Mami, ich schreie nicht um dich zu ärgern

FREITAG, 25.01.2019 Andrea Huber

Kennst du das: Dein Kind schreit vor Wut, du stehst mitten im Supermarkt und alle starren dich an? Alle haben weise Ratschläge … Doch wer will hören, was das Kind zu sagen hat? Wir!

Liebe Mama,

weißt Du, es ist doch so: Ich bin zwei Jahre alt – für mich ist das schon ganz schön groß. Ich kann laufen, springen, tanzen, turnen, lachen, singen und meine ersten Worte sprechen. Ich finde, das ist nicht schlecht. Vormittags, wenn du in der Arbeit bist, komme ich sogar ganz allein ohne dich und Papa zurecht. Meine Erzieherin hilft mir und wickelt mich. Aber ich finde, ich mache auch schon viel allein. Ich spiele mit meinen Freunden, male und bastle und kann richtig toll am Tisch essen. Und dann weiß ich, dass du kommst und mich abholst, und obwohl ich echt gern in meiner Kita bin, freue ich mich den ganzen Vormittag auf dich. Wenn ich dich dann endlich sehe, will ich nur in deine Arme laufen und dir erzählen und mit dir kuscheln. Aber du kannst mich nicht in den Arm nehmen und kuscheln. Du bist müde und gestresst von der Arbeit. Wenn ich dir von meinem Tag erzählen will, mit meinen eigenen Worten, sagst du, ich soll ruhig sein. Du willst lieber mit der Erzieherin reden. Und wenn ich dann endlich auf deinen Schoß will, soll ich mich schnell anziehen, damit wir schnell weiter können. Das frustriert mich. Ich wollte doch nur zu dir. Also weine ich.

Ich darf nie entscheiden

Wir fahren nach Hause, ich bin müde und hungrig. Am liebsten will ich mit einer Banane mit dir zusammen auf die Couch und ein Buch ansehen. In deinen Armen ein wenig ausruhen. Aber wir müssen noch einkaufen. Ich möchte gerne den kleinen Kindereinkaufswagen schieben. Aber das geht dir zu langsam. Du willst schnell machen, damit wir schnell fertig sind. Aber ich will mir die bunten Regale ansehen. Überall leuchten mir Lichter und Disneyfiguren entgegen. Sogar vom Joghurt, aber den bekomme ich nicht. Du sagst, da ist Zucker drin und der ist schlecht. Das frustriert mich. Warum darfst nur du bestimmen, was wir essen? Wieso zählt meine Meinung gar nicht? Das ist genauso, wenn ich morgens lieber die andere Hose anziehen will. Du sagst, es ist zu kalt. Aber ich finde sie so schön. Sie glitzert und meine Freunde in der Kita finden die auch toll. Aber ich darf nicht entscheiden. Also weine ich. Das macht dich wütend, weil alle gucken. Na und? Sollen Sie doch.

Ich verstehe das nicht genau

Nachmittags bekommen wir Besuch. Es gibt Kuchen. Der bröselt, das finde ich toll. Fühlt sich lustig an. Du schimpfst mich und nimmst mir den Teller weg. Jetzt darf ich nicht mehr alleine essen. Du fütterst mich. Das will ich aber nicht. Ich bin doch schon groß! Also schiebe ich den Teller weg und schreie meine Wut heraus. Lass es mich doch selber versuchen! Später spiele ich mit dem anderen Mädchen. Sie hat eine Puppe, die finde ich wunderschön. Also gehe ich hin und hole sie mir. Dann weint das Mädchen. Du schimpfst mich. Ich verstehe nicht genau, was ich falsch gemacht habe. Ich bin verunsichert und weine. Ich habe mich beruhigt, weil du mir meine leuchtende Schildkröte gebracht hast. Sie spielt Musik und ihre Farben strahlen wunderschön. Das andere Mädchen will sie auch haben, aber ich brauche sie gerade für mich. Du schimpfst und sagst ich muss teilen. Ich bin durcheinander und müde und habe Hunger. Aber ich soll teilen und ich soll die Bauklötze wegräumen. Aber warum denn? Ich will doch vielleicht später noch damit spielen. Ich bin durcheinander und will zu dir. Aber du willst dich in Ruhe mit der anderen Mama unterhalten. Also schreie ich. Ich bin so traurig und frustriert und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. 

Hilf mir. Ich brauche dich.

Liebe Mami, ich will dich nicht nerven oder stressen oder ärgern. Ich verstehe dein Verhalten nicht immer. Manchmal erwartest du so viel von mir, aber trotzdem darf ich nichts selber bestimmen. Bin ich nun groß oder klein? Ich verstehe nicht, warum ich teilen muss, aber mir nichts nehmen darf. Ich verstehe nicht, warum du immer reden darfst, aber ich nicht zu Wort komme. Ich verstehe nicht, warum ich den Kuchen nicht alleine essen darf, nur weil er bröselt. Brösel sind doch cool!

Du musst mir helfen zu verstehen. Ich weiß, dass du auch müde bist. Und bestimmt kannst auch du mich manchmal nicht verstehen.  Aber du könntest mich doch ab und zu mitentscheiden lassen oder? Und ist es wirklich so schlimm, wenn ich einmal in der Woche einen Elsa-Joghurt esse? Elsa ist schön, sie hat ein glitzerndes Kleid an. Wie die Hose, die ich so gerne anziehen möchte aber nicht darf. Ich wünsche mir mehr Geduld von dir. Lass mich Dinge ausprobieren, auch wenn sie schief gehen, nur so lerne ich. Höre mir zu. Nimm mich in den Arm. Das mag ich am allerliebsten. Wenn ich ein Buch aussuchen darf und wir auf der Couch lesen und kuscheln. Besser geht’s nicht. Naja, es sei denn, ich finde gleich noch einen Kuchenbrösel unter dem Tisch …

Mami, ich schreie nicht um dich zu ärgern pin

Sich in die Lage eines Kleinkindes zu versetzen ist nicht einfach. Wir haben es versucht und waren selber verblüfft, wie stark uns dieser imaginäre Brief eines Kindes an seine Mama berührt und auch aufgerüttelt hat.

MeinSpatz Gezwitscher

Wir Mamas wissen, wie schwer es ist, immer geduldig zu sein, alles pädagogisch richtig zu machen und noch dazu Job und Haushalt im Griff zu haben. Vielleicht sollten wir uns einfach wieder bewusst machen, dass das niemand von uns verlangt. Denn alles, was unsere Kinder von uns brauchen, ist Zeit und unsere uneingeschränkte Liebe. Warum also nicht mal einen Liebesbrief an seine Kinder verfassen?

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.