Schadet Fernsehen und Video schauen Kleinkindern?

DIENSTAG, 09.01.2018

Dürfen auch Kinder unter 3 Jahren schon vor der Flimmerkiste sitzen? Tipps und Beispiele zum Medienkonsum von Kleinkindern. 

Die Mediennutzung hat sich in den letzten 10 Jahren sehr verändert. Schon lange ist der Fernseher nicht mehr das einzige Medium, mit dem man Videos und Sendungen schauen kann. Dein Kind wächst in diese veränderte Welt hinein. Es wird als sogenannter „Digital Native“ aufwachsen. Von Beginn an, ist unser Nachwuchs heute von digitalen Medien umgeben und wird lernen müssen, damit umzugehen. Denn Medienkompetenz ist für die Zukunft deines Kindes essentiell. Daher solltet ihr euch als Eltern genau informieren und auswählen, was und in welcher Intensität euer Spatz konsumiert. Aber wie viel ist zu viel? Und ab wann denn jetzt überhaupt?

Das sagen Experten

Die meisten Experten raten bei Kindern unter 3 Jahren von einem Fernsehkonsum komplett ab. Laut der Initiative Schau hin! überlastet bewegte Bilder Kleinkinder in erster Linie: „Das komplexe Zusammenspiel von Bild und Ton in einer fortlaufenden Geschichte überfordert ihre Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeiten.“ Gerade bei häufigem Perspektivwechsel und schnellen Schnitten kommt das sich entwickelnde Gehirn häufig noch nicht mit.

Oft hat man als Eltern das Gefühl den Kindern mit so mancher wertvollen und kindgerechten Sendung etwas Gutes zu tun. Dem wiederspricht Dimitri Christakis vom Kinderforschungszentrum in Seattle: „Keine Studie hat bisher gezeigt, dass das Fernsehen kleinen Kindern irgendeinen Nutzen bietet.“ Dafür gibt es etliche Studien die das Gegenteil beweisen. Übermäßiger Konsum beeinträchtigt bei Kleinkindern die sprachlichen Fähigkeiten, wirkt sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit aus und lässt sie schlechter schlafen. Weitere Folgen können Übergewicht und Hyperaktivität sein. Deshalb empfiehlt auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass Kinder unter 3 Jahren überhaupt nicht fernsehen sollten.

Auch wenn der Fernseher lediglich im Hintergrund läuft: Forscher der Universität von Massachusetts fanden in einer Studie heraus – selbst das kann der Entwicklung eines Kindes schaden. Das sagt auch die Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Christa Schaff: "Fernsehen im Hintergrund stört durch seine ständig wechselnden audiovisuellen Reize Kinder bei intensiver spielerischer Beschäftigung und stellt somit eine potentielle Gefahr dar." Kleinen Kindern wird schnell mal alles zu viel. Auf Dauerberieselung reagieren sie deshalb nervös, wütend oder erschöpft.

Das ist die Realität

Aber mal ganz ehrlich. Wie soll man es schaffen, Kleinkinder von bewegten Bildern fernzuhalten? Da sind auf der einen Seite vielleicht Geschwisterkinder, die schon älter sind und fernsehen dürfen. Oder auch der eigene Konsum: Egal ob Fußballweltmeisterschaft oder mal eben ein Video von der Freundin auf dem Handy checken, der kleine Spatz ist natürlich immer mit dabei. Und dann kommt einem natürlich die ablenkende Wirkung eines kleinen Filmchens oftmals zu Gute. Zum Beispiel beim Nägel schneiden. Oder es verschafft dir eine kurze Pause, wenn der Nachwuchs mal wieder gelangweilt und ziemlich anstrengend ist. Jede Mama kennt diese Situationen.

Das Problem sieht auch der Medienpädagoge Christian Kitter von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e. v. (fsf): „Die Experten sind in der Tat der Ansicht, dass Fernsehen und andere Bewegtmedien für die 1-3-Jährigen nicht geeignet sind, haben aber meiner Ansicht nach noch zu wenig Antworten darauf, wie Eltern dies im Alltag umsetzen können, wenn sie nicht selbst völlig medienabstinent leben wollen.“ Dass Medien zum Alltag dazugehören hält er auch nicht grundsätzlich für problematisch. Wenn möglich, sollte man damit entspannt umgehen. Er erklärt das mit einem Beispiel: „Sieht ein 3-jähriges Kind ein Fußballspiel auf dem Fernseher, wird es sicherlich keinen Schaden nehmen. Die mögliche Überforderung und Reizüberflutung wird schnell dazu führen, dass das Kind das Interesse verliert und lieber selbst einen Ball durch den Flur schießen möchte. Wichtiger wäre dann eher, das Kind darin zu bestärken und sich nicht etwa über den Lärm zu beschweren. Im besten Fall: mitspielen und später weiterschauen.”

