Richtig trösten – wie geht das?

FREITAG, 12.10.2018

Das aufgeschürfte Knie, das kaputte Lieblingsspielzeug oder das Tränchen, weil es kein Eis mehr gibt. Kinder weinen schnell mal. Müssen Eltern da wirklich immer trösten?

Wenn dicke Tränen langsam über die Wangen rollen und das Schluchzen nicht nachlassen will, sind Mami und Papi gefragt: Trösten ist angesagt. Das ist gar nicht immer so leicht. Denn auch wenn wir unsere Kinder mit Sätzen wie "Das ist doch gar nicht schlimm" beruhigen und ablenken wollen, zeigen wir ihnen damit gleichzeitig, dass wir ihren Kummer nicht ernst nehmen. Aber müssen wir wirklich jede Kleinigkeit anhören und besprechen?

Trost schenkt Kraft

Im Prinzip ja, denn Trost ist für unsere Kinder enorm wichtig. "Babys kommen mit einem unreifen Nervensystem auf die Welt. Ihre Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu regulieren, ist sehr schwach ausgebildet und entwickelt sich erst im Laufe der ersten Lebensjahre. Angst, Wut und Stress sind Gefühle, die kleine Kinder hauptsächlich durch Fremdregulation verarbeiten können. Ganz langsam erlernen sie im Laufe ihres Lebens Strategien, um unangenehme Zustände selbst zu regulieren," erklärt uns Danielle Graf. Sie hat gemeinsam mit ihrer Freundin Katja Seide das Buch "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn" geschrieben. Auf ihrer Webseite beschäftigen sich die beiden Autorinnen mit allem, was in Sachen Kindererziehung und Entwicklung wichtig ist, unter anderem auch mit dem Thema "Kinder trösten". Dabei können die Freundinnen auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen, sei es aus ihrem eigenen Familienalltag mit Kind, aus dem Job als Sonderschullehrerin oder Frühförderin.

Theorie und Praxis

Sie wissen auch, dass Theorie und Praxis manchmal ganz schön weit auseinander liegen. Im stressigen Alltag, mit Job, Geschwisterkindern und Haushalt ist es als Mama nicht immer einfach, allem gerecht zu werden und Trost zu spenden. Da brutzelt gerade das Abendessen auf dem Herd, das Baby will gestillt werden und der große Bruder weint, weil das Ohr vom Lieblingsteddy am letzten Faden hängt. Mamis können sich im Alltag tatsächlich nicht zerreißen. Was also tun, wenn einfach gerade keine Hand frei ist? Denn eines ist klar: Es wird immer mal wieder Situationen geben, in denen Eltern nicht so handeln können, wie sie es eigentlich wollen würden. "Das ist vollkommen normal und kein Kind der Welt hat den Anspruch, dass Eltern immer zu 100 Prozent pädagogisch korrekt handeln. Das ist auch schlicht unmöglich. Wichtig ist an dieser Stelle, die Bedürfnisse aller abzuwägen. Trost ist für mich persönlich dabei relativ wichtig, vor allem, wenn Kinder so klein sind, dass sie sich nur schwer selbst beruhigen können. Verschiebt man den Trost, kann es sein, dass eine Spirale entsteht, aus der Kinder selbst mit elterlicher Hilfe nur noch sehr mühsam herausfinden. Ein paar tröstende Worte und eine Umarmung können also einen halbstündigen Weinanfall vorbeugen, daher lohnt es sich meist, diese Zeit zu investieren."

