Nachhaltigkeit im Familienalltag: Ist das überhaupt machbar?

FREITAG, 15.11.2019 Tina

Sobald man Mutter wird, rückt Nachhaltigkeit vermehrt ins Blickfeld. Schließlich will ich, dass mein Kind eine Zukunft hat, sonst könnte ich mir den ganzen Aufwand auch sparen. Aber wie lässt sich Klimaschutz in den Familien-Alltag einbauen?  

In Zeiten, in denen die Welt von einem 16-jährigen Mädchen aufgerüttelt werden muss, sollte sich jeder Gedanken über die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz machen. Und erst recht, wenn man Kinder hat. Das Thema "Zukunft" bekommt nämlich eine viel breitere Bedeutung als vorher. Kinderlos ist es einfach, mit der "Nach mir die Sintflut"-Attitüde 90 Jahre auf diesem Planeten zu verbringen. Ist natürlich aufs Karma bezogen trotzdem eine miese Art zu leben. Aber wenn ein Kind ins Spiel kommt, muss man jeglichen soziopathischen Gedanken im Keim ersticken, denn dann verlängert sich diese "Zukunft" um weitere 90 Jahre. Und da hört es nicht auf, Enkelkinder und so. Es wäre doch wirklich unlogisch, jeden Tag von morgens bis abends unter Einsatz aller Kräfte dafür zu sorgen, dass es dem Spross gut, wenn sich in 50 Jahren die Welt, in der er lebt, gegen ihn wendet und jeglichen elterlichen Aufwand zunichte macht. Und das nur, weil wir unbedingt jeden Sommer eine Kreuzfahrt machen mussten oder das Frühstücksbrot täglich in Alufolie einwickeln.

Nachhaltigkeit ist also eins der Themen, die erst so richtig in mein Gesichtsfeld gerückt sind, als ich Mutter wurde. So wie Wäscheetiketten (Kinderpullover: Handwäsche, kein Trockner? WTF?) oder der Strauch mit den schwarzen, lecker aussehenden, wahrscheinlich tödlichen Beeren in unserem Garten. Aber es fällt mir schwer, hier gute Kompromisse zu finden. Denn ohne Kompromisse geht es nicht, schon gar nicht mit Kleinkind. Es fängt bei den Windeln an. Mir war klar, dass täglich fünf bis acht Wegwerfwindeln schlecht für die Umwelt sind, aber deswegen auf Stoffwindeln umsteigen? Dazu konnte ich mich einfach nicht durchringen. Auch die Fläschchen-Armada, sowie die ersten Teller und Löffel waren aus Plastik. Einfach, weil es wenig anderes zu kaufen gibt und es schon einen Grund hat, warum man hier kein Glas oder Porzellan verwendet. Aber man sollte auch nicht zu hart zu sich sein. Einfach mit kleinen Dingen anfangen, nicht jeder muss gleich mit einem Segelboot den Atlantik überqueren.

Kleine Veränderungen helfen schon

Es gibt Sachen, die kann man einfacher kontrollieren und in den Familienalltag einbauen. Hauptsächlich geht es um Aufmerksamkeit, die man auch an die Kinder weitergibt. Wenn meine Tochter Matilda Zähne putzt, bitte ich sie, das Wasser währenddessen auszustellen. Ich erkläre ihr, dass nicht 15 Blätter Klopapier nötig sind, um einen Kinderpopo sauber zu bekommen. Ihr Kindergeschirr ist jetzt hauptsächlich aus Bambus, das hat genauso tolle Farben wir das Plastikzeug. Die ganze Familie trinkt Leitungswasser, Plastikflaschen kommen nur selten ins Haus. Und Strohhalme werden nicht mehr gekauft. Auch wenn der ganze Supermarkt es mitbekommt, dass Matilda ohne die Eiskönigin-Trinkhalme auf keinen Fall weiterleben kann.

