Mamas müssen nicht perfekt sein, oder doch?

MONTAG, 18.06.2018 Patricia Renoth

Die Autorin Nathalie Klüver ist der Meinung, dass man lieber öfter mal keine gute Mutter sein sollte. Warum das so ist, verrät sie uns im Interview.

Die Erwartungen sind hoch. Nicht zuletzt die eigenen. Perfekter Haushalt, perfektes (sauberes) Kind und manchmal obendrauf auch noch der perfekte Job. Natürlich soll man sich in Kita und Kindergarten engagieren. Tolle Urlaube erleben und dabei tolle Fotos machen. Alles selbst und frisch kochen – nur Bio, versteht sich. In einer durchgestylten Wohnung leben. Selbst ebenfalls perfekt gestylt sein. Nur weil man jetzt Mama ist, darf man sich keinesfalls gehen lassen. Der After-Baby-Body muss spätestens nach wenigen Monaten her, denn sexy für den Mann soll man ja auch noch sein.

Kein Wunder, dass dabei viele Mütter an Erschöpfungszuständen leiden. Ein Thema, das auch die Journalistin Nathalie Klüver beschäftigt. Die Dreifach-Mama hat das Buch „Die Kunst keine perfekte Mutter zu sein“ herausgebracht. Es ist ein Selbsthilfebuch für Mamis, die noch nicht ausgebrannt sind. Es ist ein Aufruf sich nicht verrückt zu machen, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren, auch wenn das vielleicht heißt, manchmal keine gute Mutter zu sein. Nathalie möchte dabei helfen, den Druck herauszunehmen. Ein echtes Herzensprojekt für sie – das hat sie uns im Interview verraten (s. u.).

Auch in ihrem Blog „Eine ganz normale Mama“ ist der Name Programm. Hier berichtet die Autorin authentisch von ihrem Alltag mit Kindern und Beruf. Sie versucht immer wieder Mut zu machen „Es gibt so viele Dinge im Leben mit Kindern, die einfach normal sind. Die ganz und gar kein Grund zur Sorge sind. Und bei denen man sich gar keinen Kopf machen sollte, ob man selbst etwas falsch macht oder das Kind. Diese Dinge, liebe Mamas, sind einfach ganz normal!“ Ihr Credo: Mit Humor geht alles leichter! Wir finden, da ist was dran.

Aber ein paar Fragen hätten wir da noch Nathalie:

Warum denkst du, sind heute so viele Mamas gestresst?

"Zum einen ist es der Spagat zwischen Beruf und Familie. Denn, machen wir uns nichts vor: Wir Frauen übernehmen immer noch den Großteil des Haushalts. Das ist nicht nur ein vages Gefühl, sondern es gibt viele Statistiken, die das bestätigen. Hatten Frauen früher Haushalt und Kinder zu versorgen, bleiben an uns heutzutage der Haushalt, die Kinder und halt auch noch der Job hängen. Das geht auf Dauer einfach nicht. Dazu kommt ein gewisser Druck, der von außen aufgebaut wird – durch soziale Medien, aber auch durch die Erwartungen der Gesellschaft, was man als Mutter alles machen sollte – oder eben nicht machen sollte. Das Üble daran: Wie man es macht, man macht es falsch. Und das frustriert. Es meckert immer jemand. Deshalb sollte man seine Energie auch nicht darauf verschwenden, es allen recht machen zu wollen, sondern sich darauf konzentrieren, seinen eigenen Weg zu gehen."

Gerade in Deutschland wird Muttersein oft gleichgesetzt damit, seine eigenen Bedürfnisse immer hintenanzustellen. Wie siehst du das?

"Ich beobachte das immer wieder. Auch bei mir. Das fängt bei Kleinigkeiten wie dem Essen an. Während ich den Kindern auftue und dem Kleinen das Essen kleinschneide, fängt der Gatte schon mit dem Essen an. Ich tue mir immer als letzte auf! Eigentlich beknackt, oder? Und dieses kleine Beispiel ist symptomatisch. Denn das zieht sich durch das ganze Muttersein, mal mehr mal weniger ausgeprägt. In anderen Ländern ist es übrigens selbstverständlich, dass die Mutter nach der Arbeit noch einen Kaffee trinken geht, bevor sie das Kind aus dem Kindergarten abholt. Hier gilt man dann gleich als Rabenmutter und hat ein schlechtes Gewissen. Dabei – ganz ehrlich – merken die Kinder die Viertelstunde doch gar nicht! Dieses Bild der aufopfernden Mutter stammt übrigens aus der Zeit des Nationalsozialismus! Das allein ist doch schon Grund genug, sich nicht aufzuopfern und ein anderes Mutterbild anzustreben."