Weitere Tipps und Beispiele für deinen Medien-Alltag mit Kleinkind haben wir hier zusammengestellt:

Tipps zum ersten Videokonsum

An die eigene Nase fassen: Das hörst du jetzt vielleicht nicht gerne, aber das wirksamste Mittel deinen Nachwuchs zu schützen, ist den eigenen Medienkonsum kritisch zu hinterfragen. Muss die Handynachricht wirklich JETZT gelesen und beantwortet werden oder kann ich das auch später machen? Kann ich mir die Fernsehsendung vielleicht aufnehmen oder per Video on Demand anschauen, wenn das Kind schläft? Wenn dein Nachwuchs dich stets am Handy oder vor dem Fernseher sieht, wird er a) selbst schneller und stärker ein Interesse daran haben und b) weniger Offenheit für Alternativen wie Bücher oder Hörspiele entwickeln. Für den Medienpädagogen Christian Kitter ist gerade bei jungen Kindern der vorgelebte eigene Umgang, der größte Aspekt bei der Medienerziehung „Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das nicht nur einer der wichtigsten Punkte ist, sondern auch einer, der täglich eine ungeheure Disziplin vom Elternteil einfordert – zumindest, wenn man selbst Spaß an Medien hat. Letztlich ist es dann also doch wieder eine Frage der Dauer und Häufigkeit, bei der ein gesundes Mittelmaß gefunden werden muss.“ Aber Vorsicht: Alle medialen Tätigkeiten heimlich zu machen ist ebenfalls kontraproduktiv. Auch Kleinkinder spüren, dass da etwas sehr Interessantes vor ihnen verheimlicht wird.

Die Kontrolle behalten: Kinder unter 3 Jahren sollten möglichst nur in Ausnahmefällen oder selten Fernsehen bzw. Videos schauen dürfen. Die Zeit solltest du streng begrenzen: auf maximal 10 - 15 Minuten. Was und wie viel geschaut werden darf, entscheidest du – lass dich auf keine Diskussionen ein. Bei Kleinkindern sollten Eltern alleine entscheiden, was ihr Nachwuchs darf und was nicht. Vermeide es deinem Spatz zu früh Eigenverantwortung in Bezug auf Medienkonsum zu übertragen – ihm z. B. ein eigenes Gerät zu überlassen (Handy, Tablet, eigenen Fernseher im Kinderzimmer) ist keine gute Idee. Was uns zum nächsten Punkt führt.

Lass dein Kind nicht allein: Nur so kannst du sehen, wie es auf das Programm reagiert. Manche Handlungen werfen Fragen auf, die von einem Erwachsenen beantwortet werden sollten. Gerade jüngere Kinder müssen das Gesehene ja auch irgendwie verarbeiten, wollen vielleicht auch nur mal erzählen, was sie Tolles beobachtet haben. Und dafür brauchen sie Zuhörer, die auch nachfragen: "Warum hat dich das denn so begeistert?" oder im problematischen Fall "Was hat dir denn besonders Angst gemacht?" Schaut einfach gemütlich zusammen die Sendung und redet darüber. So erfährst du auch mehr über die Vorlieben deines Kindes. Christian Kitter von der fsf drückt es so aus: „Durch die verbale Verarbeitung lernen Kinder so viel mehr an Bewusstwerdung, als wenn sie still konsumieren und nicht wissen, wo sie mit ihren ganzen unverarbeiteten Eindrücken hinsollen. Und Fragen haben nicht nur die jüngsten Kinder. Diese Neugier auf mediale Inhalte, verbunden mit einer immer wieder aufkommenden Verunsicherung, bleibt ja bis ins Erwachsenenalter erhalten. Gut, wenn man dann frühzeitig gelernt hat, sich mit anderen differenziert über Medien auseinanderzusetzen.“    

Auch wenn du am Wochenende liebend gerne ausschlafen möchtest (das kennen wir alle!) und es praktisch wäre, deinen Spatz so lange vor dem Fernseher zu „parken“: Es gibt andere Lösungen. Einer steht auf und der andere bleibt liegen, wäre eine Möglichkeit. Oder siehe nächster Punkt.

