Warum mein Einzelkind kein verwöhnter Egomane ist

MONTAG, 11.06.2018

Einzelkinder sind verwöhnt, egoistisch und unsozial? Diese Vorurteile gehen mir schon lange auf den Keks.  

Mein Sohn ist Einzelkind. Eigentlich wollte ich immer zwei Kinder, doch weil das Leben kein Wunschkonzert ist, blieb er eben allein. Heute ist der Junior zehn – und entwickelt sich prächtig. Verwöhnt? Auf jeden Fall! Teilt er seine Süßigkeiten mit anderen? Nur äußerst ungern! Und am liebsten streitet er mit mir, Geschwister hat er ja keine. Aber er ist ein helles Köpfchen, extrem selbständig und hat jede Menge Freunde. Und er erfüllt ganz selbstverständlich seine Aufgaben im Haushalt, deckt den Tisch oder bringt den Müll raus, denn es gibt ja weder Bruder noch Schwester, auf die er das abwälzen könnte.

Klischees gibt es viele

Die gängigen Klischees vom verhätschelten altklugen Egoisten, der sozial inkompetent als einsamer Wolf durchs Leben streift, treffen auf mein Einzelkind jedenfalls nicht zu. Auf mich übrigens auch nicht, denn ich bin selbst eins. Wenn ich mich anderen gegenüber als Vertreter dieser vermeintlich unsozialen Spezies oute, bekomme ich oft zu hören „Du bist aber kein typisches Einzelkind!“ Darf ich mich nun erleichtert fühlen, weil meine Eltern offenbar alles „richtig“ gemacht und mich nicht zu einer verwöhnten Soziopathin erzogen haben?

Warum gibt es Einzelkinder?

Heutzutage wächst in Deutschland laut Statistik jedes vierte Kind ohne Geschwister auf, die Gründe dafür sind vielfältig. Mal zerbricht die Familie nach der Geburt des ersten Kindes, mal spielen gesundheitliche, mal finanzielle Gründe eine ausschlaggebende Rolle. Meine Mutter war nicht mehr berufstätig bis ich aufs Gymnasium kam. In meiner Kindheit war sie zwar immer da, überbehütet habe ich mich jedoch nie gefühlt. Ich selbst bin nach einem Jahr Elternzeit mit 20 Wochenstunden in den Beruf zurückgekehrt, mein Einzelkind war bereits mit anderthalb Jahren ein Kindergartenkind und musste eben dort den sozialen Umgang mit Gleichaltrigen lernen. Nur einer der Vorteile: Mein Einzelkind konnte seine Spielgefährten „nach Feierabend“ zurücklassen und musste zu Hause nicht auch noch mit anderen um die Aufmerksamkeit von Mama oder Papa konkurrieren.

Nachteile der Geschwisterlosigkeit

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, fällt mir spontan ein: Ich habe mir immer einen großen Bruder gewünscht. Ganz abgesehen davon, dass ich meine Eltern damit vor eine unlösbare Aufgabe stellte – auch einen jüngeren Bruder bekam ich nicht. Oder eine Schwester. In meinen kindlichen Augen barg der Zustand der Geschwisterlosigkeit ein paar gravierende Nachteile: Ich hatte niemanden zum Spielen, wenn mir langweilig war. Auf dem Spielplatz alleine auf die Wippe? Pustekuchen! Wie habe ich auf Ausflügen Kinder mit Geschwistern beneidet, die hatten immer einen Freund dabei. Ich dagegen musste erstmal meinen ganzen Mut zusammennehmen und das fremde Kind auf der Schaukel anquatschen. Wenn ich etwas kaputt gemacht hatte, zog das Argument „Ich war’s nicht!“ leider so gar nicht. Und trafen sich meine Eltern mit Freunden ohne Kinder in meinem Alter, musste ich mich eben anderweitig beschäftigen. Noch heute lese ich viel und gern. Ohne Geschwister lernt man recht schnell, sich alleine zu beschäftigen. Mein Einzelkind kann das ebenfalls gut. Und während es hingebungsvoll in seinem Zimmer spielt, setze ich mich mit Kaffee und Buch in die Küche …