Was denkst du, woher kommt die Einstellung, dass jede Frau ab der Geburt eines Kindes plötzlich die perfekte Mama sein muss? Als würde man einen Schalter umlegen und sich plötzlich von einem ungeduldigen Menschen in ein gelassenes Muttertier verwandeln…

Einen großen Teil tragen die sozialen Medien dazu bei, in denen oft ein falsches Bild vorgegaukelt wird. Aber wir Mütter von heute werden auch ganz anders auf das Muttersein vorbereitet als früher. Dadurch, dass Familien viel seltener zusammenleben, fallen die Erfahrungen von anderen Frauen, Großmüttern, Müttern, Tanten, weg – und wir müssen uns vieles selbst zusammensuchen. Und viel zu selten sagt uns mal jemand, wie es wirklich ist. Denn ganz ehrlich: Wer gibt schon gerne Versagen oder Fehler zu? Das ist ja menschlich. Aber es hilft einfach ungemein, wenn man weiß, dass man nicht die einzige ist, die abends ausrasten könnte, wenn die Kinder sich nicht die Zähne putzen lassen.

Warum liegt dir dieses Thema besonders am Herzen?

"Ich bin der festen Überzeugung: Wenn ich weiß, dass es anderen auch so geht, dann geht es mir gleich viel besser. Wenn ich weiß, dass andere Kinder auch so ein Theater beim Fingernägelschneiden machen, kann ich das bei meinen gleich gelassener machen. Wenn ich weiß, dass ich nicht die einzige bin, die nächtelang nicht durchschläft, dann kann ich die Müdigkeit besser ertragen. Doch viel zu oft gaukeln wir selbst uns und anderen eine falsche Wirklichkeit vor und setzen uns dadurch noch mehr unter Druck. Ich habe viel zu oft selbst gemerkt, wie ich an meine Grenzen gehe – und mir einfach zu viel vornehme und zumute. Und das tut dann niemandem gut – mir nicht und der ganzen Familie. Gerade die Texte über das tägliche Chaos, über den nicht enden wollenden Haushalt und die Geständnisse, nicht perfekt zu sein, haben auf meinem Blog die größten Resonanzen. „Danke, dass es mal jemand ausspricht“ oder „Es tut so gut zu wissen, dass es woanders auch so aussieht“ wird gerade unter diesen Texten häufig kommentiert – das zeigt mir, dass ein wenig Unperfektionismus ungemein erleichternd sei kann."

Was kann man als Mama tun, um sich selbst nicht zu verlieren?

"Es müssen nicht immer die großen Auszeiten sein. Sondern es geht darum, sich jeden Tag ein paar Momente nur für sich selbst zu gönnen. Und ganz bewusst zu planen. Was bringt das Wellnesswochenende, wenn es danach wieder im Alltagstrott weitergeht? Stattdessen sollte man sich ganz bewusst kleine Auszeiten gönnen. Das kann der Kaffee sein, bevor man die Kinder abholt. Eine Viertelstunde reicht, um runterzukommen und einfach mal bei sich zu sein. Es kann aber auch die Yogastunde sein, die man ganz für sich hat. Oder der Spaziergang in der Mittagspause. Und es ist auch absolut ok, mal ganz unpädagogisch, die Kinder eine halbe Stunde lang Sesamstraße auf Youtube schauen zu lassen, um sich eine Pause mit einer Klatschzeitschrift zu verschaffen. Das muss ja nicht jeden Tag sein – aber ab und zu ist auch das ohne schlechtes Gewissen gestattet. Übrigens verstehen auch schon kleine Kinder es gut, wenn man ihnen sagt: Mama braucht jetzt fünf Minuten Pause, dann spiele ich mit euch."

Wie schaffst du es selber den Druck bei dir rauszunehmen?

"Leider nicht immer so, wie ich es gerne hätte! Ich bin da leider auch gar nicht perfekt. Das Gefühl, unter Druck zu stehen, kenne ich leider auch viel zu gut. Was mir dann hilft: Bewusst eine Pause machen. Aus dem Fenster schauen. Tief ein und ausatmen. Oder was ganz anderes machen. Und ich bin dazu übergegangen, mir weniger Gedanken zu machen, was alles passieren könnte oder wie ich den nächsten Tag mit seinen zehn Terminen packen soll. Ich lasse vieles auf mich zukommen – und tatsächlich lösen sich viele Probleme ganz von alleine und man fragt sich im Nachhinein, wieso man sich solche Sorgen gemacht hat. Das hört sich vielleicht etwas naiv an, aber es ist sehr wirkungsvoll! Und was mir noch sehr hilft: Ich habe aufgehört, die Beste sein zu wollen. Ich muss nicht den größten Blog haben, ich muss nicht die beste Journalistin sein, ich muss nicht den Top-Bestseller schreiben und ich muss auch nicht den besten Kuchen auf dem Kindergartenfest haben. Gut genug reicht. Und was das ist, bestimme ich selbst." 

Mamas werden immer gestresster. Woran liegt das und was kann man dagegen tun? Diese Fragen beantwortet Nathalie Klüver in unserem Interview.

MeinSpatz Gezwitscher

Eine Kollegin aus der Redaktion hat einen Tag in der Woche frei und bringt ihr Kind trotzdem in die Kita. Den Vormittag nutzt sie dafür den Haushalt, Erledigungen und Sport zu machen. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Denn am Nachmittag hat sie dann Zeit und kann sich ganz ihrem Kind widmen.