Alternativen anbieten: Fast alle Kleinkinder lieben es Bücher anzuschauen oder kleinere Geschichten vorgelesen zu bekommen. Oder spiel doch einfach ein altersgerechtes Hörspiel ab. Gerade in Kombination mit Musik kommt das gut an. Die Empfehlung lautet in diesem Alter, Hörmedien maximal 30 Minuten pro Tag zu nutzen. Wiedererkennen ist dabei ein großes Stichwort: Die gleiche Figur kommt im Bilderbuch und Hörspiel vor? Perfekt! Christian Kitter warnt davor, Kleinkindern Videos immer in der gleichen Situation als Ablenkung anzubieten. Das mag beim Nägel schneiden noch kein Problem sein. Anders sieht es bei Situationen in der Öffentlichkeit aus, erzählt uns der Medienpädagoge: „Wie häufig sehe ich Erwachsene in Restaurants, die ihren Kindern ein Tablet in die Hand drücken, damit sie sich mit Freunden unterhalten können. Vielleicht kann man das Kind verabreden oder bei der Oma übernachten lassen? Oder man wechselt sich bei der Betreuung im Restaurant halbstundenweise ab. Bei 1 bis 3-Jährigen wäre das immens wichtig, da sie sonst dieses Schema ganz schnell abspeichern und jedes Mal wieder aufrufen. Möchte man eine ähnliche Situation dann mal anders gestalten, hat man kaum noch eine Chance, da dass Kind das Handy dann sogar einfordert. Solche eingefahrenen Abläufe rückgängig zu machen ist 100-mal schwieriger als sie einzuführen.“ Aber natürlich ist auch mal das Handy erlaubt. Versuch es doch anstatt mit Videos z. B. mit einer Bilderbuch-App.

Sorgfältig auswählen: DVDs oder Video on Demand eignen sich häufig besser, als Fernsehen. So bist du nicht an Uhrzeiten und Programm gebunden und kannst bewusst passende Angebote auswählen. Dass du das Richtige heraussuchst, setzt aber auch voraus, dass du dich ein bisschen auskennst. Rezensionen helfen natürlich, aber nur weil die Sendung gut für ein anderes Kind im gleichen Alter ist, heißt das noch lange nicht, dass dein Spatz damit zurechtkommt. „Eltern, die über Kinderprogramme informiert sind und vielleicht die eine oder andere Sendung schon mal gesehen haben, können später leichter entscheiden, was sie ihrem Kind zumuten können. Eine Spielshow wie "Joko und Klaas" ist nur etwas für Erwachsene. Für Kinder gibt es eigene Spielshowformate auf den einschlägigen Kinderkanälen. Aber das kann ich nur wissen, wenn ich mich über das Programm auf dem Laufenden halte“, meint Christian Kitter.

Medienkonsum als Highlight: Fördere die Medienkompetenz deines Kindes mit seltenen aber speziellen Aktionen: Die ganze Familie schaut gemeinsam 15 Minuten eine Kindersendung für die ganz Kleinen (ABC Bär, Miffy etc.). Eine andere Idee ist es, zusammen einen kurzen Stop-Motion-Film aus Lego oder Knetmännchen aufzunehmen und ihn sich anschließend anzusehen (z. B. mit einer App). Oder man fotografiert oder filmt bei einem gemeinsamen Spaziergang Insekten. Auf diese Art bleiben Medien etwas Besonderes, ohne dass sie unseren Alltag bestimmen. Empfehlungen für geeignete Kindersendungen findest du z. B. auf flimmo.de.  

Nicht direkt vor dem Schlafengehen: Im besten Fall liegt zwischen Ausschalten und Schlafengehen ein bisschen Zeit, damit dein Spatz zur Ruhe kommen kann.

Vorsicht bei den FSK Freigaben: Sie sind keine pädagogischen Empfehlungen. Du solltest dich deshalb immer vorher mit dem Inhalt des Videos auseinandersetzen. Manche Disney-Filme z. B. sind zwar mit einem FSK 0 gekennzeichnet, aber in der Handlung geschehen trotzdem dramatische Dinge, wie im „König der Löwen“ der Tod des Vaters. Das kann viele Kleinkinder verunsichern und Ängste schüren. Du weißt am besten, was Dein Nachwuchs aushält und was nicht.

Bei älteren Geschwisterkindern: Was für dein größeres Kind in Ordnung ist, kann für dein Jüngstes negative Folgen haben. Keine einfache Situation, die viel Durchhaltevermögen und Diskussionsbereitschaft verlangt.

Fazit: Kontrolliert und in Maßen

Christian Kitter rät dazu, bei Kindern bis zu 3 Jahren den Medienkonsum möglichst zu vermeiden. Ab dann sollte die begleitende Medienerziehung so langsam "gestartet" werden. Dass das in unserer heutigen Welt schwierig umzusetzen ist, weiß er. Wie so oft ist das Maß der Dinge entscheidend. Wir hoffen, wir konnten euch eine Orientierung an die Hand geben. Letztendlich ist jede Familie und jedes Kind unterschiedlich. Ihr findet euren Weg!

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MeinSpatz Gezwitscher

Mehr über die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF) findest du auf fsf.de