Mama übt noch: Darf mir mein eigenes Kind peinlich sein?

DONNERSTAG, 25.10.2018 Patricia Renoth

Unsere Kolumnistin Patricia Renoth hätte nie gedacht, dass ihr das eigene Kleinkind einmal peinlich sein würde. Doch dann kam Tag X.

Bevor ich selbst ein Kind hatte, habe ich mir immer gedacht, dass einem ein Kleinkind nicht peinlich sein sollte. Schließlich ist es noch klein. Es weiß oft noch nicht genau was es tut, kann sich noch nicht richtig äußern. Verdreht manches. Oder sieht es etwas verzerrt, aus seiner ganz eigenen Realität heraus. Doch dann kam der Tag X, an dem sich meine Meinung schlagartig änderte. Aber dazu später mehr.

Kinder plappern wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, na und?

Ich habe immer geschmunzelt, wenn ein Kind frei von der Leber weg einen Ist-Zustand kommentiert hat. Z. B. sagte in der Bahn einmal ein kleiner Junge lautstark und ganz unverblümt zu seiner Mutter  „Mama, meine Ohren sind ganz dreckig. Du musst mich mal wieder waschen!“

Der Frau war diese Aussage sichtlich unangenehm. Sie ist richtig rot geworden. Aber ich fand, es gab keinen Grund peinlich berührt zu sein. Ein Kind plappert nun mal einfach drauflos. Und ich habe deshalb nicht gleich gedacht „Oh weia, die wäscht ihren Sohn nicht.“ Kinder haben ja auch ein ganz anderes Zeitempfinden bzw. noch fast gar keines. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die so etwas zu ernst nehmen. Eine Freundin erzählte mir Letzens, dass in einem Wartezimmer eine ältere Dame mit lilafarbenen Haaren von einem Jungen beschrieben wurde mit: „Die hat aber komische Haare.“ Sie fand das gar nicht lustig. Hat sich sogar gekränkt gefühlt und gemeint, der Kleine wäre unhöflich. Für mich ist das absoluter Quatsch. Das hat auf der einen Seite vielleicht etwas mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun. Denn wenn die Dame mit ihren Haaren absolut glücklich und zufrieden gewesen wäre, dann hätte der Kommentar von einem Kleinkind sie wohl kaum so aus der Fassung gebracht.

Zuerst lernen Kleinkinder Empathie und dann erst Höflichkeit

Und auf der anderen Seite hat sie auch recht, das war nicht die feine englische Art. Aber Kinder müssen in diesem Alter viele wichtige Dinge erst lernen, wie z. B. Empathie, die nicht angeboren ist. Und die wiederum bedingt ja irgendwie auch die Höflichkeit. Denn nur wenn ich mich in Andere hineinversetze und mitfühle, verstehe ich auch wirklich was es bedeutet höflich zu sein. Also kann ich von so einem kleinen Menschen noch nicht erwarten, dass er den Knigge beherrscht. Weil er ja gar nicht versteht, was das soll. Naja, das verstehe ich ehrlich gesagt manchmal auch nicht. Außerdem predigen wir unserem Nachwuchs immer ehrlich zu sein. Dass man in einem Miteinander die ehrliche Meinung aber nicht immer gleich herausposaunt, das ist dann erst der nächste Schritt. Solange es nur eine Feststellung und keine Beschimpfung ist, finde ich das völlig in Ordnung.

Unbedarftheit und Neugierde ist doch etwas Positives

Einmal sagte ein etwa 2,5-jähriges Mädchen ganz irritiert zu mir „Du hast da Farbe auf der Lippe.“. „Ja, das ist Lippenstift.“. „Warum hast du da Lippenstift?“. Und meine Antwort war ganz einfach: „Weil es mir Spaß macht.“ Die Erklärung klang für die Kleine völlig logisch und das Thema damit gegessen. Es liegt für mich also ganz oft an der Reaktion der Erwachsenen, wie sie mit der Offenheit der Kinder umgehen. Diese Neugierde und die Unbedarftheit sollte man lieber als etwas Positives und Erfrischendes wahrnehmen. Wir Erwachsene sind oft so von unseren Konventionen eingeengt, dass ein ehrliches Wort manchmal gar nicht schadet.

„Der Mann da hat einen dicken Bauch“

Selbst Mama geworden, kam ich dann natürlich auch in eine solche Situation. Im Supermarkt verkündete meine Tochter ganz laut, dass „der Mann da“ einen dicken Bauch hat. Und tatsächlich war mir das nicht peinlich. Ich musste sogar ein bisschen grinsen. Der Mann hat das Gehörte einfach ignoriert. Und ich ignorierte die Blicke der Umstehenden. Mein Kommentar: „Jeder Mensch sieht anders aus. Es gibt kleine und große Menschen und ganz dünne und auch etwas dickere Menschen. Und Menschen mit blauen und welche mit braunen Augen. Wir sind alle verschieden.“. Insgeheim war ich auch ein bisschen stolz auf mich, die Situation so souverän gemeistert zu haben. Ich dachte wirklich, mein Kleinkind könnte mir in seiner Naivität nicht peinlich sein. Weit gefehlt. Denn es kam, wie es kommen musste. Ich wurde ganz schnell runtergeholt von meinem hohen Ross. An Tag X.

