Schluss jetzt, weg damit! Die Schnuller Abgewöhnung steht an

FREITAG, 16.08.2019 Tina

Am Anfang ist er die Geheimwaffe, der Alleskönner, der Retter in der Not. Ich weiß nicht, was ich ohne Schnuller gemacht hätte. Aber drei Jahre später hat sich die Stimmung gedreht: Ich werde das verflixte Ding einfach nicht los!

Ich weiß noch, dass ich anfangs geglaubt habe, ich brauche den Schnuller nicht. Wie eine Irre habe ich in der Schwangerschaft Bücher und das Internet gewälzt und über Saugverwirrung und Kieferfehlstellungen gelesen. Lieber gar nicht anfangen damit, dann haben wir eine Sorge weniger. Oh du naive Erstlingsmutter! Manchmal weiß ich nicht, ob ich deiner perfekten Weltvorstellung hinterhertrauern oder ob ich mich lachend auf dem Boden wälzen soll aufgrund deiner realitätsfremden Ansichten. In der Wirklichkeit war das die erste mir selbst auferlegte Regel, die ich gebrochen habe. Die erste von vielen. Und zwar direkt in der ersten Nacht im Krankenhaus, als ich um vier Uhr nachts völlig übermüdet und unter Schmerzen vom erfolgten Kaiserschnitt meiner brüllenden Tochter Matilda das pinke Wunderding in den Mund stopfte und danach wie von Zauberhand Ruhe herrschte.

Abgewöhnungsversuche

Der Schnuller war Allheilmittel, Super-Tröster und bester Freund. Von Schlaflosigkeit bis Schürfwunde konnte er alles heilen. Das Problem: Drei Jahre später ist er das immer noch. Matilda weigert sich seit knapp einem Jahr, ihren geliebten Schnuller abzugeben. Ab dem zweiten Geburtstag haben wir, wie empfohlen, angefangen, das Thema Schnuller langsam aber sicher zu Ende zu bringen. Anfangs noch auf sanfte Art und Weise mit geduldigen Erklärungen und lobenden Bemerkungen. Drei Monate später der Umstieg auf "kiefergerechte" Schnuller, nur zur Sicherheit, ist ja eh bald vorbei. Heute stehe ich kurz davor, alle Schnuller nachts heimlich in den Müll zu werfen und die apokalyptische Stimmung, die in den nächsten Wochen das Haus füllen wird, einfach stoisch durchzustehen.

Wir haben schon alles versucht. Schnuller-Hörspiele und Weg-mit-dem-Schnuller-Bücher werden zwar mit Begeisterung konsumiert, die Botschaft allerdings kommt nicht an bzw. wird freudig ignoriert. Lange Gespräche über das Erwachsenwerden und warum große Mädchen keinen Schnuller mehr brauchen, kommentiert Matilda mit einem demonstrativen Rückfall in die Babyphase inkl. Krabbeln, Babyflasche und Herauskramen von bereits aussortiertem Baby-Spielzeug.

In Ihrer Krippe hängt ein Schnullerbaum, an dem die Kinder ihre alten Schnuller festmachen und sich so von ihnen verabschieden können. Eine schöne Idee. Matilda hat sich letztens trotzig so ein altes zerkautes staubiges Ding abgerupft und in den Mund gestopft, als ich ihr ihren Schnuller verweigert habe. Selbst die übermenschliche Reaktionsgeschwindigkeit, mit der Mütter nach der Geburt gesegnet werden, konnte sie nicht mehr davon abhalten. In solchen Situationen frage ich mich, wann endlich das Desinfektionsspray zum Schlucken erfunden wird. Obwohl es sich mit dem Schnuller wie mit allen Babydingen post-erstes-Jahr verhält: Aus minütlichem Auskochen ist Kurz-an-der-dreckigen-Jeans-abwischen-passt-schon geworden. Bloß nicht selbst abschlecken, dadurch kann sich das Kind mit kariogenen Streptokokken anstecken. Dann lieber mit Matsch drauf wieder reinstecken, das ist gesünder. Eines der seltsamen Dinge, die hängen geblieben sind auf meinen informativen Reisen ins allwissende Internet.