Seit meine Tochter auf der Welt ist, recycle ich nicht nur Papier und Glas, sondern auch Plastik und Lebensmittelreste. Ja, der Kompost-Eimer ist keine Freude, aber wenn man ihn alle zwei Tage leert, passt das schon. Beim Obst- und Gemüse-Einkauf benutze ich keine Mini-Plastiktüten mehr, sondern entweder gar nichts oder ein Mehrfachnetz. Auch wenn ich mich über das Ding immer aufrege, weil das Wiege-Etikett überall klebt nur nicht da drauf. Ich versuche, nach Saison einzukaufen. Also Erdbeeren nur im Sommer, Kürbis im Herbst und Avocado am besten gar nicht. Auch hilfreich: Nicht immer alles neu kaufen! Ich tausche viele Kinderklamotten mit anderen Müttern und besorge Matilda Spielzeug auf dem Flohmarkt. Ausgediente Kindersachen verkaufe ich über ebay Kleinanzeigen, auch wenn ich mich nach den Konversationen dort frage, warum ich diese Welt eigentlich retten will.    

Manchmal geht es einfach nicht

Jetzt rede ich hier als wäre ich Gretas Großtante. Natürlich gibt es genug Dinge, bei denen mir die Nachhaltigkeit schwerfällt oder bei denen ich sie bewusst ignoriere. Wenn auch mit schlechtem Gewissen. Mein Auto gebe ich zum Beispiel nicht her. Ich räume ein, dass ich ein fauler Mensch bin. Jeden Morgen 45 Minuten früher aufstehen, damit ich Matilda mit der U-Bahn in den Kindergarten bringen kann, kommt für mich nicht in Frage. Drei Einkaufstaschen auf dem Fahrrad nach Hause balancieren auch nicht. Manchmal muss ich auch Kompromisse meiner Tochter zuliebe eingehen. Das Kind isst nur Vollkornbrot, wenn es die EINZELN in Plastikfolie verpackten Minibrote mit lustigen Figuren drauf sind. Ja, ich habe größeres Brot mühevoll zurecht geschnitten und mit bemalten Papiertüten umwickelt - es war nicht dasselbe. Auch im Plastiktütchen verpackte schrumpelige Apfelstücke von McDonalds schmecken viel besser als die frische Variante. Und es gab eine Zeit, da musste ich täglich voller Schuldgefühl mehrere Frucht-Quetschie Hüllen entsorgen, während ich den frisch pürierten Obstbrei selbst verdrückte.

Aber mit der Nachhaltigkeit ist es wie mit vielen Dingen im Leben als Mutter: Man muss es nicht perfekt machen. Einfach mal anfangen, Gewohnheiten hinterfragen, realistische Ziele stecken und sich über Umgesetztes freuen. Der Kaffee beim Bäcker um die Ecke schmeckt im selbst mitgebrachten Mehrweg-Becher genauso gut. Auch wenn du ihn im Auto trinkst.

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Mit Kindern ist ein nachhaltiger Familienalltag nicht immer einfach. Doch es gibt Möglichkeiten, den Klimaschutz einzubauen. Das Zauberwort: Kompromisse eingehen!

Gezwitscher

Eine im letzten Jahr viel diskutierte Studie von Kimberly Nicholas und Seth Wynes zeigt auf, was der Einzelne am besten zum Schutz des Klimas unternehmen kann. Dabei kam heraus, dass die effektivste Maßnahme mit weitem Vorsprung der Verzicht auf Kinder ist. Das spart je nach Alter und Lebensumstand des Kindes 23,7 bis 117,7 Tonnen CO²-Äquivalent-Ausstoß pro Jahr. Auf Platz 2 und mit 1 bis 5,3 Tonnen pro Jahr weit abgeschlagen der Verzicht aufs Auto. Tja, ich würde sagen, zu spät. Aber vielleicht kann ich Matilda ja dazu bringen, ein bisschen weniger zu atmen.

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.