Mama übt noch: Warum ich beschloss, eine Rabenmutter zu sein

DONNERSTAG, 05.07.2018

Unsere Kolumnistin Patricia Renoth sagt dem Mama-Perfektionismus den Kampf an. Ring frei für Tiefkühlpizza und fleckige Wäsche.

Schon in der Schwangerschaft kündigt er sich an, der Mama-Perfektionswahn. Man will alles richtig machen. Gesunde Ernährung. Viel Bewegung. Bloß keine Vorsorgeuntersuchung verpassen. Und wenn das Baby dann da ist, steigert sich das noch mal. So war es zumindest bei mir. Ich wurde in eine völlig neue Situation geschleudert, quasi von 0 auf 100. Und auch wenn viele das vielleicht denken: Nein, man weiß nicht plötzlich ab Geburt des Kindes wie alles funktioniert. Natürlich hat man einen Instinkt. Aber auch der sagt einem nicht immer was zu tun ist, wenn der Säugling plötzlich Fieber bekommt oder gar nicht mehr aufhören will zu schreien, obwohl man schon alles versucht hat. Ich holte mir also Ratschläge und Experten-Meinungen und vertraute natürlich auch auf mein Bauchgefühl. Die Zeit verging, alles pendelte sich ein. Das Baby wurde zum Kleinkind. Ich fing wieder an zu arbeiten. Was mich aber nie losgelassen hat, ist dieser Druck immer alles richtig zu machen. Ich will ja schließlich, dass es meinem Spatz gut geht und aus ihm mal ein toller Mensch mit rosigen Zukunftsaussichten wird. Ich möchte aber auch einen guten Job machen und die Beziehung zu meinem Mann nicht vernachlässigen. Und den Haushalt will ich auch gerne so haben, wie vor dem Kind – sauber und aufgeräumt. Und eine tolle Gastgeberin möchte ich ebenfalls weiterhin sein, damit sich alle bei uns zu Hause wohlfühlen. Ach ja, und ich selbst bin eigentlich auch noch da. Mit meinen ganz eigenen Bedürfnissen.

Ich brauchen den Erwartungen der anderen nicht zu genügen

Dieser Mama-Perfektionswahn hat mich irgendwie total überfahren. Da spielen natürlich auch die (Sozialen) Medien eine Rolle, in denen einem vorgegaukelt wird, dass es nur perfekte Mamas mit perfekten Kindern und perfekt aufgeräumten Kinderzimmern gibt. Und dann ist da natürlich auch noch die Gesellschaft, die einem gerne auch mal vorschreibt, was man als Mama so zu tun und zu lassen hat. Auf jeden Fall natürlich gebären, aber bloß keine PDA. Unbedingt stillen, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit. Am besten wieder arbeiten, aber bloß nicht zu früh und um Himmels Willen nicht zu viel. Da ist es wirklich schwer den Überblick zu behalten. Und es ist auch wirklich schwachsinnig, denn für jede Familie ist eben etwas anderes richtig. Und deshalb habe ich beschlossen eine Rabenmutter zu sein. Einfach so. Denn ich bin ihn leid, diesen überkandidelten Mama-Perfektionismus. Ich habe Schluss gemacht. Damit, den Erwartungen der anderen zu genügen.

