Vererbe ich meine Ängste an mein Kind?

MONTAG, 04.03.2019 Julia M.

"Was empfindet wohl mein Baby im Bauch?" Sickern Angst, Stress, Trauer und Schmerzen der Mutter bis zum Ungeborenen durch? Und wie schaffe ich es, dass mein Kind keine Angst z. B. vor Spinnen bekommt, wie ich?

Wie die Mama so die Kinder

In jeder Familie gibt es ein bestimmtes emotionales Klima. Kinder können Sicherheit, Verlässlichkeit und Geborgenheit spüren. Diese emotionalen Erfahrungen sind wichtig, um ihr eigenes inneres Wohlgefühl und Urvertrauen zu den Eltern zu entwickeln. Gehst du als Mama mit einem positiven und zuversichtlichen Gefühl durch dein Leben, wird dieses Gefühl auch auf dein Kind übertragen. Andersherum leider ebenso: Erfährt dein Nachwuchs stetige Trauer, Stress oder gar Angst, wird sich dies mit aller Voraussicht nach ebenfalls übertragen und dein Kind möglicherweise sogar negativ beeinflussen. Doch bereits in deinem Bauch, wird dein Baby wesentlich von deinen Erlebnissen geprägt werden. Schon seit Jahrzehnten konnten Frauen mit traumatischen Erfahrungen feststellen, dass ihre Kinder oft an ähnlichen Ängsten wie sie leiden. Bislang war jedoch unklar, wie sich solche Ängste über mehrere Generationen überhaupt "vererben" können. Forscher sind diesem Rätsel jetzt auf der Spur.

Angst: Das sind die neuen Erkenntnisse

Ausschlaggebend dafür ist ein Experiment, das im US-Bundesstaat Michigan gemacht wurde: Forscher koppelten bei weiblichen Ratten, die nicht trächtig waren, den Geruch von Pfefferminze mit leichten elektrischen Stromstößen. Normalerweise, so dachte man bis zu der Studie, können Ratten in ihren ersten zwei Lebenswochen keine Furcht lernen. Doch nachdem die Tiere Nachwuchs zur Welt gebracht hatten, wurden sie erneut mit Minzduft konfrontiert, diesmal ohne Stromschlag. Es bedurfte nur einer einzigen durch Pfefferminzgeruch hervorgerufenen Angstattacke der Mutter, und ihr Nachwuchs war dauerhaft traumatisiert. In den ersten Tagen ihres Lebens lernten die Jungtiere also in der Gegenwart der Mutter die Aversion gegen Minze, ohne dass sie selbst schlechte Erfahrungen gemacht hätten. Weiterführende Versuche zeigten, dass der Geruch der ängstlichen Mutter ausreicht, um diese Reaktion zu triggern. Dabei war es egal, ob es sich dabei um die leibliche Rattenmutter handelte – auch eine traumatisierte Ziehmutter konnte mit ihrem Angstgeruch ein Trauma weitergeben.

Die Studie könnte erklären, wie Ängste auch bei Menschen unbewusst über Generationen weitergegeben werden. Denn die Ergebnisse, so die Forscher, sind auch auf den Menschen übertragbar. Kleinkinder können schon sehr früh im Leben von mütterlichen Angstbekundungen lernen. Bevor sie ihre eigenen Erfahrungen machen können, erwerben sie im Grunde bereits die Erfahrungen ihrer Mütter.

Bedenke: Du bist das große Vorbild deines Schatzes

Nicht nur in den ersten Tagen, sondern auch in den weiteren Wochen, Monaten und Jahren beeinflusst dein Verhalten das Angstempfinden deines Kindes. Hat es dich z.B. kreischend aus dem Zimmer herauslaufen sehen, weil eine dicke, fette Spinne an der Zimmerdecke hing, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es kein positives Gefühl oder auch nur kindliche Neugier für die Tiere entwickelt. Passiert dies öfter und tötest du sogar konsequent die Spinnentiere, erfährt dein Kind: Spinnen sind gefährlich und müssen getötet werden. Die Angst vor den Tieren ist somit schon in jungen Jahren gesät und wird in den nächsten Jahren im Zusammenleben mit dir noch verfestigt. Gehst du aber anders mit der Situation um und zeigst deinem Kind beispielsweise das Tier, unterhältst dich über die vielen Beine oder die Funktion des Netzes und erklärst, dass du Spinnen einfach nicht gerne im Haus hast, wird dein Kind möglicherweise nicht unbedingt ein Spinnenfreund, es baut aber auch keine Angst auf. Denn es hatte Gelegenheit, sich mit der Spinne zu beschäftigen und zu lernen, dass sie ihm nichts Böses tut.

