten Lächeln – "Du Arme!". Ähm, Moment mal!!!!!!

Wir fallen immer auf – nicht immer positiv

Ich bin es ja gewohnt, dass wir mit diesem Blick angesehen werden: Je nachdem was meine Jungs gerade angestellt haben, ist er geprägt von Mitleid, Ärger oder Unverständnis, wie ich es als Mutter nur so weit kommen lassen kann. Leider bin ich weder selbstbewusst noch schlagfertig genug – ein guter Konter fällt mir nie ein. Meistens ist es mir peinlich und unangenehm, und ich höre schon wie ich mich entschuldige, obwohl ich eigentlich sagen will: "Na und? Keine anderen Probleme als meine Kinder?" Zugegeben, es kommt nicht von ungefähr. Verglichen mit anderen Kindern, sind meine laut, wild und manchmal unberechenbar. Eine halbe Stunde am Tisch sitzen, basteln und malen? Fehlanzeige. Bei plötzlich aufsteigender Wut nachgeben statt zuzuhauen? Leider nein. Langsam durch den Supermarkt gehen, anstatt durch die Regale zu flitzen und sich gegenseitig über den dreckigen Boden zu ziehen? Ja – das wäre schön.

Wie machen die anderen Mamas das?

Sehe ich andere Eltern mit ihren Knirpsen im Restaurant sitzen, frage ich mich, wie in aller Welt sie das geschafft haben. Nun ja, vielleicht haben sie nicht zwei Jungs im Abstand von 15 Monaten bekommen. Andererseits kenne ich genug andere Jungsmamas, deren Stöpsel lange nicht so überdreht sind wie meine. Als eine Freundin meinte, dass weder ich noch mein Mann ruhige Persönlichkeiten wären, und wir auch heute noch auf Partys richtig Gas geben, traf sie zwar einen guten Punkt – aber so richtig fein ging es mir damit irgendwie noch nicht. Ich war immer dabei, mich für meine Kinder zu entschuldigen, ihr Verhalten irgendwie zu erklären oder zu rechtfertigen. Ich wünschte mir, dass auch die anderen Menschen um mich herum, in der Nachbarschaft, in der S-Bahn oder im Kindergarten sehen könnten, wie wunderbar meine Jungs sind, wenn sie nicht gerade … ja, wenn sie eben einfach nicht immer die schlimmsten Kinder von allen wären.

Das war mein Fehler

Und dabei habe ich den bislang größten Fehler meines Lebens gemacht. Ich stand nicht hinter meinen Kindern. Ich wollte sie verändern, sie angepasster machen, akzeptierter und in der Gesellschaft gern gesehen. Mein halbes Erwachsenenleben schon ärgere ich mich über Menschen, die andere verbiegen wollen. Nur damit diese ins Schema F passen und ja nicht auffallen. Und plötzlich ertappe ich mich dabei, genau das Gleiche zu tun? Damit meine ich nicht, dass ich jetzt plötzlich jeden Blödsinn gut finde, den die beiden aushecken. Oder dass ich einfach nur zusehe, wenn mein Großer wieder mal zuhaut. Nein, ich kläre es an Ort und Stelle und wir reden viel. Ich sehe kleine Erfolge, viele Rückschläge und einen Weg, der wohl noch lange nicht zu Ende ist. Sie brauchen mich. Ich muss ihnen helfen, die beste Version ihrer Selbst zu werden. Aber ich darf sie nicht zu jemandem machen, der sie nicht sind. Und deswegen darf und will ich mich nicht mehr für ihr Wesen entschuldigen. Ich forme, ich erziehe, ich helfe und zeige ihnen, wie es richtig geht. Und ich stehe mit meiner ganzen Liebe hinter ihnen. "Du Arme" - Diese zwei Worte machten mir unvermittelt klar, was schief lief.

Jetzt ist Schluss mit den Entschuldigungen

Ich bin die Mutter mit den lauten Jungs. Ich bin die Mutter mit den wilden Jungs. Wir sind weder zu überhören, noch zu übersehen. Und ja, ich bin auch die Mutter der Jungs, von denen einer manchmal so wütend wird, dass er zu zittern beginnt. Ich bin die Mutter von dem einen Kind, das sich nicht kontrollieren kann, ab und zu andere Kinder haut, nahezu keine Frustrationstoleranz besitzt und seine Impulse nur selten im Griff hat. Ich bin die Mutter von dem anderen Kind, das sich abends dazu entschließt, stundenlang dramatisch zu heulen, weil ich so eine gemeine Mama bin, obwohl ich den ganzen Tag mit ihm gespielt habe. Ich bin müde, ausgelaugt, genervt, manchmal frustriert und oft am Ende mit meinem Latein. Aber ich bin NICHT "Du Arme". Klar sind meine Kinder anstrengend! Aber sie sind gesund, sie haben Selbstvertrauen, sind mutig und kreativ, haben einen tollen Wortschatz und unglaublich viel Phantasie. Sie kuscheln wie die Weltmeister mit ihrem Papa und mir, verteilen dicke Küsse, sind liebevoll und herrlich witzig, klettern wie kleine Äffchen und leben als unglaublich offene und fröhliche kleine Persönlichkeiten. Ich bin nicht arm. Ich bin reich. Und ich bin glücklich. Meine Jungs? Die sind frech, frei, wild, laut, motzig. Und ganz und gar wunderbar!

Mein Kleinkind ist ein Rabauke pin

Unsere Autorin hat zwei sehr aufgeweckte und selbstbewusste Jungs. Leider eckt sie damit in unserer Gesellschaft regelmäßig an.

MeinSpatz Gezwitscher

Du hast auch einen kleinen Rabauken zuhause? Weißt manchmal vielleicht gar nicht, wie du dir (und ihm) helfen kannst? Vielleicht hält ja unser Artikel "Dein Kind terrorisiert dich? So findest du Hilfe" den einen oder anderen guten Ratschlag bereit. Oder vielleicht hilft dir auch dieses Zitat von Astrid Lindgren dabei, deinen Spatz in einem ganz anderen Licht zu sehen.

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.