Auszeit hilft den Eltern

Aber was, wenn wir es als Mama nicht schaffen, sofort liebevoll zur Seite zu stehen? Mamas sind ja auch nur Menschen und haben eventuell gerade ihre eigenen Themen und Probleme. Eltern können einfach nicht immer angemessen trösten, in Momenten in denen sie selbst eher wütend oder genervt sind. Danielle Graf rät in solchen Situationen, sich in ruhigeren Zeiten schon mal mit Stressbewältigungsstrategien zu befassen. Fast alle Elternteile werden irgendwann oder häufiger Situationen erleben, die sie zur Weißglut bringen. Zu wissen, wodurch man sich selbst schnell beruhigen kann, sei in diesen Momenten besonders wichtig. "Wenn wir unter Stress stehen, neigen wir oft dazu, garstig zu werden, um unsere Wut zu kanalisieren. Da fallen manchmal ganz schreckliche Worte, die man hinterher furchtbar bereut. Wenn man merkt, dass die Wut so groß ist, dass man ausfällig - oder im schlimmsten Fall droht handgreiflich zu werden, sollte man die Situation umgehend verlassen.Die "stille Treppe" also für Eltern? Warum nicht. Wir haben alle schon Situationen erlebt, in denen wir überfordert und hilflos waren, die Tränen hochsteigen und der Kloß im Hals immer dicker wird. Eine kleine Auszeit – und sei es nur ein Kaffee ganz in Ruhe – kann da Wunder wirken. Schon werden die Probleme kleiner, die Wut verpufft und wir spüren, dass das unordentliche Kinderzimmer doch kein großes Thema ist. Sind wir wieder entspannt, können wir auch unsere Kids ruhig und liebevoll in den Arm nehmen. 

Wer tröstet eigentlich Mama?

Wobei natürlich auch klar ist: Es ist nicht immer möglich, das Zimmer zu verlassen und 15 Minuten Kinder-Pause zu machen. Dann laufen auch bei Mami mal die Tränen. Viele haben danach ein schlechtes Gewissen, denn sie wollen nicht vor den Kindern weinen. Sie befürchten, dass die Kids mit diesen Emotionen nicht umgehen, sie nicht einordnen können. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: "Natürlich dürfen Mamas weinen. Sollten Sie sogar. Kinder sollen ruhig sehen, wenn ihre Handlungen bei dem anderen solch tiefe Emotionen auslösen. Manipulierend aus Berechnung weinen oder Drohungen wie "Dann ist Mama aber ganz traurig, wenn du das machst" hingegen sind schädlich. Aber echtes In-Tränen-ausbrechen ist authentisch." Wichtig ist es, dass du die Situation später mit deinem Kind besprichst. Das gilt auch dann, wenn du es tagsüber einmal nicht geschafft hast, die Tränen deines Spatzes zu trocknen. So sehen sie, dass Mama ihre Gefühle doch ernst nimmt und nicht einfach übergeht.

Fehlender Trost beeinflusst das ganze Leben

Denn mittlerweile wissen wir, dass zu wenig Trost in der Kindheit Einfluss auf das spätere Leben haben kann. "Fehlender Trost kann Verknüpfungen im Gehirn anlegen, die das Stressempfinden und unsere Regulationsfähigkeit lebenslang beeinflussen. Er wirkt sich auch negativ auf die Eltern-Kind-Bindung aus, wodurch es zu einer verringerten Ausschüttung des Hormons Oxytocin kommt. Ist im Körper zu wenig davon vorhanden, steigt der Cortisolspiegel. Dies kann dazu führen, dass das Stressreaktionssystem überempfindlich wird, was Alkoholmissbrauch, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen begünstigt." Das klingt natürlich erstmal heftig, aber zeigt, wie wichtig es ist, auf die Gefühle unserer Kinder einzugehen und sie nicht zu übergehen. 

