Mein Kind weint immer noch zum Abschied

FREITAG, 09.11.2018

Sie klammert sich an mein Bein, die Tränen laufen in Strömen –  dieses Drama erlebe ich seit zwei Monaten. Täglich. Hört das denn nie auf?

Wie machen das andere Mütter? Sie bringen ihre Kinder in die Kita, die Kleinen ziehen sich um, ein Kuss und das war es. Ich verstehe das nicht. Sobald wir die Kita betreten beginnt bei uns der Kampf: Sie will sich nicht ausziehen. Erst schaut sie den anderen Kindern zu. Dann, gaaanz langsam, streift sie ihre Schuhe ab. Ich weiß, wie schnell sie sich umziehen kann, sie schafft es ja auch, wenn sie raus in den Garten will. Natürlich möchte ich ihr morgens ihre Zeit lassen. Allerdings muss ich auch die S-Bahn erwischen und zur Arbeit fahren. Aber gut, ich habe eigentlich genug Zeit eingeplant. Es läuft immer gleich: Ich sehe erst zu, dann helfe ich ihr. Eigentlich ist sie da noch gut drauf. Wir gehen gemeinsam zu ihrer Gruppe, die Erzieherin empfängt uns mit ihrem strahlenden Lächeln und unendlicher Geduld. Jetzt geht es los.

Um ehrlich zu sein: Ich bin echt genervt!

Zwei Meter vor der Türe wird meine Tochter langsamer, sie lässt sich fast ziehen. Ich lotse sie bedächtig zum Eingang, gebe ihr einen dicken Kuss, nehme sie fest in den Arm – und komme dann nicht mehr los. Sie hält mich fest, weint, schluchzt, vergräbt ihr Gesichtchen in meiner Schulter. Anfangs hat es mir das Herz zerrissen. Mittlerweile nervt es mich. Wir hatten eine lange Eingewöhnung, ich weiß, dass sie in der Krippe happy ist. Das bestätigen mir nicht nur die Erzieherinnen, auch Eltern mit deren Kinder wir uns nachmittags zum Spielen treffen erzählen, wie fröhlich mein Mädchen spielt, wenn sie ihre Kids abholen. Also alles nur Theater? Oder doch Trennungsschmerz? Habe ich ihr zu wenig Urvertrauen vermittelt? Habe ich verpasst, sie stark zu machen? Natürlich suche ich den Fehler bei mir. Ja, ich arbeite viel. Aber das ist anders nicht machbar. Dennoch versuche ich fast jede freie Minute mit ihr zu verbringen. Ich weiß, sie ist noch klein. Zwei Jahre und drei Monate, um genau zu sein. Aber die anderen Kinder sind noch kleiner und können ihre Eltern trotzdem normal verabschieden. Ohne das ganze Drama.

Habe ich etwas falsch gemacht?

Meine Tochter ist eigentlich ein unkompliziertes Kind. Ja, sie ist etwas anhänglicher als andere. Trotzdem: Sie taut innerhalb weniger Minuten auf und ist dann oft nicht mehr zu bremsen. Aber sobald ich sie alleinlassen will, bricht sie in Tränen aus. Egal ob bei ihren Omas, meiner Schwester oder eben in der Kita. Und ich kann mir tausendmal sagen, dass sich das wieder legen wird und sie ja eigentlich ein glückliches Kind ist. Dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, etwas falsch zu machen. Irgendetwas fehlt ihr doch offensichtlich, ein Stück Bindung, ein Funke Sicherheit. Ja, ich glaube es liegt an mir. Ich bin alleinerziehend und ihre wichtigste Bezugsperson. Sie braucht mich, und das ist für mich voll okay. Ich brauche sie ja auch. Aber die Tränen und das "Mami, nicht weggehen" am Morgen macht mich fertig. Weil es einfach nicht aufhört. Weil ich fünf Tage in der Woche mit einem schlechten Gewissen und einem Kloß im Hals beginne. Ich weiß auch von den Erzieherinnen, dass sie fünf Minuten später glücklich spielt, und dass Pädagogen diese Zeitspanne dann als unproblematisch sehen. Ich weiß, so lange sie danach glücklich und ungezwungen spielt ist alles gut. Wenn ich sie abhole, strahlt sie, und wenn wir uns morgens zu Hause fertigmachen gibt es auch keine Probleme. 

Durchhalten? Ja, aber wie lange?

"Bei euch sieht alles so einfach aus", platzte es dann letzte Woche aus mir heraus. Eine Mutter aus unserer Straße begleitete mich morgens nach dem Bringen zum Parkplatz der Kita. "Warum will es bei uns nur nicht klappen?" Die andere Mami sah mich an und schmunzelte: "Du hast ja keine Ahnung! Vom Aufstehen bis zur Kita gibt es bei uns fast jeden Morgen Theater: Mein Sohn will nicht aus dem Bett, sich nicht anziehen oder Zähneputzen. Wenn wir bei der Kita ankommen, sind wir beide einfach so genervt voneinander, dass wir froh sind, uns für ein paar Stunden nicht zu sehen." Wir lachten beide. Natürlich war es nicht ganz so extrem, aber sie erzählte mir, dass das tägliche Drama auch bei ihnen dazugehört. Auch wenn es ein wenig anders war, beruhigte es mich. "Halte durch! Das wird schon.“ Okay. Die Frage ist nur, wie lange ich durchhalten muss. Denn so ein anstrengender Morgen nagt den ganzen Tag an mir – zumindest bis zum Abholen, wo mir die kleine Maus freudig entgegenläuft. Andererseits hat auch niemand behauptet, dass das Leben mit Kindern einfacher würde, oder?

Bist du auch eine alleinerziehende Mami? Hier findest du Unterstützung.

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MeinSpatz Gezwitscher

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