Geschwister: Streit, Liebe und die Sache mit dem Beißen

MONTAG, 15.07.2019 Hella B.

Perfider Psychoterror, Haare ziehen und Schokolade teilen: Die dreieinhalbjährigen Töchter unserer Kolumnistin Hella zeigen mit allen Facetten, was es bedeutet, eine Schwester zu haben. Nun hat Hella endlich entdeckt, welchen Vorteil die Zwillingsmädchen durch ihre unfreiwillige Nähe ab Tag 1 erlangt haben.

Als Fritzi und Emma noch in meinem Bauch weilten, schauten sich die beiden direkt an. Während ich dies leicht gerührt nach dem Ultraschall beim Frauenarzt im Büro erzählte, runzelte mein recht eigenbrötlerischer Kollege (nebenbei bemerkt ein Einzelkind) die Stirn.

„Stell Dir vor, da schaust Du jemanden ins Gesicht und beide so ‘Hi, mich wirst Du so schnell nicht los, das ist das Gesicht, das Du die nächsten Monate und Jahren sehen wirst‘, bemerkte er trocken. „Aber das ist doch voll schöööön“, riefen ich (eine Schwester) und meine Kollegin (zwei Schwestern) einstimmig. Und haben Zwillinge erst recht nicht eine wundersame-magische Verbindung?

Dreieinhalb Jahre später ein Ausschnitt aus einem Dialog vorn aus unserem Lastenfahrrad:

„Du Tischbein“

„Ich bin kein Tischbein!“

„Du Tischbein!“

„Nein, bin ich nicht.“

„Doch, du bist ein Tischbein.“

„Maaaammmma, Emma hat Tischbein zu mir gesagt!“

Fritzi heult, ist entrüstet, völlig außer sich. Kann mir bitte ein Kinderpsychologe an dieser Stelle sagen, was eine Mutter da idealerweise antwortet? Ich habe wirklich nicht den blassesten Schimmer.

An guten Tagen kommen solche Gespräche ein bis zwei Mal täglich vor. An schlechten Tagen ein bis zwei Mal minütlich. So nervig, so normal. Zumindest theoretisch. Drei- bis Siebenjährige streiten 3,5-mal pro Stunde, will eine Studie der University of Illinois herausgefunden haben. Zwei- bis vierjährige Geschwister geraten sogar alle zehn Minuten aneinander.

Psychoterror und banale Gründe: Streiten bis zum Beißen

Die Gründe sind meist banal und lassen sich bei uns schnell in folgenden Aussagen zusammenfassen:

„Ich habe es aber zuerst gehabt“

„Ich habe es zuerst gesagt“

„Das ist aber meins“

„Ich wollte das aber“

„Fritzi/Emma hat zu mir gesagt, dass … ich ein Popo bin/ich klein bin/der Mond eine Sonne ist“

Wenn sie den anderen verletzen wollen, haben sie schon als Zweijährige eine perfide Strategie erfunden, die den jeweils anderen böse zur Weißglut treibt. „Ich bin Fritzi“, sagt Emma. „Nein, ich bin Fritzi“, erwidert Fritzi. „Nein, ich.“ – „Nein, ich!“ Aussichtslos. Ein wirklich fieser Streit in Endlosschleife.

Darauf folgen Tränen kleine Kabbeleien und Bisse. Bisse? Bisse! Genau an diesem Punkt wurde mir klar, dass der Geschwisterstreit zwischen Fritzi und Emma lediglich einer Übung dienen. Denn: Wenn die Kinder einmal Bisse aus der Kita mit nach Hause genommen haben, waren da deutliche Spuren, ja einmal sogar war Blut zu sehen. Wenn sich Fritzi und Emma beißen, dann ist da … nichts! Es ist wie ein unausgesprochenes Gesetz: Wir ärgern uns, wir streiten uns, und ja, wir tun uns auch einmal weh. Aber wir kennen unsere Grenzen. Und die beginnen dann, wenn es körperlich weh tut. Dass diese Grenzen ausgelotet werden, gehört ab und an auch mal dazu. An den Haaren ziehen, schubsen oder anbuffen gehört genauso dazu wie Dinge aus den Händen reißen oder den anderen bei der Mama verpetzen.

Nicht nur das Streiten, auch das Nachgeben haben sie gelernt

Und doch habe ich das Gefühl, dass die Zwillingsmädchen einen absoluten Vorteil gegenüber Einzelkindern haben, die erst später in Form einer Schwester oder eines Bruders einen Kontrahenten bekommen. Fritzi und Emma konnten von Tag 1 eine Streitkultur anlegen, sie können sich zoffen, ja, auch vertragen. Sie können einstecken und wissen, wie es ist, einmal nachzugeben.

Wenn die eine krank ist, streichelt die andere ihr über den Kopf und bringt das Lieblingskuscheltier. Bei zwei Stückchen Schokolade bringt eine Schwester der anderen das Stück und isst dann ihr eigenes.

Und wenn sie dann wieder auf dem Trampolin streiten, wer in der Mitte hochhüpfen darf, wer das Pony-Buch zuerst hatte oder wer das Einhorn am Waldesrand zuerst gesehen hat, dann denke ich an die beiden im Bauch zurück. Dicht an dicht, 39 Wochen lang zurückstecken, teilen, Rücksicht nehmen und bis heute ist es so geblieben. Das ist durchaus eine Leistung.

Hella B.

Hella ist gerade mit ihrem Mann Christoph und den Zwillingen Fritzi und Emma von der Innenstadt an den Münchner Stadtrand gezogen. Sie spielt schlecht und gerne Klavier, kocht sehr gern und teilt mit ihren Mädchen das große Hobby lesen. Hella arbeitet für ein großes Kaffeeunternehmen im Bereich Social Media. Den Job als Mama hat sich Hella irgendwie anders vorgestellt - davon berichtet sie regelmäßig in ihrer Kolumne.