Ignorierte Bedürfnisse verstärken sich

Es gibt natürlich auch die anderen Momente. Diejenigen, in denen dein Kind nur deine Aufmerksamkeit erregen will. In denen Kinder erkennbar mit dem Jammern übers Ziel hinausschießen. Und jetzt? Sollen wir sie links liegen lassen oder auf sie eingehen? "Wir selbst wurden häufig in solchen Situationen aufgefordert, nicht zu übertreiben oder ignoriert. Wir neigen dazu, unbewusst das von unseren Eltern vorgelebte Verhalten nachzuahmen, weswegen oft in uns derselbe Impuls entsteht." Dabei muss dieses Verhalten nicht immer richtig sein. Wenn wir versuchen unsere eigenen Schranken zu durchbrechen, anstatt etwa genervt zu sein, könnten wir uns eigentlich darüber freuen, dass unser Kind so kompetent ist, ein Bedürfnis zu erkennen (fehlende Aufmerksamkeit) und einen Weg gefunden hat, dieses Bedürfnis zu erfüllen. Denn Danielle bestätigt, dass gestillte Bedürfnisse verschwinden, während ignorierte immer stärker werden. Doch genau das, nämlich die erlernten Verhaltensweisen zu durchbrechen, fällt uns manchmal extrem schwer. Also ist es auch logisch, dass wir uns ab und an schwer tun, Trost zu spenden. "Jetzt übertreib nicht so!" oder "Nun stell dich doch mal nicht so an!" – das kenne wir alle. Diese Glaubenssätze haben sich bei unseren Eltern eingeprägt. Sie haben sie an uns weitergegeben und wir geben sie an unsere Kinder weiter. Dabei ist dieses "Tapfer sein" ein Relikt aus der Erziehung der NS-Zeit. Damals wollten Eltern verhindern, Kinder durch Trost weich und sensibel zu machen. "Es wurde in Erziehungsratgebern viele Jahrzehnte generell davon abgeraten, einem Kind Trost zu spenden, weil es das Kind verwöhne und verziehe. Übrig geblieben ist dieses Gedankengut bis heute in Form von "Nun hab dich nicht so!", "Indianer kennen keinen Schmerz" und "Reiß dich mal zusammen!" Sich davon zu lösen, ist sehr kräftezehrend." Und nicht immer einfach. Deswegen haben wir 7 praktische Tipps, an denen du dich im Alltag orientieren kannst:

1. Wie tröste ich richtig? Welche Wortwahl verwende ich?

Die Wortwahl ist gar nicht so entscheidend. Du musst wissen, dass vor allem kleine Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren keine komplexen Sätze verstehen, wenn sie sehr aufgeregt sind. Im Gehirn ist das Sprachzentrum noch sehr eingeschränkt, weswegen du sie gut mit sehr einfachen Sätzen und Wiederholungen erreichst. "Au, das tat weh!" oder "Du bis wütend!" kommen im Gehirn am besten an. Später ist es wichtiger, welche Gefühle gezeigt werden, bspw. wirkliches Mitleid oder echtes Einfühlungsvermögen. Was genau du sagst, ist dann weniger wichtig. Nur Bagatellisierungen und Negierungen solltest du möglichst vermeiden.

2. Wie tröste ich Geschwisterkinder, wenn sie sich streiten und sich beide ungerecht behandelt fühlen?

Beim Trösten geht es ja nicht darum, die Situation zu klären oder zu bewerten. Jeder Mensch hat jederzeit das Recht, traurig zu sein. Unser Trost will Mitgefühl dafür vermitteln, dass es dem anderen gerade nicht gut geht. Ob er nach unserem Empfinden rein sachlich einen "echten" Grund hat, sich traurig zu fühlen, können wir gar nicht beurteilen. Daher spricht nichts dagegen, tröstende Worte für beide zu finden, dass sie ihren Konflikt nicht lösen konnten und ggf. Hilfe dabei anbieten.

3. Das aufgeschürfte Knie – und jetzt?

Kinder haben ein recht gutes Körpergefühl dafür, wie schlimm eine Verletzung ist. Wenn sie also sehr stark jammern und klagen, darfst du ihm ruhig ausreichend Aufmerksamkeit schenken. Du musst sie übrigens nicht auffordern, nach dem Stolpern wieder aufzustehen, das ist eine vollkommen natürliche Bestrebung. Und wenn die Situation genutzt wird, um eine Extraportion deiner Aufmerksamkeit abzubekommen, ist das ja auch nicht schlimm.

