Meine häufigsten Mama-Lügen

DONNERSTAG, 28.03.2019 Simone Jung

Jede Mutter kennt sie: die kleinen Lügen des Alltags. Sie machen uns das Mamaleben leichter und nehmen diskutierfreudigen Zwergen den Wind aus den Segeln.

"Mama, haben wir noch Schokolade?", tönt es aus dem Kinderzimmer. Ich sitze gerade in der Küche, mit einem Buch und einem Kaffee. Und stopfe mir verschämt ein Stückchen der leckeren Mandel-mit-Knusper-Schokolade in den Mund. Schnell kauen und runterschlucken. "Nein", rufe ich zurück. "Muss ich erst kaufen." Dann verstaue ich den Rest der Tafel in meinem Geheimversteck im Schrank. Es ist ja nicht so, dass ich meinem Sohn keine Süßigkeiten gönne, aber meine kleinen Sünden begehe ich dann doch lieber unbeobachtet. Und normalerweise kaufe ich auch mehrere Tafeln, eine für ihn, eine für mich, in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. In der Regel mag er auch die Sorten gar nicht, die ich mir gönne. Und es geht doch nichts drüber, abends vor dem Fernseher genüsslich in eine Rippe Schokolade zu beißen, ohne dass der Junior neben mir auf sein Recht besteht und selbstverständlich auch eine will. Doch die Schoko-Lüge ist natürlich nicht die einzige unschuldige Unwahrheit, die ich meinem Sohn ab und an auftische. Apropos "auftischen": Was tun, wenn das Kind bestimmte Dinge nicht essen will?

Die Essenslüge

Gleich mal vorneweg: Ich will natürlich niemanden ermutigen, seinen Kindern heimlich verhasste Lebensmittel unterzuschieben. Und gerade in Sachen Gemüse gibt es da sicher genug Das-ess-ich-nicht-Themen. Mein Sohn beispielsweise HASST Brokkoli! Und Pilze. Bei Letzteren war ich mir lange nicht sicher, ob sie ihm wirklich nicht schmecken oder er sie grundsätzlich ablehnt, weil sein Papa sie auch nicht mag. Als er etwa drei war, griff ich also zu dieser List: Es gab eine Gemüsepfanne mit Nudeln, ich hatte noch Champignons und wollte die auch selbst gerne im Essen haben. Natürlich entdeckte der Junior das "merkwürdige Gemüse" sofort und hakte nach, was das denn sei. "Das sind schwarze Paprika", lautete meine Antwort. Paprika isst er tatsächlich bis heute sehr gerne. Nach dem Essen bedankte sich mein Sohn brav für die Mahlzeit und fand, es habe alles gut geschmeckt. "Nur die schwarze Paprika musst du bitte nicht mehr machen!" Und so fand ich mit einer kleinen Mamalüge und einem minimal schlechten Gewissen heraus, dass mein Kind wirklich keine Pilze mag.

"Sind wir bald da?"

Waren wir früher länger mit dem Auto unterwegs, kam, neben der natürlich stets spontan verlangten und unaufschiebbaren Pipipause, früher oder später unweigerlich die Frage: "Wann sind wir da?" Der Knirps konnte mit "In zehn Minuten!" noch ebenso wenig anfangen wie mit "Um 18.00 Uhr …", habe ich mir stets mit der Antwort "Bald!" geholfen. Mein Sohn war für den Moment zufrieden damit, und die Antwort ließ sich beliebig oft wiederholen, egal wie lang die Strecke war. Inzwischen kann mein Sohn die Uhr lesen und auch mit Zeitangaben etwas anfangen, daher erledigt sich diese kleine Notlüge irgendwann von selbst.