Mamas sind leider häufig intolerant

Auch den Erwartungen der anderen Mamas. Denn viel zu häufig machen wir uns leider gegenseitig das Leben schwer. Neulich hat mir eine Mutter erzählt, dass sie sich selbst bei einem seltsamen Gedankengang ertappt hat. Eine Frau aus der Nachbarschaft hat ihr Kind tagsüber in der Kita. Nachmittags trifft sie die Nachbarin des Öfteren ohne Kind bei verschiedenen Aktivitäten: Einkaufen, Spazieren gehen, im Garten sitzen. Und jedes Mal denkt sich meine Freundin unterbewusst: „Hat die etwa Freizeit während ihr Kind in der Kita ist? Warum holt sie ihr Kind nicht früher ab, wenn sie doch augenscheinlich nicht wirklich etwas zu tun hat?“ Als sie sich dessen bewusst wurde, war sie ganz schockiert darüber. Denn sie kennt die Nachbarin nicht näher, weiß nichts über die Umstände und selbst wenn die Frau sich ein bisschen Freizeit ohne ihr Kind gönnt, was ist denn dabei? Warum haben wir Mamas das Gefühl, wir müssten unsere Bedürfnisse komplett hintenanstellen? Das führt aktuell dazu, dass immer mehr Mütter überlastet sind. Mama-Burnout nennt man das heutzutage. Perfektes Kind, perfekter Job, perfekter Haushalt, perfekte Beziehung. Kein Wunder, dass einem in diesem ganzen Wahnsinn irgendwann die Puste ausgeht. Und da fallen mir die genialen und wunderbar ironischen Liedzeilen der Band „Wir sind Helden“ ein: „Wir können alles schaffen, genau wie die toll dressierten Affen, wir müssen nur wollen.“  Das spricht mir so was von aus der Seele. Denn ich habe für mich entschieden, dass ich genau das eben nicht muss. Ich muss nicht alles schaffen. In manchen Punkten strenge ich mich wirklich an, weil sie mir am Herzen liegen und bei anderen Dinge wiederum reicht es mir völlig, wenn sie nur okay sind. Ab jetzt zählt nur noch das, was mir und meinen Lieben wichtig ist.

Warum ich eine Rabenmutter bin

Womit wir wieder beim Thema Rabenmutter angekommen wären. Ich serviere meiner Familie zwischendurch Tiefkühlpizza. Ich kaufe nicht immer alles Bio. Ich wasche ein Kleidungsstück meiner Tochter nicht sofort nach dem Einkaufen, weil sie es gerne direkt anziehen möchte. Ich lege mich manchmal auf die Couch und lese ein Buch und sage meinem Spatz, er soll jetzt mal eine Zeitlang alleine spielen. Ich kaufe Fruchtzwerge, in denen Zucker enthalten ist. Ich vergesse ab und zu meiner Tochter zu sagen, dass sie sich vor dem Essen die Hände waschen soll. Ich vergesse auch öfter mal die Kopfbedeckung für die Kita oder dort die Wechselwäsche nachzufüllen. Ich backe 3 Kuchen für den Kindergeburtstag und einer davon ist eine Backmischung. Ich habe kein einziges Kleidungsstück für meine Tochter selber genäht oder gestrickt. Ich koche lieber zusammen mit meinem Kind, als mit ihm ein Rollenspiel zu machen. Und all das ist für mich völlig in Ordnung. Denn das Wichtigste ist doch, das Leben und die Zeit mit meiner Familie zu genießen. Auch wenn die Wollmäuse unter dem Sofa Tango tanzen. Ich habe manchmal noch Rückfälle, das gebe ich zu. Als ich letztens z. B. wie eine Wahnsinnige versucht habe einen Fleck aus dem Lieblingskleid meiner Tochter zu entfernen. Aber er war hartnäckig. Und ich kurz davor das Kleid wegen einem Mini-Fleck zu entsorgen. Was ich dann natürlich nicht getan habe. Ich habe meine Tochter einfach mit dem Kleid und dem Fleck in die Kita geschickt. Und du wirst es nicht glauben. Es ist nichts passiert. Die Welt dreht sich immer noch.

Und jetzt noch einmal kurz zur Ehrenrettung der Vögel: Rabenmütter sind ganz tolle Mamas. Sie wärmen ihren Nachwuchs, versorgen ihn mit Futter und betreiben insgesamt eine hervorragende Brutpflege. Leider haben sie einen sehr schlechten Ruf. Vielleicht weil sie düster daherkommen in ihrem schwarzen Federkleid oder weil ihre Singstimme sich eher anhört, als hätten sie schon mehrere Whiskys gekippt. Alles Vorurteile. Ein Kolkraben-Pärchen ist sich treu und zieht den Nachwuchs in einer gleichberechtigten Partnerschaft gemeinsam groß. Das kann man von Menschen-Eltern ja nicht immer behaupten. In diesem Sinne. Mama übt noch.

Was genau ist eigentlich eine Rabenmutter? Und warum will unsere Kolumnistin Patricia Renoth plötzlich eine sein?

MeinSpatz Gezwitscher

Zu dem Thema, haben wir auch ein Interview mit der Buchautorin Nathalie Klüver geführt. Hier erfährst du, warum sie es auch manchmal vorzieht eine schlechte Mutter zu sein und woran es genau liegt, das Mütter heutzutage immer gestresster werden.