#momlife: Der Tag an dem ich 35 Unterhosen kaufte

DIENSTAG, 27.08.2019 Hella B.

Trocken werden in drei Schritten? Das klappt offensichtlich nur bei den anderen. Unsere Autorin hat durchaus Kinder getroffen, die mit 2 Jahren verkündet haben, ab sofort auf die Toilette zu gehen. Damit das Leben aber nicht zu langweilig wird, haben sich ihre Zwillinge dazu entschlossen, das Thema windelfrei hübsch in die Länge zu ziehen. 

Fritzi und Emma waren zwei Jahre alt als ich den beiden je ein Töpfchen mitbrachte. Stolz präsentierte ich den beiden ein pinkes und ein graues Töpfchen und jede setze sich neugierig drauf.

„Easy“, dachte ich.

„Das läuft doch jetzt schon klasse. Wenn die beiden drei sind, haben wir es sicher geschafft.“

Erst viel später wurde mir klar, dass dies wieder einmal ein Moment war, in dem mein Hang zur Naivität zugeschlagen hat. Ja, es gibt sie, die Kinder, die mit zwei Jahren keine Windel mehr brauchen. Es gibt die Kinder, die von einem Tag auf den anderen freiwillig aufs Klo rennen. Das sind die Kinder, deren Mütter berichten, dass sie ein bis zwei Unfälle in der Unterhose miterlebt haben. Ich bin diesen Kindern begegnet, meine Kinder sind es nicht.

Das Töpfchen wurde sehr schnell uninteressant. Ich stellte es im Sommer in den Garten, aber sowohl Pipi als auch das große Geschäft landeten wahlweise auf dem Rasen oder im Planschbecken. Einen Kinderklositz hatte ich auch schon übereifrig besorgt, aber wenn ein Kind auf der Toilette saß, schaute es mich nur ratlos an. Halb so wild, dann dauert es eben etwas länger. Dachte ich.

Töpfchen-Training? Der Druck wächst zum Kindergartenstart

Als ich die Mädchen für den Kindergarten anmelden wollte, wuchs ein enormer Druck. Wirklich alle Erzieherinnen fragten danach, ob die Mädchen mit ihren knapp drei Jahren schon trocken seien. Ich mochte nicht lügen, merkte dann aber, dass eine Antwort wie „Wir sind auf dem besten Weg dahin“ einigermaßen hilfreich ist. Eine Leiterin eines Kindergartens wurde richtig sauer. „Sie müssen das trainieren! Setzen Sie ihr Kind halt aufs Klo.“ Ich hätte sie gerne gefragt, ob es ihr auch möglich sei, bitte morgen exakt um 14.16h ihr großes Geschäft zu machen.

Glücklicherweise sind wir in einem ganz großartigen Kindergarten mit sehr einfühlsamen Erzieherinnen untergekommen. Zunächst waren sie ambitioniert, den Mädchen die Windel abzugewöhnen, bis sie irgendwann die Schultern zucken. „Sie sind halt einfach noch nicht soweit.“

Im Freundeskreis wurden die Gleichaltrigen derweil einer nach dem anderen trocken. Ich schleppte nach wie vor die Windeln nach Hause und in den Kindergarten. Im Gegensatz zur Baby-Regenbogen-Welt in der Kita, herrschte jedoch ein rauer Ton unter den Kindern. „Ey, Du stinkst“, sagten die Vorschulkindern oder „Haha, Du hast ja immer noch eine Windel.“

7-er-Packs Einhorn-Unterhosen: Der Wäsche-Marathon darf beginnen

Mittlerweile trugen die knapp 3,5-jährigen Zwillinge zum Üben die Windel-Pants und langsam kam die Sache ins Rollen. Ab und an funktionierten es tatsächlich mit dem Pinkeln auf dem Klo. Und dann kam der große Tag. Niemals hätte ich gedacht, dass mich ein Häufchen so mit Freude erfülle sollte. Eins der Mädchen machte sein großes Geschäft auf der Toilette. Zwei Tage später dann das andere. Von da an zogen wir es durch. Es gab nur noch nachts Windeln. Spaß machte das aber keinem. Weder mir, noch den Erziehern, noch der Oma, die eine Woche Ferien-Dienst schob. Jedes zweite Mal ging’s in die Hose. Unsere Kinder haben einen enormen Stoffwechsel. Sprich: Es gab durchaus Tage, an denen mehr als acht Unterhosen draufgingen. Und so stand ich mit Fritzi und Emma im Laden vor den 7-er-Packs mit Einhorn-Unterhosen und ich kaufte sage und schreibe 35 Unterhosen. Ein dutzend für den Kindergarten, ein dutzend im Schrank, ein knappes dutzend für unterwegs und der Rest irgendwo zwischen Kind, Waschmaschine und Wäscheständer.

Sechs Wochen später sind wir zwar noch nicht komplett durch, aber mittlerweile klappt es durchaus gut. Wobei ich mir sicher bin, dass es in Sachen windelfrei noch diverse Überraschungen geben wird. Offensichtlich ist es ein Thema, bei dem viel verschwiegen wird. Genauso wie es Zweijährige gibt, die von einem Tag auf dem nächsten windelfrei sind, gibt es – natürlich nur inoffiziell – so einige Vorschul- und Grundschulkindern, die nachts die Windel brauchen. Das Thema Bettnässen klingt aber sehr viel uneleganter und scheint ein echtes Tabu-Thema zu sein habe ich beim Nachfragen festgestellt. Wäre doch schön, wenn Eltern darüber offen reden könnten, oder?

Trocken werden und keine Windel mehr brauchen ist ein Meilenstein in der Entwicklung jedes Kindes. Doch wann das soweit ist, entscheiden in der Regel die Kinder selbst.

Hella B.

Hella ist gerade mit ihrem Mann Christoph und den Zwillingen Fritzi und Emma von der Innenstadt an den Münchner Stadtrand gezogen. Sie spielt schlecht und gerne Klavier, kocht sehr gern und teilt mit ihren Mädchen das große Hobby lesen. Hella arbeitet für ein großes Kaffeeunternehmen im Bereich Social Media. Den Job als Mama hat sich Hella irgendwie anders vorgestellt - davon berichtet sie regelmäßig in ihrer Kolumne.