Warum der Kinderspielplatz Fluch und Segen zugleich ist

SONNTAG, 01.09.2019 Tina

Es gibt einen Ort, den man als Mutter gleichermaßen liebt und verflucht: Den Kinderspielplatz. Er macht Restaurantbesuche und Ausflüge sehr viel leichter, allerdings kann ich mir spaßigeres vorstellen, als einen sonnigen Nachmittag Mini-Konflikte austragend im Sandkasten zu verbringen …

Mit Spielplätzen ist es wie mit Wickelräumen und scharfkantigen Gegenständen in Hüfthöhe: Sie rücken erst ins Sichtfeld wenn man Mutter wird.  Früher war es mir egal, wie viele Spielplätze in Laufnähe unserer Wohnung sind oder ob mein Lieblingsbiergarten Schaukel und Rutsche anbietet. Heute ist die Info "Spielplatz" ein wichtiges Kriterium für die Auswahl einer Location. Ich finde, Tripadvisor sollte eine Klettergerüst-Filtermöglichkeit anbieten, denn "Familien-Restaurant" bedeutet häufig "Wir haben hier ein paar alte ungespitzte Buntstifte die ihr Kind für ca. 30 Sekunden beschäftigen" und selten, dass man in Ruhe den Schweinebraten genießen kann, weil das Kind in Sichtweite zum 80sten Mal die Rutsche erklimmt.

Bloß nicht aufs Handy schauen

Davon abgesehen, dass ein Spielplatz wirklich eine nützliche Einrichtung ist, wenn man Erwachsenen-Dinge zu tun hat (Essen, Wein trinken, mit der besten Freundin lästern), einen ganzen Nachmittag ohne Ablenkung dort zu verbringen gehört in die Kategorie "Eltern-Pflicht". Außerdem muss ich mit dem Kind ja an die frische Luft, sonst wächst es nicht richtig. Dann packe ich also seufzend die Tasche mit Sandspielzeug, Ball, Wechselklamotten, Wasserflasche, Süßigkeiten und einem Schüsselchen Apfelschnitten und Gurkenscheiben, die ich ungeöffnet wieder mit nach Hause nehmen werde. Furchtbar gerne würde ich ein Buch mitnehmen, aber ich weiß, dass ich es nicht öffnen werde. Einerseits, weil meine Tochter Matilda alle zwei Minuten "MAMAAA" ruft, andererseits weil ich mich natürlich auch mit meinem Kind beschäftigen möchte, wenn ich Zeit mit ihm verbringe. Und dann ist da noch dieses schreckliche YouTube Video. Das, in dem Joey Salads in Absprache mit der Mutter ihren Sohn, der mit dem Papa allein auf dem Spielplatz ist, vor seinen Augen entführt, weil der die ganze Zeit mit seinem Handy spielt. 200 Millionen andere haben das auch gesehen. Deswegen sitzen jetzt Mütter und Väter weltweit auf den Bänken am Spielplatz, starren auf ihre Kinder und trauen sich nicht zu blinzeln. Ist natürlich grundsätzlich gut, trägt aber nicht dazu bei, das Helikoptern zu verringern. 

Hilfe, Konflikte überall

Ich fühle mich auf dem Spielplatz oft unwohl. Das liegt nicht daran, dass ich dauernd "Bravo, toll gemacht" rufen muss, wenn Matilda irgendwo hochgeklettert und lautstark Lob einfordert, als wäre es der Mount Everest. Auch nicht daran, dass ich am Ende meines Lebens vor Gott stehen werde, der mir lächelnd verkündet: "So so, laut meiner Liste der Aktivitäten, mit denen Sie ihre Zeit auf Erden verbracht haben, folgt nach Schlafen und Essen gleich das Schaukel anschubsen".  Nein, es sind die kleinen Machtspielchen und Konfliktsituationen, die mir ein flaues Gefühl verursachen. Ich bin ein friedliebender Mensch. Ich möchte am liebsten, dass sich alle vertragen.