Die Sache mit dem Schlaf

Wer kennt das nicht: Es ist Schlafenszeit, Zähne müssen geputzt, der Schlafanzug angezogen werden. Das lässt sich natürlich nicht wie bei uns Großen in etwa fünf bis sieben Minuten erledigen, denn zwischendurch muss unbedingt noch der CD-Player angeschaltet und das Lieblingsstofftier gesucht werden und vom Lego-Set fehlt auch noch ein ganz super wichtiges Kleinstteil! Und so dauert die Ins-Bett-geh-Zeremonie gerne mal bis zu einer Stunde. Solange das Kind die Uhr noch nicht selbst lesen kann, lässt sich der Prozess auch hier mit einer kleinen Mamalüge optimieren: Man schicke den Nachwuchs einfach 30 Minuten früher mit den Worten "Mein Spatz, es ist Zeit, ins Bett zu gehen!" auf den Weg ins Badezimmer. Und dann beginnt auch Mamas Abend endlich wieder rechtzeitig.

Wie Mama heimlich Dinge entsorgt

"Mama, wo ist mein …?" Hier lässt sich von der Turnhose bis zum Erdnussflip ein beliebiger Gegenstand einfügen. In der Regel weiß ich die Antwort hierauf wirklich nicht. Immerhin hat er es ja selbst in seinem Zimmer irgendwo abgelegt, und ich bin nicht die externe Such-und-Finde-Maschine. Doch wenn ich mal heimlich das Kinderzimmer ausgemistet habe und der Junior dann den total verklebten Radiergummi oder seinen angebrochenen Lieblingsmalstift sucht, den ich in meinem alle sechs Monate vorkommenden Ordnungs-Fanatismus in den Müll geworfen habe, dann glaubt er mir zumindest, dass ich wirklich nicht weiß, wo er die wieder hingelegt hat …

Mama sieht alles!

Meine absolute "Lieblingslüge", die manchmal sogar noch heute funktioniert, ist eher die kühne Behauptung, ich besäße Superheldenfähigkeiten! "Ich sehe alles – Mamas haben nämlich Augen am Hinterkopf!" Ich bin mir nicht sicher, wie lange mein Sohn mir das wirklich abgenommen hat. Doch kleine Schwindeleien entlarve ich meist sofort. Zum Beispiel neulich, als er heimlich an meinem Laptop gespielt hat. Irgendwann war der Akku leer und der Computer fuhr runter. Was ihm natürlich nicht klar war: Sobald man den Rechner wieder anschaltet, öffnet er erneut sämtliche Programme, die beim Runterfahren noch offen waren – inklusive der Spiele-App. Seitdem fragt er brav, ob er den Laptop benutzen darf. Was ich auch meistens erlaube. Oder wenn er sich vermeintlich unbemerkt Dinge ausleiht und sie dann so zurücklegt, dass ich natürlich sofort merke, dass er dran war. Er ist ja noch nicht der Größte im Vertuschen. Mir kann’s nur recht sein. Und solange uns so eine kleine unschuldige Unwahrheit das Zusammenleben erleichtert, tut’s doch auch niemandem weh, oder?

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Kleine Lügen sind als Mama durchaus erlaubt, findet zumindest unsere Autorin. Und erzählt ein bisschen aus dem Nähkästchen.

MeinSpatz Gezwitscher

Klar, Lügen ist nicht gerade die "feine englische Art". Aber macht es uns gleich zu einer schlechten Mama? Und was bedeutet das eigentlich? Die Autorin Nathalie Klüver ist der Meinung, dass man lieber öfter mal keine gute Mutter sein sollte. Warum das so ist, verrät sie uns im Interview.

Simone Jung

Hätte gerne zwei Kinder gehabt, zieht nun ein Einzelkind groß und wartet misstrauisch auf das Einsetzen der Pubertät. Noch probieren die beiden gemeinsam Neues aus, zum Beispiel Fischstäbchen mit Vanillepudding. Der Sohn mag Lego, Star Wars und Nintendo. Die Mama hat eine Schwäche für Horrorfilme, kuschelige kleine Indie-Konzerte, Toffifee – und natürlich für den vorpubertären Sohn.