Vorteile für Einzelkinder

Meine Eltern haben sich damals – und wir sprechen hier immerhin von den 1970er-Jahren – bereits bewusst gegen ein zweites Kind entschieden. Im Familien- und Freundeskreis wurden Häuser gebaut und zwei bis drei Kinder gezeugt, die Mütter blieben damals ganz selbstverständlich mit den Kindern zu Hause. Es gab keine Familienurlaube, nicht jeder konnte sich ein Auto leisten, die Kinder trugen die abgelegten Klamotten der älteren Geschwister auf. Doof, wenn das jüngste dann auch das einzige Mädchen war … Wir dagegen wohnten in einer Mietwohnung und fuhren jeden Sommer mit dem Auto zwei Wochen ans Meer. Wo ich jedes Jahr rasch neue Freunde fand. Auch ich trug gebrauchte Kleidung, aber seltener als andere. Meine Wunschliste zu Geburtstagen und Weihnachten wurde meist vollständig erfüllt, ich besuchte Schwimmkurse und Musikunterricht, durfte mich ausprobieren, ohne dass immer zuerst die finanzielle Lage durchgerechnet werden musste. Und auch sonst hatte ich Vorteile, die meine gleichaltrigen Freunde mit Geschwistern nicht kannten: Bei Ausflügen bekam ich Pommes UND Eis, die Rückbank im Auto gehörte mir meist allein und ich musste mit niemandem um das Fernsehprogramm streiten. Auch mein Einzelkind kann sich über den Mangel an spontaner Wunscherfüllung nicht beschweren: Das Geld für ein Schokocroissant beim Bäcker oder ein Überraschungsei an der Supermarktkasse sitzt auch bei mir locker. Ob mein Sohn seine Süßigkeiten mit anderen teilen kann? Klar – aber er muss es nicht! Jedenfalls zu Hause. Das Teilen mit seinen Freunden hat er bereits früh im Kindergarten gelernt.

Ermüdende Streitkultur

Erste Freundschaften schloss mein Einzelkind mit den Nachbarskindern, weitere fand es im Kindergarten. Wie ich selbst: Dort traf ich auch meinen besten Freund – ebenfalls ein Einzelkind – mit dem ich genauso erbittert streiten konnte, wie mit einem Bruder. Ich erinnere mich, wie wir uns als Siebenjährige im gemeinsamen Italienurlaub täglich darüber in die Haare gerieten, wer auf der Rückbank im Auto am Fenster sitzen durfte. Denn selbstverständlich wollten wir gleichzeitig auch beide nebeneinander sitzen … Einer der größten Nervfaktoren bei meinen Freunden mit mehreren Kindern ist übrigens „das ständige Gezanke“ unter den Geschwistern.

Einzelkinder haben positive Seiten

Ich bin mir sicher, ich ziehe keinen verwöhnten Egoisten groß. Im Gegenteil: Inzwischen gibt es genügend Studien, die belegen, dass Kinder, die ohne Geschwister aufwachsen sogar besonders freigiebig sind, da sie zu Hause nie zu kurz gekommen sind. Und weil Einzelkinder auf der Suche nach Spielgefährten öfter auf andere zugehen müssen, erweisen sie sich häufig als kommunikativ und sozial kompetent.

Mein Einzelkind hat übrigens in seinen bisherigen zehn Lebensjahren nie ernsthaft den Wunsch nach einem Geschwisterchen geäußert. Offenbar fühlt es sich alleine ganz wohl. Und ich? Ich vermisse den großen Bruder schon lange nicht mehr. Ich habe viele Freunde – und im Gegensatz zu Geschwistern konnte ich mir die aussuchen.

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Studien beweisen, dass die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung den Unterschied macht und nicht, ob ein Kind mit Geschwistern aufwächst.

MeinSpatz Gezwitscher

Einzelkind? Nichts für dich! Du willst so schnell wie möglich das nächste Baby? In unserem Artikel „Wann wird es Zeit fürs Geschwisterchen“ erfährst du, worauf du bei Nummer 2 achten solltest.