Kind und Karriere? So mache ich das

MONTAG, 25.02.2019 Andrea Huber

Ich war mehr als vier Jahre in Elternzeit. Als ich wieder zurückkam hatte sich alles verändert. Und ich musste bei Null anfangen.

Alles neu machte die Elternzeit - zumindest bei mir: Lieb gewonnene Kollegen waren weg, überall neue Gesichter, die ich nicht kannte. Bevor ich im fünften Monat wegen Vorwehen in den vorgezogenen Mutterschutz ging, hatte ich mir über die Jahre hinweg einen recht guten Stand erarbeitet. Ich leitete ein kleines Team, meine Kollegen schätzten mich als kompetent und hilfsbereit und kamen mit Fragen gerne zu mir. Mein Job machte mir Spaß, war abwechslungsreich und viele meiner Mitstreiter waren gute Freunde geworden. Nach zwei Kindern und vier Umzügen freute ich mich sehr darauf, ins Arbeitsleben zurückzukehren. Endlich war ICH wieder dran. Ich kaufte mir ein paar neue Klamotten, die nicht nur praktisch sondern auch stylisch waren und freute mich auf meine neue Freiheit – 20 Stunden pro Woche ohne Kind aufs Klo.

Plötzlich bin ich wieder die Neue

Mein erster Tag und ich hatte das Gefühl wieder bei Null anzufangen. Ich kannte die neuen Projekte nicht, musste mir wieder neue Skills aneignen, saß die ersten Wochen völlig planlos in den Meetings und keiner von den jungen Hasen wusste wer ich war. Puh. Und obwohl ich mich täglich auf meine Arbeit freute, fand ich es doch anstrengend nach zehn Jahren in meiner Firma wieder die "Neue" zu sein. Außerdem tat ich mir schwer mit Kommentaren kinderloser Kollegen: "Ach du gehst schon heim" oder "Oh toll, du hast schon Feierabend und kannst noch den ganzen Nachmittag genießen". Hmmm ja, genau. Natürlich genieße ich es, meine Kinder um mich zu haben. Aber zwei kleine Windel-Rocker im Abstand von 15 Monaten über Stunden in Schach bzw. bei Laune zu halten ist jetzt auch nicht gerade Entspannung auf ganzer Linie.

Wir brauchen mehr Geld

Nach ein paar Monaten stellten mein Mann und ich fest, dass es finanziell ganz schön eng wurde. Immerhin bezahlen wir für unsere Zwerge über 600 Euro Kitagebühr. Also stockte ich auf 28 Stunden auf - zu schaffen. Aber nur, weil ich lernte im Haushalt alles liegen zu lassen. Mein Tag ist quasi auf die Minute getaktet. Wenn die S-Bahn zu spät kommt, hänge ich in der Arbeit hinterher. Denn die Kinder müssen rechtzeitig abgeholt werden. Ich bringe sie morgens zur Kita, hetze in die Arbeit, hetze zurück und versuche mich dann turbozuentspannen, damit meine Kleinen zuhause eine spaßige Mami um sich herum haben. Klappt leider nur an der Hälfte der Tage. Wobei ich sagen muss, dass ich keine von den Mamis bin, die wegen der Arbeit ein schlechtes Gewissen hat. Meine Jungs gehen total gern in den Kindergarten und sind beim Bringen und beim Holen immer happy. Nachmittags und an den Wochenenden nehme ich mir Zeit für sie. Ich sehe da wirklich keinen Nachteil für die Racker.

Kind und Karriere? Bei mir schwierig

Mittlerweile bin ich in meinem Job wieder gut angekommen. Würde ich meine Kinder länger in der Kita lassen, könnte ich mehr arbeiten, mehr verdienen. Ich könnte vielleicht mehr Verantwortung übernehmen. Denn da, wo ich mal war - auch finanziell - bin ich noch lange nicht. Ich glaube meine Kollegen schätzen mich und ich denke ich mache meinen Job ganz gut. Aber Karriere? Die könnte ich nur machen, wenn wir unser Familienmodell um 180 Grad drehen würden. Wenn mein Mann Teilzeit arbeiten und sich nachmittags um Familie, Haushalt und Kinder kümmern würde. Oder wenn ich die Betreuung meiner Jungs verlängern würde. Beides kommt nicht in Frage. Mein Mann ist ein wunderbarer Papa, aber leider nicht sehr Stress resistent. Und seinen Job kann er weder von zuhause machen, noch schafft er es zeitlich, die Kinder in die Kita zu bringen oder abzuholen. Also entscheide ich mich – zumindest im Moment – bewusst für so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern und gegen Karriere. Beides zusammen? Bei mir geht das nicht. Interessante und besser bezahlte Jobangebote muss ich ablehnen, da sie mit den Betreuungszeiten nicht vereinbar sind oder es keine Option auf Homeoffice gibt. 

