Wer hat Angst vor dem Nachtschreck?

MITTWOCH, 27.12.2017

Wenn das Kind nachts panisch schreit und sich nicht beruhigen lässt, fühlen Eltern sich hilflos. Wir verraten, was es mit dem Nachtschreck auf sich hat.

Der medizinische Fachausdruck für den Nachtschreck lautet "Pavor nocturnus" – das klingt wie ein Monster aus einem Disneyfilm. Und genau das ist es auch: Erstmal ganz schön erschreckend, aber im Grunde völlig harmlos. Bereits ab dem ersten Lebensjahr können Kinder den nächtlichen Ausnahmezustand erleben, besonders häufig tritt er zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr oder auch im Grundschulalter auf. Dabei sind Jungs etwas mehr betroffen als Mädchen.

Was genau ist der Nachtschreck?

Der renommierte Entwicklungsforscher Remo Largo beschreibt in seinem Ratgeber-Klassiker „Babyjahre“ das Phänomen: „Der Pavor nocturnus tritt typischerweise ein bis drei Stunden nach dem Einschlafen auf. Das Kind hat die Augen weit offen, reagiert aber nicht auf das Erscheinen der Eltern. Sein Gesicht und seine Haltung drücken Angst, Wut oder Verwirrung aus. Das Kind schwitzt ausgeprägt, atmet verstärkt und hat einen jagenden Puls. Es nimmt die Eltern nur begrenzt wahr. Wenn es angesprochen wird, gibt es keine oder verwirrte Antworten. Es gelingt den Eltern nicht, das Kind zu wecken. Wenn die Eltern versuchen, das Kind zu beruhigen, indem sie es streicheln und in den Arm nehmen, regt sich das Kind zusätzlich auf. Es stößt die Eltern weg und schlägt um sich.“

Was können die Eltern während eines „Pavor“ tun?

Und genau das versetzt viele Eltern in Panik: Sie kommen nicht an ihr Kind heran und fühlen sich absolut hilflos. Es zerreißt einem das Herz, wenn man seinen Spatz so sieht und man nichts tun kann um ihm zu helfen. Fast nichts. Das Wichtigste ist, selbst ruhig zu bleiben und darauf zu achten, dass der Nachwuchs sich nicht verletzt, während er wirr um sich schlägt. Manche Kinder lassen sich in den Arm nehmen, andere wollen nicht angefasst werden – unterstütze es in dem Bedürfnis, das es gerade hat. Sprich mit ruhiger Stimme. Auch ein Lied zu summen ist manchmal hilfreich – auch um dich selbst zu beruhigen. Ansonsten heißt es abwarten, bis der Schreck wieder verschwunden ist. Danach schlafen die Kleinen meist friedlich wieder ein und erinnern sich am nächsten Tag an gar nichts.

Woher kommt die nächtliche Panikattacke?

Beruhigend: Der Nachtschreck hat keinerlei negative Auswirkungen auf das Kind. Remo Largo nimmt Mama und Papa die Sorgen: „Der Pavor nocturnus gehört zum normalen Schlafverhalten, er ist keine Verhaltensauffälligkeit! Beim Pavor nocturnus liegt keine psychische Störung vor.“ Viele Eltern machen sich auch Sorgen, dass sie etwas bei der Erziehung falsch machen. Doch auch hier gibt Largo Entwarnung: „Ein Angsterschrecken ist nicht die Folge schwerwiegender psychischer Erlebnisse. Betroffene Kinder leben nicht häufiger in schwierigen familiären Verhältnissen als Kinder ohne Pavor nocturnus. Der Pavor ist auch nicht mit einem bestimmten elterlichen Erziehungsstil verbunden. Er ist nicht die Folge einer Fehlerziehung.“

Doch warum durchleben manche Kinder dann den Nachtschreck? Kinderärzte und Entwicklungspsychologen führen es zum Teil auf besonders ereignisreiche Tage zurück. Hat das Kind viel erlebt und viele Eindrücke gesammelt, kann es ihm schwerfallen, alle Reize zu verarbeiten. Du kannst testen, ob bei einem ruhigeren Alltag dein Kinder auch ruhigere Nächte hat. Der erste Pavor ist Schlimmste – er trifft einen meistens völlig unvorbereitet. Nach dem dritten oder vierten, werden auch Mama und Papa ruhiger und können besser einordnen, was gerade passiert. Mach dir immer wieder klar, dass die Panikattacke völlig normal ist und du weder Schuld bist, noch etwas daran ändern kannst. Und der kleine Zwerg hat Sekunden danach bereits alles vergessen und schlummert friedlich weiter. 

Was tun bei Nachtschreck pin

Der Nachtschreck ist schlimmer für die Eltern, als für die Kinder.

MeinSpatz Gezwitscher

Eine Kollegin aus der Redaktion begleitet der Nachtschreck schon längere Zeit. Ihr Kind hatte die erste nächtliche Attacke schon mit einem Jahr. „Obwohl ich weiß, was es ist und wie es abläuft, ist es doch jedes Mal wieder ein Schock. Meine Tochter schluchzt herzerweichend und schreit nach mir, aber wenn ich dann da bin, stößt sie mich weg. Das ist als Mama schwer zu ertragen. Ich merke zwar, dass ich jetzt etwas ruhiger bin als bei den ersten Malen, aber so richtig gewöhnen kann ich mich daran nicht. Das Phänomen wird auch Nachtterror genannt. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen.“