Dazu kommt, dass ich zwar in den meisten  Bereichen meines Lebens eine sehr selbstbewusste Frau bin, das Thema "Mutter sein und Erziehung" aber leider nicht dazu gehört. Wenn Matilda quengelt und unbedingt eine Süßigkeit will, verteile ich kleine Gummibärchentüten. Wenn dann eine Mutter dazwischen ruft: "Bitte nicht Torben-Hendrick, der bekommt nur meine selbstgebackenen Quinoa-Dinkel-Bällchen", dann verdrehe ich zwar innerlich die Augen, aber trotzdem setzt das schlechte Gewissen ein. Und wenn Matilda sich nicht traut, alleine die Kletterwand hochzuhangeln und die Mutter des jüngeren Mädchens, das sie gerade überholt, mich hinterlistig fragt, wie alt Matilda ist, dann spring ich ihr zwar in Gedanken an die Kehle, vergleiche aber trotzdem insgeheim Größe, Gewicht, Sprachbegabung und Sympathiefaktor.

Oder folgende Situation: Meine Tochter spielt friedlich im Sandkasten, bis ein gemeiner Junge vorbeikommt, ihr das Schäufelchen aus der Hand reißt und wegrennt. Lautstark ertönt ein "MAMAAAAA" und Matilda wendet sich hilfesuchend an mich. Mir bricht der Schweiß aus und ich versuche, in Sekundenbruchteilen alle Informationen abzurufen, die in meinem Gehirn zu diesem Thema gespeichert sind: "Kinder müssen Konflikte selber lösen, nicht einschreiten". Oder eher "Ihr Kind muss wissen, dass sie auf seiner Seite sind. Unterstützen sie es in Konfliktsituationen". Oder trifft hier die Variante "Teilen lernen" zu und ich muss Matilda sagen, dass auch andere mit ihrem Spielzeug spielen dürfen? Aber erziehe ich sie dann nicht zu einem Weichei und sie lernt nicht, sich durchzusetzen? Ich gehe jetzt hin und sag ihr, sie soll dem Jungen hinterherrennen, ihn umschubsen und sich die Schaufel wieder zurückholen. So erzieht man selbstbewusste junge Frauen! Zack, Sprung in die Zukunft, Matildas psychologischer Betreuer in der JVA erklärt: "Kein Wunder, dass ihre Tochter auffällig geworden ist. Sie haben sie zur Gewaltbereitschaft erzogen".

Das klingt jetzt furchtbar neurotisch. Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht. Je älter Matilda wird, desto besser kann sie sich auf dem Spielplatz alleine beschäftigen bzw. ruft nicht mehr nach mir, wenn irgendwas nicht so läuft, wie sie es sich vorstellt. Das heißt, mittlerweile langweile ich mich ein bisschen, zumal ich ja weder Handy noch Buch auspacken kann, siehe oben. Wusstet ihr schon, dass der Spielplatz bei uns um die Ecke sechs Bänke mit jeweils acht Holzlatten hat und das Klettergerüst 137 Verbindungsknoten?

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Auf Platz 1 unserer Freizeitgestaltung: Ein Besuch auf dem Kinderspielplatz. Da gibt es Schaukeln, Rutschen und jede Menge Konfliktpotenzial, wie schön. 

Gezwitscher

Apropos Handy auf dem Spielplatz: 2016 hat eine Studie aus Österreich festgestellt, dass sich seit den Anfängen der Smartphone-Ära im Jahr 2008 bis zum Jahr 2015 die Zahl der Unfälle auf Spielplätzen von Kindern unter fünf Jahren mehr als verdreifacht hat. Wahrscheinlich seien die Eltern unaufmerksamer. Und eine Studie aus den USA zeigt, dass Kinder sich risikoreicher verhalten, wenn die Bezugsperson abgelenkt ist. Also vielleicht wirklich mal für ne Stunde nicht Candy Crush spielen.

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.