Ohne Mama-Netzwerk würde es nicht gehen

Im Großen und Ganzen habe ich Glück und einen wirklich flexiblen Arbeitgeber: Sind die Zwerge krank oder hat die Kita geschlossen, kann ich im Homeoffice arbeiten. Das ist zwar viel anstrengender als im Büro, denn die Kiddies brauchen ständig irgendetwas, aber immerhin bin ich zuhause und kann trotzdem meinen Job weitermachen. Die Großeltern wohnen knapp 90 Kilometer entfernt, andere Verwandte sind nicht vor Ort. Ich frage mich immer wieder, wie andere Mamas das schaffen, die nicht einfach spontan unter der Woche auf das Homeoffice umsteigen können. Zum großen Glück, habe ich auch noch ein paar ganz tolle Mamas aus der Kita gefunden. Wir helfen uns untereinander so gut wir können, nehmen gegenseitig die Kinder aus der Kita mit nach Hause oder passen nachmittags auf die Kinder der anderen auf. Ohne die Mädels wäre ich oft aufgeschmissen, wenn ich eben doch mal ein Meeting habe, das ich nicht verpassen kann. Dieses Mami-Netzwerk ist einfach Gold wert – auch wenn wir abends mal einen Prosecco und jemanden zum Auskotzen brauchen.

Meine Karriere ist meine Familie!

Ich habe in meinem Freundeskreis auch Mamas, die sehr wohl Karriere machen und dafür 40 oder sogar 50 Stunden in der Woche arbeiten gehen. Dafür können sie weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen. Ich kenne aber niemanden, der beides vereinen kann, also Karriere und Kind zu gleichen Teilen. Zumindest nicht, wenn die Pupsies noch im Kita- oder Grundschulalter sind. Mütter müssen diese Entscheidung für sich treffen. Dabei gibt es kein richtig oder falsch. Für mich war klar, dass ich lieber mehr Zeit mit meinen Kindern möchte. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht ab und an damit hadere, eben nicht die gleichen Chancen und Möglichkeiten zu haben. Andererseits … Was bedeutet Karriere eigentlich? Erfolgreich zu sein, in dem was man tut und dafür eine ausgleichende Anerkennung zu bekommen. Im Job sind das Position und Geld. In meiner Karriere als Mama sind das Qualitytime mit meinen Kindern und dieses gute Gefühl, wenn ich mich abends zum Einschlafen neben sie kuschele.

Sicher haben andere Mamas ganz andere Erfahrungen gemacht und vielleicht lassen sich Karriere und Kinder ja doch gut kombinieren, wenn die Rahmenbedingungen passen. Wenn etwa die Betreuung durchgängig gegeben ist, wenn Familie vor Ort unterstützen kann, wenn Mama und Papa sich Betreuung der Kinder 50/50 teilen, wenn der Arbeitgeber flexibel auf Kinderkrankheiten und Co. reagieren kann und wenn es finanziell passt – denn eine gute Rundumbetreuung muss man sich, zumindest hier in Bayern, auch erstmal leisten können.

Es ist meine Entscheidung!

Mein Jungs sind jetzt 4 und 5 Jahre alt. Ich merke, wie es mich immer mehr ärgert, beruflich zurückzustecken. Da wächst etwas in mir. Ein Gefühl von "Jetzt bin ich aber auch wieder mal dran!" Es ist noch ganz zart, kaum spürbar und hält sich dezent im Hintergrund. Aber es will gehört werden und geht auch nicht mehr weg. Mir ist klar, dass ich meine berufliche Laufbahn noch eine ganze Zeit lang nach den Bedürfnissen meiner Kinder richten möchte. Ich weiß aber auch, dass ich in ein paar Jahren wieder mehr Gas geben und mein Potential nicht verschwenden will. Bald werden meine Kinder nicht mehr mit mir spielen wollen, sondern mit ihren Freunden. Bis dahin gebe ich eben nicht Vollgas im Job, aber ich achte darauf, meine Kontakte nicht zu verlieren, mich fortzubilden und bei dem, was mich beruflich angeht, am Ball zu bleiben. Ich glaube, dass ich so Kinder und Karriere vereinbaren kann – etwas zeitversetzt und eben auf meine Weise. Denn erfolgreich zu sein bedeutet auch, selbst zu bestimmen was, wann und wo!

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Kind und Beruf sind keinesfalls so einfach zu vereinbaren, wie es oft rüberkommt. Findet zumindest unsere Autorin Andrea. Sie erzählt, wie das bei ihr so abläuft.

MeinSpatz Gezwitscher

Die Psychologin und Buchautorin Martina Lackner vertritt die Meinung, dass jede Mutter auch Karriere machen kann, wenn sie nur will. Sie findet, dass Frauen sich einfach trauen müssen, sich aber viel zu schnell selbst aufgeben oder hinter Schuldgefühlen und Pflichtbewusstsein verstecken. Ihren kontroversen und sehr spannenden Artikel darüber findest du hier. 

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.