Mein Spatz Lese-Gezwitscher: Wir testen Bücher zum Mitmachen

FREITAG, 27.09.2019 Tina

Meine Tochter Matilda hat die Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege. Um sie an ein Buch zu fesseln, habe ich es mit zwei Büchern zum Mitmachen versucht, die zudem pädagogisch wertvoll sind: "Mein erstes Memo-Buch" und "Mein allererstes Klavierbuch". Erfolg? Durchwachsen.  

Meine Tochter Matilda ist gerade drei geworden und liebt Bücher. Immer wieder schleppt sie ihre Schätze an, krabbelt auf meinen Schoß und verlangt eine Geschichte. Das finde ich grundsätzlich super! Vorlesen ist auch mehrere Stunden am Tag erlaubt (im Gegensatz zu Hörspielen und Bildschirmmedien), Lesen bildet und mein Bücherwurm-Herz als ehemalige Literaturstudentin jubiliert wenn ich an die wunderbaren Geschichten denke, die Matilda später lesen wird und für die wir jetzt den Grundstein legen. Das Problem ist: Ich darf selten eine Geschichte zu Ende lesen. Matilda blättert weiter, auch wenn ich mit der Seite noch nicht fertig bin, holt schon ab der Hälfte ein neues Buch oder erzählt mir mitten in der Story, warum sie sich heute im Kindergarten mit der Sophia gestritten hat. Mir stellen sich dabei  regelmäßig die Nackenhaare auf, ich werde total nervös und muss aufpassen, dass ich Matilda nicht verzweifelt anschreie, warum sie denn nicht wissen will, ob Dornröschen irgendwann wieder aufwacht.

Ich weiß, Kinder in ihrem Alter können sich noch nicht so lange konzentrieren. Aber 5-10 Minuten, um eine Geschichte fertig zu erzählen sollte doch wohl drin sein. Aber egal, um ihre Aufmerksamkeit länger zu fesseln brauche ich vielleicht mehr als Wörter und Bilder? Deswegen habe ich es mit zwei Büchern zum Mitmachen versucht. "Mein allererstes Klavierbuch" und "Mein erstes Memobuch", beides von Coppenrath. 

"Mein allererstes Klavierbuch" - Musikalische Früherziehung

Das Konzept von "Mein allererstes Klavierbuch" finde ich super! Ich habe selber in meiner Jugend Klavier gespielt und mein Yamaha steht bei Matilda im Zimmer, damit sie ein Interesse für Musik entwickelt und sobald wie möglich anfängt, ein Instrument zu lernen. Bisher hält sich das Interesse allerdings in Grenzen und das Klavier wird höchstens als

Spielzeugablage benutzt. Das Spielbuch besteht aus 10 Liederseiten mit Text, Noten, tollen bunten Illustrationen sowie einer kleinen daran befestigten Klaviertastatur mit neun weißen Tasten (und sechs schwarzen, die aber in den Liedern keine Rolle spielen). Das Konzept des Buchs besteht darin, dass jeder Taste eine Farbe zugeordnet ist und die Noten auf den Seiten jeweils farbig dargestellt sind. So kann das Kind anhand der Notenfarben die dazu passenden Tasten drücken und somit ganz ohne Vorkenntnisse das Lied spielen. So zumindest die Theorie.

Matilda drückt zwar mit Begeisterung auf den Tasten herum, meine Erklärungen, wie man es richtig macht, werden ignoriert. "Schau mal Schatz, du musst hier auf die rote und orangene Taste drücken, dann spielst du ganz alleine 'Bruder Jakob'". Matilda drückt wild auf allen Tasten herum außer Rot und Orange. Ich spiele das ganze Lied und singe mit. Matilda will, dass ich ihr vorlese, was auf der Seite mit den Pferdchen für eine Geschichte steht. Ich erkläre ihr, dass da nichts steht, das ist die Illustration zum Lied "Hoppe Hoppe Reiter". Dass sie übrigens GANZ ALLEINE mit den farbigen Tasten spielen kann. Matilda drückt ein bisschen herum, sagt "Mama, du. Und singen" während sie zu ihrem Kaufladen geht und eine Packung Holz-Milch in die Kasse eintippt. Ich hole sie zurück und erkläre ihr noch mal ganz genau, was sie machen muss. Das Kind folgt konzentriert meinen Erklärungen, blättert um und ruft "Ui schau mal, eine Schnecke. Was macht die da? Und eine Biene? Sind das Freunde?". Ich seufze und hole das andere Buch hervor. Versuchen wir es mit Memory.