Die Schnullerfee

Mittlerweile sind wir bei der Schnullerfee angelangt. Allerdings hat ein Anfängerfehler meinerseits dafür gesorgt, dass auch dieser Versuch als misslungen gelten kann. Für das Konzept "Geschenk für Schnuller" konnte sich Matilda sofort begeistern. Als ich aber mit einer Schüssel vor ihr stand, in den sie ihren Nuckel werfen sollte, damit die Schnullerfee ihn nachts mit dem gewünschten Flugzeug austauschen kann, war es vorbei mit dem Mut. Wie ein kleines Häufchen Elend stand Matilda schluchzend vor mir und versuchte tapfer, sich den heißgeliebten "Nulli" aus den zitternden Lippen zu ziehen, während eine einsame Träne ihre Backe herunterrann und ihre Augen traurig "Warum, Mami?" flehten. Da schlug mein Mutterherz an und ich bin für eine kurze Sekunde weich geworden. "Schatz, du musst das nur machen, wenn du wirklich dazu bereit bist!". Sechs Monate später schallt mir immer noch auf jede vorsichtige Rückfrage und Erwähnung des mittlerweile veralteten Flugzeugs ein "Noch nicht bereit, Mama" entgegen. Verdammt, nur ein Moment der Schwäche ...

Meine letzte Hoffnung war der erste Zahnarztbesuch kurz vorm dritten Geburtstag. Der furchteinflößende Mann in Weiß wird ihr mit plakativen Erklärungen und gruseligen Schaubildern von verschobenen Kiefern und krumm gewachsenen Zähnen schon beibringen, dass sie den Schnuller endlich aufgeben muss. Der Arzt war eine in heimeliges rosa gekleidete überaus sympathische Dame, die auf mein hartnäckiges Nachhaken Matilda über den Kopf strich und sagte: "Ja mein kleiner Engel, deine Zähnchen sind zwar alle völlig in Ordnung, aber so langsam musst du den Schnuller mal weglegen!" Na, vielen Dank auch!

Letztens habe ich einer Krippen-Mama erzählt, dass ich manchmal nachts schweißgebadet aufwache, weil ich im Traum meiner Tochter bei ihrer Abi-Rede den Schnuller aus dem deformierten Mund ziehe, damit man sie besser versteht. Sie meinte ganz locker: "Tina, als Mutter musst du dir die Kämpfe aussuchen, die du kämpfen willst. Da kommen noch einige auf dich zu!" Recht hat sie. Ich kümmere mich jetzt erst mal darum, dass Matilda keine Windel mehr trägt, wenn ihr das Abschlusszeugnis überreicht wird.

Schluss jetzt, weg damit! Der lange Abschied vom Schnuller pin

Der Schnuller ist Fluch und Segen zugleich: Für das Kind ultimativer Seelentröster, für die Eltern schnelle Lärmbekämpfung - aber wehe, die Zeit der Abgewöhnung bricht an. 

Gezwitscher

So langsam wird es knapp bei uns. Laut Kieferorthopäden markiert der dritte Geburtstag eine Art "Point of no Return": Wenn wir es bis dahin nicht geschafft haben, den Schnuller loszuwerden, können sich entstandene Kieferverschiebungen eventuell nicht mehr zurückbilden. Der Schnuller verhindert das parallele Schließen des Ober- und Unterkiefers und ein Ausbrechen der Zähnchen. Die Folgen sind Überbiss, hervorstehende Eckzähne, zu kurze Schneidezähne und und und. Noch drei Tage bis zu Matildas Geburtstag. Ich geh mal kurz weinen. 

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.