Selbstversuch: Einen Tag lang mal nicht schimpfen

MITTWOCH, 12.09.2018

Ständig meckerte ich: "Lass das! Sei brav!" Erreicht habe ich damit nichts. Dann entschied ich mich, den Spieß umzudrehen und hörte auf zu motzen. Wow …

Auch Mamis haben mal echt schlechte Tage. Bei mir sind die zyklusabhängig. Seit meiner Schwangerschaft bemerke ich selbst kleinste Hormonschwankungen in meinem Körper – meine Laune sinkt in den zweistelligen Minusbereich und niemand kann es mir in dem Moment recht machen. Vor allem nicht meine zwei kleinen Jungs. Also gehe ich wegen Kleinigkeiten so richtig an die Decke.

Brave Kinder sind unrealistisch

Im nicht hormonell beeinflussten Alltag sehe ich viele Dinge entspannter als mein Mann. Dennoch schimpfe ich regelmäßig. "Räumt das auf! Streitet euch nicht! Wieso könnt ihr nicht leise sein? Es wird nicht mit den Spielsachen geschmissen." Ich erlaube mir als Mami öfter mal motzig zu sein und schreibe meinen Minibären gleichzeitig vor, in jeder Situation angemessen zu reagieren. Ein echter Erziehungs-Fail, wie ich leider zugeben muss. Vor allem, weil ich mit dem permanent erhobenen Zeigefinger gar nicht mehr zu ihnen durchdringe. Psychologin Silke Rieckenberg erklärt das in einem Interview mit der Sueddeutschen Zeitung so: "Eltern müssen berücksichtigen, dass jederzeit folgsame Kinder unrealistisch sind. Wenn den ganzen Tag lang eine Aufforderung nach der anderen auf das Kind einprasselt, bekommt es das Gefühl, es sowieso nicht recht machen zu können. Und hört dann gar nicht mehr hin." Statt immer zu schimpfen empfiehlt Rieckenberg, die Kinder öfter positiv zu bestärken, wenn sie etwas richtig gut gemacht haben. Der Artikel gab mir sehr zu denken und ich wollte es gleich ausprobieren: Einen Tag lang nicht schimpfen.

Das Experiment beginnt

Ich suchte mir einen Tag aus, an dem ich selbst auch entspannt war. Ein Samstag. Den Hausputz erledigte ich am Nachmittag zuvor, der Wäschehaufen war relativ klein – zumindest so, dass ich ihn ohne schlechtes Gewissen ignorieren konnte. Wir hatten den Tag einfach nur für uns. Die Rahmenbedingungen waren optimal. Wir wachten entspannt mit den Kindern neben uns auf, kuschelten lange und ich erlaubte den Kindern sogar eine Viertelstunde die "Sendung mit der Maus"-App zu spielen. Zum Frühstück gab es Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade. Ein Wunsch meines dreijährigen Schleckermäulchens. Natürlich wollten mir beide Jungs beim Teig machen helfen. Es gab einen kleinen Machtkampf zwischen den Brüdern, Mehl staubte durch die Küche – ich blieb ganz ruhig, wir fanden ein Kompromiss und schnell war alles wieder gut. Die erste Herausforderung hatten wir bestanden und die Situation löste sich ganz ohne Schimpfen schnell auf. Schneller als sonst.

Tief durchatmen und auch mal wegsehen

Jetzt war es natürlich nicht so, dass der Tag nur entspannt lief. Spielzeugautos flogen durchs Zimmer, Legos purzelten die Treppe herunter und meine zwei Chaoten kloppten sich auch mal zwischendrin. Ich schimpfte aber nicht, sondern atmete tief durch, schaute auch mal in die andere Richtung und griff nur ein, wenn ich das Gefühl hatte, sie könnten sich weh tun oder wenn ein Streit eskalierte. Selbst dann holte ich sie ohne Gemeckere aus der Situation heraus, redete kurz mit ihnen darüber und ließ sie dann weitermachen. Das Erstaunliche war, dass nicht nur die beiden sich merklich kooperativer verhielten als sonst, auch ich entspannte mich immer mehr. Ich konzentrierte mich nicht nur auf die Dinge, die mich nervten, sondern auch das, was ich gut fand. Ihr unglaublich phantasievolles Spiel, ihr glucksendes Lachen, ihre Bereitschaft miteinander zu teilen ...und ich sagte es ihnen auch. Ich bestätigte ihre Kreativität und ihre guten Ideen anstatt ihnen mit meinem Gemotze den Wind aus den Segeln zu nehmen. Beim Abendessen erklärten mein Mann und ich den Jungs, wie schön der Tag für uns war. "Danke dass ihr das sagt!" strahlte der Große uns an! Kann es wirklich so einfach sein? Einfach nicht schimpfen und alles ist okay?

Grenzen gehören dazu

Natürlich war es dann doch nicht so einfach. Das Experiment funktionierte vor allem, weil wir weder einkaufen, noch in den Kindergarten oder zur Arbeit mussten und auch sonst einfach Zeit hatten. An anderen Tagen komme ich ohne ein paar lautere Worte dann doch nicht weiter. Aber ich achte jetzt verstärkt darauf, wann ich schimpfe und wann ich es auch einfach gut sein lassen kann. Mir ist aufgefallen, dass ich mich zu oft einmische, wenn die zwei Brüder sich streiten. Ich will schlichten, obwohl sie es eigentlich ganz gut alleine hinbekommen. Natürlich brauchen die Zwei ab und an ihre Grenzen – und zwar deutlich. Ich merke wie sie mich so lange reizen, bis ich einmal laut werde. Ich glaube sie fordern das dann ein. Aber seid ich weniger schimpfe, hören sie besser auf mich. Und ich merke, wie gut es ihnen tut, wenn ich sie im Alltag öfter positiv bestärke. Ich halte "Niemals schimpfen" für unrealistisch – allein schon deswegen, weil Eltern eben auch Menschen sind. Aber den Zeigefinger mal unten lassen, nicht alles so streng sehen und die Kinder einfach mehr Kinder sein lassen – das habe ich gelernt. Und es funktioniert ziemlich gut.

Selbstversuch: Einen Tag lang mal nicht schimpfen pin

Unsere Autorin testet einen Tag lang wie es ist, mal nicht zu schimpfen. Wie das funktioniert hat, liest du hier.

MeinSpatz Gezwitscher

Dieses Experiment begeistert uns: Mama Hannah sagte eine Woche lang "Ja" zu allen Wünschen ihrer Kinder. Was sie in der Woche gelernt hat, wo sie an ihre Grenzen gelangte, seht ihr in diesem wunderbaren Video.