Ein Bilderbuch gegen Spinnenangst?

Hol dir Hilfe, z. B. in Form eines Bilderbuchs, wie "Die kleine Spinne Widerlich" (8,90 Euro, Baumhaus, ab 3 Jahren). Dieses Buch ist nicht nur etwas für kleine, sondern auch für ein bisschen größere Angsthasen. Denn für die Eltern ist ebenso der ein oder andere Denkanstoß dabei. In der Geschichte geht es um die kleine Spinne, die nicht versteht, warum die Menschen Angst vor ihr haben. Sie versucht der Sache auf den Grund zu gehen und befragt andere Spinnen zu deren Meinung. Mit diesem Bilderbuch sieht man die Furcht vor Spinnen mal aus einer völlig anderen Perspektive. Es geht um Empathie, darum sich in andere hineinzuversetzen und jeden so zu nehmen, wie er ist. Ja – auch Spinnen. Manchmal keine einfache Sache. Nach der Lektüre ist die Spinnenphobie sicher nicht geheilt. Aber es ist ein erster Schritt positiv an die Sache heranzugehen und eine Grundlage, deinem Kind zu erklären, dass jedes Lebewesen schützenswert ist. Und bei diesen Illustrationen ertappt man sich dabei, Spinnen plötzlich süß zu finden. Bis zur nächsten realen Begegnung…

Nimm die Angst deines Kindes ernst

Wenn dein Kind Ängste äußert, solltest du als Mama unbedingt darauf eingehen – auch wenn dir die Ängste als unwichtig oder irrational erscheinen. Belastungen in der (frühen) Kindheit können das Risiko erhöhen, an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken. Mach dir bewusst: Ängste gehören zur Entwicklung eines Kindes dazu. Damit sie aber nicht zu Angststörungen werden, ist eine angemessene Reaktion nötig. Das heißt nicht, dass du deinem Kind die Angst nehmen musst. Es hat mehr davon, wenn es erleben kann, dass Ängste zu verkraften sind und lernt, mit seinen Ängsten umzugehen. Genau, wie wir es dir in dem Spinnen-Beispiel erklärt haben. Gib deinem Kind also Sicherheit – durch liebevolle Umarmungen, Gespräche, eine Geschichte und Aufmerksamkeit. Versuche zu verstehen, wovor dein Kind Angst hat – das geht nur, wenn du dich mit ihm beschäftigst. Tipp: Schlag deinem Kind vor, die Situation aufzumalen, zu kneten oder in einem Rollenspiel auszuleben. Erzähle von einer Erfahrung, in der du selber Angst hattest. So baust du einen persönlichen Bezug in die Situation ein und dein Kind weiß die Angst besser einzuschätzen. Denn wenn du das Gefühl vermittelst, die Angst überwunden zu haben, ist dein Kind gewillt Gleiches zu schaffen – und wird es auch tun.

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Vererbe ich z. B. meine Spinnenangst weiter? Was kann ich tun, damit mein Kind diese Angst nicht bekommt?

MeinSpatz Gezwitscher

Es ist eine Sache zu sagen, dass du deine Ängste nicht auf dein Kind übertragen solltest. Was aber, wenn du bereits selbst von deinen Eltern Ängste übernommen hast und diese nicht los wirst? Eine Kollegin aus der Redaktion steckte genau in diesem Teufelskreis. Also besuchte sie während ihrer ersten Schwangerschaft eine Selbsthilfegruppe für Angststörungen. Das half ihr, sich ihrer Ängste bewusst zu werden – in einem geschützten Raum, ohne Verurteilung. Sie begann sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und konnte ihre eigenen Angstgefühle einordnen. Los geworden ist sie sie zwar immer noch nicht, aber sie bekam von den Moderatoren der Sitzungen Rituale und Atemübungen an die Hand. So kann sie in den jeweiligen Momenten durchatmen, ihre Ängste kontrollieren und sie vor allem nicht an ihre Kinder weitergeben. 

Julia M.

Die zweifache Mama könnte auf ihre geliebte Großstadt nie verzichten – und das trotz Familie und Hund. Wenn ihre wilden Jungs im Wald toben wollen, geht’s ab aufs Land zu Oma und Opa. Sie ist geschieden, aber glücklich liiert und liebt ihre Patchwork-Familie und die dreijährige Tochter ihres Freundes. Eigener Nachwuchs? Nicht ausgeschlossen.