4. Wie wichtig ist es Ängste/Alpträume von Kindern ernst zu nehmen? Oder ist es besser ihnen zu erklären, dass es nur Ängste sind und es keine Monster gibt?

Beides! Du solltest die Ängste sowohl ernst nehmen, als auch erklären, dass rational kein Grund dafür besteht. Letzteres wird manchmal, aber nicht immer dazu führen, dass die Ängste verschwinden. Aber häufig werden sie unsere Kinder auch eine Weile begleiten. Es gibt eine ganz bestimmte Reihenfolge, in der Ängste im Leben auftreten. Wenn du dir bewusst machst, dass sie zur kindlichen Entwicklung einfach dazu gehören, bist du in der Regel geduldiger dabei, die Ängste zu begleiten. 

5. Wie tröste ich mein Kind, wenn die Eltern getrennt sind und es einen Elternteil vermisst?

Auch hier gilt wieder: Wichtig sind nicht die konkreten Worte, sondern das Gefühl zu vermitteln: Ich sehe, dass du traurig bist. Traurigsein ist vollkommen in Ordnung. Ich bin für dich da und werde dir zuhören und mit dir kuscheln, bis es dir besser geht. "Mama kommt doch bald wieder!" ist dabei nicht ganz so hilfreich, weil Kinder bis zum etwa 9. Lebensjahr kein ausgereiftes Zeitempfinden haben. Solche Äußerungen bagatellisieren eher den tatsächlichen Schmerz.

6. Wie sollen Großeltern trösten, wenn die Kleinen beim Abschied von Mama und Papa weinen?

Genau so, wie eben beschrieben. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass Trost nicht bedeutet, mit Worten möglichst effektiv das Weinen abzustellen. Trost bedeutet, den Schmerz liebevoll zu begleiten - so lange es das Kind eben braucht.

7. Warum suchen Kinder zum Trösten eher die Nähe der Mama?

Das liegt daran, dass die Mütter in den meisten Familien die Bindungsperson Nummer 1 sind. Das ist der Tatsache geschuldet, dass sie in den ersten Wochen und Monaten den größten Teil der Betreuung - von der Nahrungsaufnahme bis zum Kuscheln - übernehmen. Das stärkt die Bindung sehr intensiv. In Stresssituationen suchen Kinder instinktiv die Nähe der ihnen vertrautesten Personen. Im Laufe des Lebens erweitern sie diesen Personenkreis aber meist.

Zum Abschluss sei noch gesagt: Mama und Papa müssen und können gar nicht immer alles richtig machen. Aber je mehr wir darüber wissen, unser Verhalten vielleicht reflektieren und nach neuen Regeln suchen, die wir nicht befolgen weil es schon immer so war, sondern weil sie uns aus dem Herzen sprechen, umso besser wird es uns gelingen, an unseren Aufgaben zu wachsen. 

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MeinSpatz Gezwitscher

Eine Mama aus unserer Redaktion erzählt: "Stress in der Arbeit, Streit mit meinem Mann und dann waren meine Kinder auch noch rotzfrech und mega jammerig. Ich konnte nicht mehr, die Tränen liefen ohne Kontrolle. Ich saß auf der Couch und weinte. Meine Jungs waren erst irritiert. Dann kam mein Vierjähriger und danach sein kleiner Bruder zu mir. Sie streichelten meinen Arm und der Große sagte: "Mami, alles wird wieder gut. Nicht weinen. Ich hab dich lieb." Er gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich fühlte mich sofort erleichtert, geliebt und empfand auch die körperliche Nähe als sehr tröstend. Seitdem weiß ich, wie wunderbar trösten sein kann und dass auch Mamas mal Trost brauchen."