"Mein erstes Memo-Buch" oder die Kunst, ruhig zu bleiben

Für "Mein erstes Memo-Buch" ist Matilda eigentlich schon zu groß. Auf jeder Seite müssen vier Paare zugeordnet werden. "Aufgedeckt" werden die Karten durch eine Schiebefunktion, die bereits durch diverse Klappbücher gelernt ist.

Links befindet sich ein bunt gestaltetes Bild zum aktuellen Thema, z.B. "Am See" mit einigen zusätzlichen Such-Spielen, die neben dem Memory Spiel das Kind noch weiter beschäftigen.  Da müssen dann die Schwäne und Seerosen gezählt oder die versteckten Freunde vom Bären gefunden werden. Aber mein Hauptaugenmerk liegt auf dem Memory Spiel. Ich erkläre Matilda, wie es funktioniert und sie fängt wild an, Karten aufzuschieben. "Nein Schatz, wenn das zweite Bild nicht zum ersten passt, musst du beide wieder zuschieben und von vorne anfangen". Das Gesagte dringt nicht zum Kind durch und weiterhin wird einfach jede Karte zur Seite geschoben.

Nach dem vierten erfolglosen Erklärungsversuch merke ich, wie die altbekannte Wut vom abgebrochenen Vorlesen wieder hochbrodelt und auch Matilda schubst immer aggressiver meine Hand weg, als ich aufgedeckte falsche Bilder wieder zuschiebe. In beiderseitigem Interesse breche ich diesen Versuch ab, als mein Blick auf den "18+" Hinweis oben in der Ecke fällt. Na toll, jetzt muss ich mir nicht nur Gedanken machen, ob meine dreijährige Tochter später in der Schule Aufmerksamkeitsprobleme hat, sondern auch, ob sie es überhaupt dahin schafft.

Mein Fazit ist: Beide Bücher sind wirklich schön gestaltet und darauf angelegt, das Kind mit Spaß zu fördern. Das Memo-Buch funktioniert schon bei kleineren Kindern, das für mich interessantere Klavierbuch ist ab drei Jahren ausgezeichnet. Auch wenn Matilda weiterhin lieber normale Bücher mit Geschichten liest, zumindest in Teilen, schleppt sie momentan das Klavierbuch überall hin. Sie hat nämlich den Knopf für das einzige Beispiellied entdeckt. Der wird täglich 850 Mal gedrückt. Ich bin wirklich froh, dass ich ihre Liebe zur Musik gefördert habe ...

Rezensierte Bücher:

"Mein allererstes Klavierbuch", Coppenrath, empfohlen ab 3 Jahren

"Mein erstes Memo-Buch", Coppenrath Die Spiegelburg, empfohlen ab 18 Monaten

Bücher, bei denen mehr los ist als nur Bilder und Wörter sollten doch bei der Generation Digital Natives durchaus beliebt sein. Oder etwa nicht? 

Gezwitscher

Epilog: Wochen nach dem katastrophalen ersten Versuch mit dem Memo-Buch will Matilda es noch mal versuchen und bringt es mir. Mit einem unguten Gefühl schlage ich die erste Seite auf und siehe da, Matilda spielt ruhig und konzentriert. Und deckt alle Pärchen auf Anhieb auf. Ich nehme an, dass sie heimlich geübt und sich alle Karten gemerkt hat, damit wir gar nicht mehr in die heikle Situation unterschiedlicher Regel-Vorstellungen kommen. Was für ein schlaues Kind. 

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.