Was ist zu viel? Oder zu wenig? Medienkonsum bei Kindern

DONNERSTAG, 19.09.2019 Tina

Es gibt ein Thema im Irrgarten der Erziehung, das mir besonders viel Kopfzerbrechen bereitet: Der Medienkonsum meiner dreijährigen Tochter. Zukunftsorientierte Förderung oder Teufelszeug Bildschirm?

Verregnete Sonntage sind die ultimative Prüfung für eine Familie. Wenn ich bereits einen Hindernisparcours durch die ganze Wohnung gebaut habe, alle Puzzles im Regal durchgespielt wurden, ich drei Pappkronen gebastelt und mit Glitzer beklebt habe und beim erschöpften Blick auf die Uhr feststelle, dass es erst 10:12 ist, ertappe ich mich bei einem Zeitmaschinen-Tagtraum, um mich zum Zeitpunkt der Zeugung vielleicht doch lieber für das gute Buch auf dem Nachttisch zu entscheiden. Mutter sein ist toll, aber solche Tage sind einfach zäh. Und wenn ich dann zwei Stunden und 54 Spielvariationen später den Disney-Film einschalte, ertränke ich mein schlechtes Gewissen im Glas Cola, das ich ohne Unterbrechung und tatsächlich noch mit Sprudel drin auf der Couch trinken kann, während ich mich durch meine Facebook Wall scrolle.  

Nur 30 Minuten Bildschirm pro Tag

Grundsätzlich bin ich den Medien über positiv eingestellt. Alles andere wäre auch heuchlerisch, schließlich arbeite ich in dieser Welt, mein Handy klebt an mir wie eine Fliegenfalle und ohne Netflix und Amazon Prime wären Abende auf der Couch ziemlich langweilig. Nein, wir wollen kein zweites Kind. Zum Medienkonsum zählen nicht nur Tablet, Smartphone und Fernsehen (Bildschirmmedien), sondern auch Bücher und Hörmedien. Die "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" empfiehlt für Kinder von 0-3 Jahre zwar das regelmäßige Lesen, aber nur 30 Minuten Hörmedien und Bildschirmmedien am besten gar nicht. Ok, damit bin ich jetzt offiziell die schlechteste Mutter der Welt, denn meine Tochter Matilda wusste schon mit zwei, wo der YouTube Button auf dem Handy ist. Seit einem Monat ist sie drei und dürfte jetzt ganz offiziell zumindest 45 Minuten Hörspiele hören und 30 Minuten Bildschirmmedien, aber nur überwacht mit mir gemeinsam. Was ich natürlich mache. Ich sitze immer neben ihr und schaue interessiert drei Folgen "Feuerwehrmann Sam" mit anschließender anregender Diskussion über den Inhalt. Ich bin nicht etwa in der Küche und koche das Abendessen. Und ich hänge auch nicht die Wäsche auf. Auf keinen Fall wasche ich mir die Haare oder beantworte Emails.

Also mal ehrlich: Ich bin strikt dagegen, das Kind stundenlang alleine vor dem Fernseher zu parken. Aber die Zeit, die Matilda mit Spongebob und PJ Masks verbringt, ist gewonnene Zeit für mich. Und ich komme ja immer wieder ins Wohnzimmer und erkundige mich, wie es ihr geht, was gerade passiert und ob alles gut ist. Meistens werde ich ignoriert oder rausgescheucht. Wenn ich weiß, was sie schaut, kann ich sie auch kurz alleine lassen. Anders ist das, wenn sie mit dem Handy auf YouTube unterwegs ist. Hier habe ich festgestellt, dass der Klick-Journey von "Sing Kinderlieder" zu "Axtmörder Edition 9" sehr kurz ist. Deswegen sitze ich hier immer daneben und ertrage stoisch auch noch das 15. computeranimierte Video über Bälle, die in Farbtuben fallen, unterlegt mit russischen Jubel-Ausrufen. Übrigens durchschnittlich 20 Millionen Abrufe pro Video, was es irgendwie noch deprimierender macht.

Vorbereitung für die Zukunft

Wir haben allerdings auch große Auseinandersetzungen was das "Handy schauen" betrifft. Trotz "noch 5 Minuten" Warnung wird das Abschalten des Geräts selten akzeptiert. Die größten Trotzanfälle und lautesten Wutausbrüche gab es bei uns durch die Einschränkung des Medienkonsums, und zwar meistens dann, wenn die empfohlenen 30 Minuten deutlich überschritten wurden. Also scheint schon was dran zu sein an der Einschätzung der Experten.

Aber grundsätzlich finde ich, mein Kind sollte für die Zukunft gerüstet sein. Und die Zukunft besteht nun mal aus Bildschirmmedien. Matilda weiß bereits, wie sie sich durch diverse Touchscreens navigiert und kann ohne Probleme ihr Lieblings-Hörspiel über Alexa laufen lassen. Dank den "StoryBots" (Netflix) weiß sie außerdem, wie Ohren hören und warum man nicht den ganzen Tag Süßigkeiten essen darf. Abends putzen wir zwar zu "Hacki Backi" (YouTube) die Zähne, aber zum Einschlafen muss es immer ein Buch sein. Unser Leben ist geprägt von allerlei Medien – und das ist auch ganz gut so!

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Die Krux mit dem Medienkonsum bei Kindern: Wie finde ich bloß die perfekte Mitte zwischen viereckigen Augen und maßvoller Vorbereitung auf die Zukunft? Und gibt es die überhaupt? 

Gezwitscher

Ich habe festgestellt, dass das Thema Medienkonsum durchaus Sprengstoff-Potenzial in Unterhaltungen mit anderen Müttern hat, allerdings sehr einseitig. Die Anti-Riege, häufig in nachhaltige Klamotten gekleidet und selbstgebackene Dinkelkekse verteilend, verteufelt Bildschirmmedien jeglicher Art und diskutiert vehement, inkl. Aufzählung aller Spätfolgen und Negativ-Statistiken. Es gibt selten Gegenstimmen, die restlichen Mütter in der Runde nicken ab und zu, nuscheln eine Zustimmung und verabschieden sich schnell. Das sind die, die ihr Kind auch mal eine Kindersendung schauen lassen, sich aber nicht trauen, das zuzugeben. Schade!

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.