Am liebsten würde ich im Boden versinken

Meine 3-jährige Tochter und ich waren auf einem Playdate. Während die Mama und ich uns im Wohnzimmer bei Kaffee und Kuchen unterhielten, spielten die Kinder friedlich neben uns. Irgendwann wollten sie dann aber gerne nach oben ins Kinderzimmer gehen. Kein Problem, die beiden waren schließlich alt genug, sich ein bisschen selbst zu beschäftigen. Dachten wir. Und freuten uns noch, dass wir nicht wie bei vielen anderen Treffen davor, sofort hinterher mussten. Ich fragte meinen Sprössling noch mal, ob er aufs Klo müsse. Die Windel war erst seit ein paar Wochen Geschichte und das ein oder andere Malheur passierte schon noch. Mit dem „Nein“ konnte ich aber gut leben, da wir erst vor einer halben Stunde zusammen auf der Toilette waren. Die Kleinen flitzten also die Treppe hoch. Und schon nahm das Schicksal seinen Lauf. Wir hörten immer mal wieder ganz normale Spielgeräusche und wiegten uns in Sicherheit. Bis die Tochter meiner Bekannten mit cremeverschmierten Haaren neben uns stand und meinte, dass ein Unfall passiert sei. Pah, wenn es nur EIN Unfall gewesen wäre. Böses ahnend, sprinteten wir also die Treppe hoch. Die Schlafzimmertür war offen. Und auf dem Ehebett stand meine Tochter, mit weißer Creme in den Haaren und in einer Lache aus Pipi. Naja, Lache stimmt nicht ganz. Der Urin war natürlich schon eingezogen und hatte sich einen Weg in die Matratze gebahnt. Aber das war noch nicht alles. Sowohl die Fensterscheiben, als auch der Spiegel und das IPad hatten unsere Rabauken mit Hautcreme beschmiert. Und das war der Moment, indem ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. Oder gesagt hätte, „Meine Tochter? Nein, das kann nicht sein. Die macht so was nicht. Die muss ich heute Morgen versehentlich vertauscht haben.“ Und das war auch der Moment, in dem ich meine Meinung, dass einem ein Kleinkind einem niemals peinlich sein sollte, revidierte.

Während ich beide Mädels erst mal in die Badewanne steckte und sich die andere Mama um das Chaos im Schlafzimmer kümmerte, ließ dieses peinliche Gefühl immer noch nicht nach. Dass in dem Alter noch was danebengeht und meine Tochter beim Spielen nicht rechtzeitig mitbekommen hat, dass sie zur Toilette muss, ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist es aber, dass das auf dem Ehebett von anderen Leuten passiert ist, die keine Matratzenschoner haben. Und der Creme-Vorfall grenzt ja schon fast an Sachbeschädigung. Bei der Neuigkeit, dass der Tablet-PC gerettet werden konnte, fiel mir schon mal ein Stein vom Herzen. Und meine Bekannte und ihr Mann (der in diesem Moment nach Hause kam) reagierten wirklich sehr entspannt auf die ganze Nummer. Ich bot sofort an, den Schaden mit den Matratzen (ja, beide waren betroffen) unserer Haftpflichtversicherung zu melden. Aber es stellte sich im Nachhinein heraus, dass es nur die Bezüge erwischt hatte und die waschbar waren. Aber nicht trocknergeeignet. Und so verbrachte die Familie die Nacht auf der Couch.

Ja, das eigene Kind darf mir peinlich sein

Jetzt verstehe ich also viel besser, dass man ganz unverhofft in eine Situation kommen kann, wo einem das eigene Kind peinlich ist. Und „peinlich“ bedeutet in diesem Fall ja nicht unbedingt „beschämend“. Das ist vielleicht zu hoch gegriffen. Aber ein Gefühl der Verlegenheit und des deutlichen Unbehagens habe ich auf jeden Fall verspürt. Und ich denke auch, dass das als Mama völlig in Ordnung ist. Man versucht das Kind zu erziehen und ihm Werte mitzugeben. Aber all das dauert viele Jahre. Und letztendlich ist der Nachwuchs eine ganz eigene Persönlichkeit. Mit ganz eigenem Willen. Und das ist gut so. Aber genau deshalb muss ich nicht alles, was meine Tochter tut oder sagt auf mich beziehen oder auf mich zurückführen. Unangenehm darf es mir trotzdem sein. Sehr unangenehm. Mama übt noch.

Dieses Gefühl, wenn man am liebsten wegen dem eigenen Kind im Erdboden versinken würde, kennt unsere Kolumnistin jetzt auch.

MeinSpatz Gezwitscher

Ich denke, irgendwann wird sich die Sachlage umkehren. Denn spätestens in der Pubertät bin dann ich meiner Tochter peinlich und nicht mehr umgekehrt. Man könnte jetzt sagen, dass das ausgleichende Gerechtigkeit ist. Aber ganz ehrlich – mir graut mir vor diesem weiteren Tag X. Und deshalb genieße ich die Zeit jetzt umso bewusster. Mit allen ihren peinlichen Momenten.